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KASSEL.
Ein rundliches Männchen kämpft mit einem kleinen Schwertlein
gegen zwei über ihm baumelnde überdimensionale Schwerter
- zweifellos Deutschland und Frankreich. Bereits in dieser unscheinbaren
Zeichnung zeigt sich die ganze Genialität des 1931 in Straßburg
geborenen Tomi Ungerer, der seit mehr als 40 Jahren zu den weltweit
einflussreichsten und nicht zuletzt erfolgreichsten Karikaturisten
und Zeichnern zählt. Entstanden sind in Ungerers Künstlerleben
nicht weniger als 40.000 Zeichnungen und über 140 Bücher.
Eine
Ungerer-Werkschau mit 70 Arbeitern aus Straßburger Museen
sowie einer Privatsammlung, wie sie heute Abend in der Kasseler
Galerie Caricatura im KulturBahnhof eröffnet wird, nimmt sich
dagegen fast klein aus. Aber den Ausstellungsmachern ist es gelungen,
einen facettenreichen Blick auf Ungerers enormes Schaffen zu werfen.
Der
Ausstellungstitel - "Mein Elsass" - verweist auf seine
Heimat und Ungerers intensive Auseinandersetzung mit dieser geschichtsträchtigen
Region im Zentrum Europas, an der Schnittstelle zweier großer
Nationen. Die Schwerter namens Deutschland und Frankreich werden
von niemandem mehr offensiv geführt, und doch werden sie -
wenn wir Ungerer Glauben schenken - von den Elsässern noch
immer als latente Bedrohung empfunden. Der kleine elsässische
Don Quijote zieht gegen zwei Giganten zu Felde und hat kaum jemals
Aussicht, siegreich aus seinem Abwehrkampf hervorzugehen. Wie auch?
Mit
wenigen klar konturierten Strichen bringt Ungerer die elsässische
Paranoia auf den Punkt, nämlich von den beiden Mächten
dies- und jenseits des Rheins zermalmt und seiner Identität
beraubt zu werden. Was Ungerer den Elsässern dagegen ankreidet
sind Wagenburg-Mentalität, Realitätsflucht, Behäbigkeit
und die Verklärung der Vergangenheit.
Als
der Künstler in den 70er Jahren für längere Zeit
in Amerika lebte, saß er allerdings noch selbst, vielleicht
von Heimweh geplagt, diesen später von ihm kritisierten Topol
auf. Sein Elsassbild war eine mit Romantik dick bestäubte Zuckerbäckeridylle,
die in den liebevollen Illustrationen des "Großen Liederbuchs"
Eingang fand.
Aus
jener Zeit finden sich in der Ausstellung, die übrigens keine
weitere Station in Deutschland haben wird, viele wunderschöne
Beispiele. Wegen ihrer Liebe zum Detail, ihres Farbenreichtums und
ihrer nahezu andächtigen Stimmung geht von diesen malerischen
Blättern eine magische Anziehungskraft aus.
Vielen
ist Ungerer vor allem wegen seiner aggressiv-erotischen Sujets bekannt,
die er lange in allen möglichen Magazinen veröffentlichte
und mit denen er dem industrialisierten Sex der Moderne ein zweifelhaftes
Denkmal gesetzt hat.
Auch
dieser Aspekt seines Werks wird mit acht Beispielen berücksichtigt.
Man kann sich trefflich darüber streiten, ob diese Serie, die
den exzessiven Stellungskrieg zwischen einem Lustgreis und einem
jungen Mädchen zeigt, hier hingehört. Aber vielleicht
haben wir es ja mit dem geheimen Liebesleben der Elsässer zu
tun...
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