Freimut Wössner
Freimut Wössner

F. W. Bernstein über Freimut Wössners Cartoons

Spitzer Quark

Bis in die in die 70er Jahre hat Freimut Wössner viel gemacht, aber keinen Strich gezeichnet. Dann absolviert er einen Zeichenkurs in der Volkshochschule Schöneberg. Seitdem ist er im Gespräch. Er zeichnet Cartoons. Und was für welche! Er wird zum Chronisten unseres postmodernen Biedermeiers. (...)
Aus der Unsicherheit des Anfängers hat Freimut längst seinen unverkennbaren Stil gemacht. Er zeichnet sorgfältig, langsam, genau. Mit mehrfach angestricktem Strich umrandelt er seine Figuren, gibt ihnen mit Schraffuren und Strichlagen Gewicht und ihren Kleidern Stofflichkeit. Kaum Schatten. Er inszeniert seine Paperdramen auf hell ausgeleuchteter Bühne. Er pusselt nicht, er schummert nicht, keine Tricks, keine graphische Zauberei. Glanz ohne Wuppdich, völlig unflott stellt er seine Leute hin. Fast immer in ganzer Figur. Vollständig, ernsthaft, nur Strich auf Weiß - er zeichnet sie, als ob jede die erste wär und die letzte sein könnte. (...)
Um die Reden und Sprüche seines Schwatzwerks zu lokalisieren und realistisch zu inszenieren, hat Freimut eine Hängerregistratur. Bildmaterial stichwortweise. Die prallsten Sammelmappen zu den Rubriken »Reden«, »Stehen«, »Stadtlandschaft« und »Tisch« - womit schon viel über sein Werk gesagt ist. Schauplätze seiner Kurzdramen und Possen sind meist Straße, Tisch und Tresen. »Figur im Raum« heißt das auf kunstakademisch. Wie im Hoftheater zu Meiningen im 19. Jahrhundert sind bei Freimut Wössner Raum, Kulissen und Requisiten realitätsgestreu. Und da er keine Historienstücke inszeniert, heißt das immer hier und heute. Die Äußerlichkeiten müssen stimmen. Und zwei-drei präzise Detailreichen oft auch schon für den Eindruck der Milieugenauigkeit, den Wössner auch mit dem erreicht, was die Leute reden. (...) Wenn Freimut Wössner Tagespolitik »behandelt«, dann meist auf diese Art, als öffentliches Schwatzwerk. Sicheres Ohr für Tonfälle und sein literarisches Training durch Nonsens-Texte helfen ihm bei der Inszenierung und dramatischen Zuspitzung.
Zuspitzung? Kann man Quark zuspitzen?
Freimut Wössner tritt den Redequark sorgsam breit, dass der Quatsch ganz flache und zierliche Sprechblasen bildet. Wössner ist kein Romantiker, der an die Weisheit des Volksmundes glaubt, aber er ergreift uns immer wieder mit der vertrackten Poesie öffentlichen Schwatzwerks. (...)
In Freimut Wössners graphischem Staatstheater und auf seiner Volksbühne kommt viel Mief ans Licht. Und sind dies nicht wiederum Grundsubstanzen unserer spätbürgerlichen Alltagskultur, ja alles irdischen Lebens und Wuselns überhaupt, worein alles verwandelt wird und woraus alles wieder fließt und wonach alles schließlich mieft und muffelt? (...)
Freimuts Leute reden wenig, aber oft und dann viel. Und das dauert!
»So, Du bist überzeugt davon, dass das Leben in einer Wohngemeinschaft dem Leben in einer Kleinfamilie vorzuziehen ist?« »Ja. Weil dort alles gemeinsam gemacht wird, die ganze Arbeit und so. Und alles.« Und alles! Spürt man nicht fast das Brummen und Sausen vom Saum ihres Gewandes, wenn die Dings, die Dummheit, die allumfassende, umgeht und unser Tagwerk weit über Muff und Mief in komische Höhen hebt? (...)
Ob saudumms Geschwätz, ob Nonsense-Statement, satirische Miesigkeit oder Eulenspiegel, ob Schwejksche Subversion oder überhaupt: »Warum ich hier in der Toskana töpfere? Nun - erstens bin ich Toskanierin und zweitens brauche ich einen neuen Topf!« - alle wohlbedachtsamen Redebeiträge sind getragen vom unbeirrbaren Eigensinn seiner Figuren und vorgetragen im unverkennbaren Wössnerschen Sound.
Im Verein mit seinem Zeichenstil, der so gar keinen »komischen« Duktus aufweist, haben seine Cartoons die unwiderstehliche Wirkung von Aufführungen einer Laienspielschar und die Freunde der Wössnerschen Kurzopern brauchen zu ihrem Glück fast keine Pointen mehr und »Frau Witzkraftverstärker« kann Urlaub machen.

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