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Die Unerreichbarkeit
der Stubenfliege
Kunst ist so
sinnlos: Rudi Hurzlmeiers "Animalische Malerei" im Frankfurter
"Caricatura"-Museum
Von Hans-Jürgen Linke
Natürlich
ist das ein Widerspruch in sich: komische Kunst. Macht aber nichts,
kann es ja trotzdem geben, es gibt so viele Widersprüche. Und
bei Rudi Hurzlmeier ist beides gleichermaßen vorhanden, Kunst
und Komik und somit jede Menge Widerspruchsgeist. Das kann man jetzt
im Historischen Museum in der Caricatura-Ausstellung "Ru di
Hu, Animalische Malerei" sehr schön bebildert finden.
Hurzlmeier grenzt sich, wenn er seine Arbeiten erklärt, eher
ab gegen den Anspruch, Kunst zu produzieren, als gegen Komik. Er
findet seine Arbeiten durchaus lustig und erzählt mit beschwingtem
Ernst, wie seine Bilder aus zufällig vorbei schwebenden Kompositionsideen,
zahlreichen Übermalungen, nachträglichen Einfügungen
und skurrilen Titeln entstehen.
Na gut, und
einen kleinen Kunstanspruch gibt er schon zu: "Dafür,
dass ich erst seit drei Jahren solche Bilder male, bin ich doch
schon ganz gut", findet er. Findet er zu Recht. Er ist so gut,
dass man jetzt locker eine Ausstellungsrezension schreiben könnte,
in denen Wörter wie figurativ und narrativ, pastos, Maltechnik,
ausloten, Reverenz und Referenz, surreal und magischer Realismus
vorkämen. Vielleicht sogar, nein, ganz bestimmt "Arbeit
am Mythos". Zum Beispiel am Mythos des Einhorns.
Aber Rudi Hurzlmeier
macht komische Kunst, also würden ihn solche Worte durchaus
belustigen. Komische Kunst, das ist für ihn eine Pauschalerlaubnis,
alles Mögliche zu machen, und zwar schamlos und ungeniert.
Er kann in jedem ikonografischen Vorrat herumwühlen, kann Pathosformeln
verwenden, kitschig sein, Schweinkram malen. Er kann sagen, dass
er am liebsten Frauen male und Pferde und "neuerdings Gebirge"
und sich nonchalant zum "niederbayerischen Landei" erklären.
Er kann den bewundernswerten Wind in der Mähne eines Pferdes
damit erklären, dass ihm der Pferdekopf "einfach misslungen"
sei, da habe er halt diesen Wind erfunden, das sähe "eigentlich
doch jetzt viel besser" aus. Er kann eine Ophelia als pin-up-mäßig
aufgebustes Präraffaeliten-Zitat schwimmen lassen und mit Frosch-Applikationen
und kunstvollen Wassertropfen zur Perlentaucherin erklären,
er kann eine Schneegans und einen kriegerischen Kormoran nach Pearl
Harbor zaubern und künstliche Gurken ruhend auf einen Wasserfall
und ein blauweißes Getobe Liebestolle Tümmler nennen.
Komisch, sagt
Rudi Hurzlmeier, sei das Bemühen der Kunst um Erhabenheit wie
auch der Verzicht darauf. Komisch, sagt Rudi Hurzlmeier, sei Kunst
immer, wenn man lang genug hinschaue, denn sie könne noch so
kunstvoll, wunderbar und komplex sein und trotzdem sei eine einfache
Stubenfliege um ein vielfaches kunstvoller, wunderbarer und komplexer.
Komisch, sagt er, sei auf einem ernst dreinschauenden Selbstporträt
mit weißem Pferd "die Frisur". Also seine eigene,
nicht die des Pferdes.
Und an der Amazonenforscherin
ist komisch, dass sie sich so widerstandslos von der Schlange verschlingen
lässt und dass sie eigentlich eine Amazonasforscherin sein
müsste. Oder gibt es in der griechischen Mythologie irgendwo
eine Anakonda? Eher nicht. Genau so wenig wie das märchenhafte
Einhorn eine Kreuzung aus Pferd und Nashorn ist, aber man kann's
ja mal probieren. Die Hüften übrigens, sagt Rudi Hurzlmeier
noch, die Hüften der Amazonenforscherin seien zu breit, aber
die Bildkomposition leide eigentlich nicht darunter.
Das Komische
ist, dass Rudi Hurzlmeiers Erzählungen zu seinen Bildern zwar
vielfach komisch sind, aber sie machen die Bilder weder komischer
noch weniger komisch. Weil die Bilder sich so wenig scheren um Dürfen
und Nichtdürfen und Avantgarde und Ausloten und so fort, sind
sie stärker als jede Erzählung über sie und lustiger
als jedes Lustigmachen. Sie sind sich selbst immer ein bisschen
voraus und holen sich zugleich auf den Teppich herunter, einen schön
gemalten Teppich. Sie lassen sich schwer fassen und schon gar nicht
festhalten, sie schweben eher eigensinnig im freien Raum. Sie tun
also etwas, was eigentlich gar nicht geht. Das kann nur Kunst.
Frankfurter
Rundschau 10.7.2003
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