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Gemächlich und genussvoll
Tomi-Ungerer-Schau "Mein Elsass" in Kassel

 

Tomi Ungerer ist vielseitig. Für seine erotischen Zeichnungen ist er berühmt-berüchtigt. Seine gesellschafts-satirischen Blätter sind gefürchtet. Und für seine Kinderbücher wird er gefeiert. In der Kasseler Caricatura-Galerie nun kann man den Weltbürger als glühenden Regionalpatrioten erleben. Die Schau heißt "Mein Elsass" und zeigt 60 spöttische bis liebevolle Zeichnungen, die der 1931 geborene Straßburger seiner Heimat und ihren Narren, Genießern und anderen Originalen gewidmet hat. Als Zugabe sind in einem diskreten Kabinett erotische Zeichnungen aus einer Saarbrücker Privatsammlung untergebracht, auf denen sich ein alter Mann und eine junge Frau vergnügen.

Thema Nummer eins aber ist das Elsass. Auf den Blättern zum "Großen Liederbuch" (1975) hat es Ungerer zum märchenhaften Sehnsuchtsland verklärt. Eines der im fernen Kanada geschaffenen Bilder zeigt das idyllische Rheintal mit Städtchen auf einer Hügelkuppe zur Zeit der Weinlese. Auf einer anderen Zeichnungen entdecken wir einen Nachtwächter vor mittelalterlicher Stadtkulisse. Er lacht freundlich, während vorn die Ratten vorbeihuschen. Der heute in Irland und Straßburg lebende Weltklasse-Zeichner meint dazu: "Man muss sich fragen, ob das Elsass nicht direkt vom Mittelalter im Rentenalter gelandet ist." Der Elsässer mag es jedenfalls gemächlich und verschroben, vorsichtig und zurückgezogen, wie Ungerer in der Zeichnung "Das schneckenhafte elsässische Wesen" (1994) spöttelt. Aber der Elsässer ist auch lebenshungriger Genussmensch. So ringeln sich zum Zeichen des Wohllebens auf vielen Blättern der sympathischen Schau die Wurstketten, während der Wein in den Gläsern funkelt. Und beim Anblick der deftigen erotischen Szenen ist man dann überzeugt: Das lustige Paar kann nur aus dem Elsass sein.

Der während der deutschen Besetzung des Elsass aufgewachsene Künstler bekennt: "Ich bin Elsässer, nicht Franzose und auch nicht Deutscher." Die in der Vergangenheit oft missliche Lage des Elsass als Zankapfel zwischen den beiden großen Nachbarn brachte den "vaterlandslosen Gesellen" 1997 auf eine komische Zeichnung. Sie zeigt zwei Rollen Klopapier. Aua, das tut weh: An der einen hängt ein Deutscher Orden, an der anderen einer aus Frankreich. Das Elsass ist also wie eine Toilette: Immer besetzt. Aber diese Zeiten sind hoffentlich für immer vorbei.

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