Der Yeti
(Hübsch von Funny van Dannen geklaut, sag ich aber nicht, weil soll ja keiner merken.)

Der Yeti ist mein Lieblingstier.
Er ist interessant.
Er lebt im Tiefschnee.
Warum ist unbekannt.

Der Yeti ist ein Wintertyp.
Sein Haar hat Seidenglanz.
Er hat ganz süße Ohren
und einen Stummelschwanz.

Sein Leben ist von Anfang an sehr friedlich.
Der Yeti ist (trotz all seiner Unbeholfenheit im alltäglichen Leben, also beim Einkaufen oder Kaninchengulaschzubereiten oder solchen Sachen) irgendwie niedlich.

Die Kritiker der Yetis haben natürlich Recht.
Die Glubschaugen sind eklig.
Die Pinkelei ist schlecht.
Sie schmatzen ziemlich laut beim Essen.
Doch muss man denn alles
Nach menschlichen Maßstäben messen?

Der Yeti ist mein Lieblingstier.
Er ist interessant.
Er lebt im Tiefschnee
Denn er hasst den Wüstensand.
(Das ist zumindest meine Theorie.)

Guten Abend meine Damen, guten Abend meine Herren,
liebe Kollegen, Freunde, Bewunderer,

Ich bin Joschas Nachbar. Nein, nein, ich bin nicht Herr Riebmann. Ich wohne nicht mit Joscha Wand an Wand. Ich wohne bei Joscha "übern Flur". Also für Berliner Verhältnisse. Berlin ist ja sehr groß. Wer weiß, wie viele Einwohner?! Sie? Ja bitte! 4,2 Millionen. Super! Spitze mitgemacht.
Da zählt auf jeden Fall knapp 3 Straßen weiter noch gut als "übern Flur". Und als Nachbar, das wissen Sie ja sicher selber, bekommt man ja von einem Menschen mehr mit als als Leser seines Buches. Ich will nicht sagen, dass das besser ist. Aber mehr. Und deswegen erlaube ich mir, hier und heute Ihnen ein wenig über den privaten Joscha Sauer zu erzählen, über den Mann hinter Nichtlustig und "wie ER so ist", wenn er ausnahmsweise mal nicht an seinen Witzen arbeitet. Ich sage immer "Witze". Er mag das nicht, wenn ich seine Cartoons so bezeichne. Hahaha!
Joscha lebt im angesagten Szenetrendfamilyareastadtteil Prenzlauer Berg. Ein freundliches Viertel. Herzlich. Wie eine große Familie. Man kennt sich. Man achtet sich. Man ist für den anderen da. Nix anonyme Großstadt. Das ist Berlin. Hier ist die Welt noch in Ordnung. Joscha ist sehr beliebt hier. Und das zu recht. Aufmerksam, hilfsbereit, zuvorkommend wie er ist. Nur die wenigen Adeligen des Viertels beäugen ihn ab und an... Julia von Blume2000: "Joscha?! Kenn ick nich. Aber die Tulpen sind heute im Angebot!"
Joscha ist ein angenehmer Nachbar. Ein Juwel im Kiez. Und ein ganz ganz lieber Mensch. Ehrlich. Das wird Ihnen jeder hier bei uns im Viertel bestätigen. Ein ruhiger Typ. Entspannt. Obwohl er ja früher, na sagen wir mal, nicht GANZ unproblematisch war. Die Menschen hier im Viertel sind ja tolerant. Früher ist er uns Nachbarn schon immer wieder durch Musik aufgefallen. Also, durch Musik über Zimmerlautstärke. Tagsüber. Und auch Nachts. Weil der feine Herr Sauer arbeitet ja am Liebsten nachts. Wenn wir Normalmenschen schlafen müssen, weil morgens um halb sechs Wecker und dann auf Schicht. Hiphop läuft dann bei ihm, Triphop, Elektromucke, die neue "Balu's Partyhitparade", Sie wissen schon. Was die jungen Leute heute halt so mögen. Ist ja auch ok. Ham wir ja früher auch gemacht. Und nichts gegen Musik. Der Mensch braucht Musik, das stimmt friedlich. Jedem das seine. Das hier ist ein freies Land. Dafür sind wir damals lange genug auf die Straße gegangen, Schilder hoch und so, damit heute jeder hören kann, was er will. Na klar. Aber eben die Lautstärke. Das ist so eine Sache. Die einen sagen so, die anderen so. Aber darum gibt's ja verbindliche Regeln. Die kommen ja nicht von ungefähr. Das ist ja keine Willkür. Und ist ja auch kein Problem. Ich hab zwar zu den anderen immer gesagt, lasst den mal, den Sauer-Jungen, der braucht das zum arbeiten. Verstehen sie mich nicht falsch, wir sind alle GROSSE FANS seiner Arbeit. Aber irgendwann hat dann einer von uns Nachbarn, der hier anonym bleiben will, nennen wir ihn deshalb einfach Markus W. oder besser M Punkt Witzel im Namen des Friedens bei Don Konopke angeklopft. Nichts Besonderes, no big deal, das war wohl ganz unkompliziert, der Don hat genickt, weil Verständnis, und seine Leute haben das dann, ich sag mal, "geregelt". Also, das war keine größere Sache. Das ist Berlin. Unkompliziert, unbürokratisch. Mit Herz und Schnauze. Joscha hat das Prinzip "Zimmerlautstärke" dann auch sofort verstanden. Haussegen wieder in Ordnung. Alles gut, alle zufrieden. Und auf dem Gips am rechten Arm haben wir auch alle unterschrieben. Ehrensache. Nachtragend ist hier niemand. Und das seine Witze seit dem etwas unregelmäßiger ins Netz kommen, nimmt ihm hier niemand krumm. Nein, das ist Berlin. Hier ist die Welt noch in Ordnung.

Nachmittags treffen wir uns gerne zu einer Partie Tischtennis an der nahe gelegenen Grundschule "Carl von Ossietzky". Joscha ist Schnippel-König. Er macht großartige Angaben. Seit einiger Zeit sogar mit Links. Auf dem Schulhof gibt es drei Platten und der Tischtennistisch ist eine gute Abwechslung zum Zeichentisch. Das ist Bewegung, aber nicht zu viel. Und plauschen kann man beim Spielen auch immer schön. Über Witze, über Weiber, über das neuste aus der Nachbarschaft. Wir spielen meistens an der Platte ganz rechts, die linke hat so ein paar Macken an der Oberfläche, da springt der Ball doof und die in der Mitte ist ohne guten Grund unbeliebt.
Wir spielen seit knapp einem Jahr jetzt mehr oder weniger regelmäßig. Und hoffen immer noch, dass Street-Tischtennis bald zu einer coolen Trendsportart wird und wir ganz vorne mit dabei sind. Wäre schon schön, vor allem, wenn man dann beim Outfit stilbildend wäre. Damit nicht solche Peinlichkeiten wie beim Joggen, Skaten oder Radfahren bei rauskommen. Mal sehen. Sehr interessant ist, dass es bei uns einen Schlag gibt, den wir "den Sauer" nennen. Weil Joscha den unglaublich gut und mit hoher Präzision beherrscht. Und der geht so: Das Spiel läuft, toc, tac, toc, der Ball fliegt hin und her und jemand, zum Beispiel ich, erwischt den mit viel Glück sehr gut in die hintere Ecke platzierten Ball grade noch so mit einem hocheleganten Sprung zur Seite. Was allerdings zur Folge hat, dass der Ball in einem sehr hohen Bogen über das Netz geht. In steilem Winkel stürzt er mit nicht allzu powerhafter Geschwindigkeit zurück auf die Platte, dotzt auf, tac, und springt in einem guten 45° Winkel auf den Gegner zu. Der Gegner ist Joscha, der mit ruhiger Miene und leicht zugekniffenen Augen den ankommenden Ball genau im Visier hat. Für jeden anderen wäre das eine perfekte Vorlage für einen unzurückspielbaren Schmetterball. Ein billiger, aber sicherer Punkt. Für Joscha dagegen die einmalige Chance, "den Sauer" zu machen. Und das macht er auch.
Der Ball kommt auf ihn zu. Joschas linke Hand schließt sich etwas fester um den hölzernen Griff seiner Joola-Kelle. Die Sonne schweigt und es wird plötzlich ganz still. Joscha atmet ein; sein Körper verfällt in eine anmutige Anspannung. Der Ball bewegt sich weiter auf ihn zu, aber alles scheint Matrix-mäßig einen auf Zeitlupe zu machen. Sein Herz pockert, die Vögel auf den Dächern verstummen. Über seinen Augen bildet sich eine markante Falte. Seine Pupillen verengen sich unmerklich. Vor lauter Konzentration fließt der Schweißfilm auf seiner Stirn in die Poren zurück. Die Platte biegt sich, Pflastersteine des Schulhofs vibrieren vor Anspannung und die umliegenden Gebäude halten die Luft an. Joschas Yin und Yang sind eins. Raum und Zeit existieren nicht mehr. Der ganze Prenzlauer Berg, nein das ganze Universum fokussiert sich auf diesen Moment. Bis der Ball die richtigen x-, y- und z-Koordinaten erreicht hat. Dann geht auf einmal alles blitzschnell: Geschmeidig holt Joscha weit aus, sein Arm ist kaum mehr zu sehen, eine hoch-schwungvolle Bewegung aus einem festen Handgelenk, der genoppte Schläger zerteilt die Luft des Schulhofes. Mit der Wucht eines Düsenjets trifft das Gummi der Schlägeroberfläche auf das weiße Rund des Balles, bremst ihn ab, verformt und stoppt ihn für eine Millisekunde um dann die Flugbahn um 180° zu drehen. Der Ball atmet auf, die Welt mit ihm, er fliegt, er schießt über das Netz, ein Nebelstreif, dabei verliert er kontinuierlich an Höhe, jedoch nicht an Geschwindigkeit, nähert sich der anderen, der gegnerischen Seite der Platte, um dann mit einem kaum hörbaren WOSCH genau, aber ganz genau, die Metallbande des hinteren Plattenrands… um wenige Zentimeter zu verfehlen.

Wenn Joscha in seiner Arbeit "den Sauer" macht, läuft das ähnlich ab. Ähnlich konzentriert, die Tischtenniskelle mit einem Edding vertauscht, zielt er und trifft mit seinen Zeichnungen genau wie an der Platte: Knapp drüber. Über das Bekannte, über die Erwartung, über die Konvention. Joscha ist ein Überflieger der Komik. Und das im besten Sinne. Wenn Humor auf der Tischplatte stattfindet, dann druckt man ihn gerne in die Friseurzeitschriften der Salons "Bei Erna". Wenn er drüber geht, dann erweitert er den Horizont und bereichert die Herzen.
Jetzt groß zu lobhudeln ist Unsinn. Schauen Sie sich um, seine Cartoons sprechen für sich. So wie der Yeti mein Lieblingstier ist, ist Joscha mein Lieblingscartoonist. Ich bin froh und stolz sein Nachbar, Tischtennispartner und Freund sein zu dürfen. Und ich kann gut damit leben, dass er so gute Über-Witze macht. Denn immerhin ich gewinne so beim Tischtennis.

Vielen Dank.

Laudatio auf Joscha Sauer von FLIX (Comiczeichner) am 8.4. 2005 in der Caricatura in Kassel


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