Ein ewiger Strom:
Uns hebt die Welle,
Verschlingt die Welle
Und wir sinken.
aus: „Grenzen der Menschheit“, von J.W. v. Goethe, einem Lieblingsgedicht von Chlodwig Poth
Der Fels in der Brandung
Erinnerungen an den großen CHLODWIG POTH
Heute, einen Tag nachdem Chlodwig Poth uns allein gelassen hat, kann ich noch nicht gewählt über seine begnadete Zeichenkunst, seine Bedeutung für die deutschsprachige Satire schreiben. Jetzt habe ich nur Erinnerungen. Und je mehr Erinnerungen es werden, um so größer, klaffender erscheint mir die Lücke, die er hinterlässt...
Das Ärgern wollte er nicht aufgeben, der Berufsärgerer. Aber es hatte in den letzten Jahren eine andere Qualität bekommen. „Ich ärgere mich über meine verdammten Augen und über diesen verdammten Krebs“, erzählte er am Telefon, „aber das macht keinen Spaß mehr. Auf diese Weise alt zu werden, macht überhaupt keinen Spaß mehr.“ Wann hat denn Ärgern je Spaß gemacht ? „Wenn man den Hauch einer Chance sieht, dass sich was ändern lässt.“ Das
Unausweichliche ist satirisch betrachtet, kontraproduktiv.
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Chlodwig Poth hat in seinem Leben viele Gründe gefunden, sich sinnvoll zu ärgern. Das Nazi-Deutschland, das Adenauer-Deutschland, die Merkwürdigkeiten danach und vor dem Wiedervereinigungs-Deutschland; und dann ging es erst richtig los. Er hatte die Gabe, aktuelle wie angesammelte Wut in kreative Bahnen zu lenken, aus heißem Kopf ganze Feuerwerke ironischer und sarkastischer Spitzen abzubrennen - wenn ihm das zur eigenen Zufriedenheit gelang, war er still zufrieden, glücklich fast, eine Mischung aus Marx und Boddhisattva. Oder nicht? Man musste ihn schon eine ganze Weile kennen, um hinter dem wuchernden Bartgeflecht die Trauer um seinen Mund entdecken zu können.
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„Lass uns zum Garten gehen !“ schlug Chlodwig an einem seiner besseren Tage vor etwa zwei Jahren vor, und ich folgte ihm gern. Wir machten einen kleinen Umweg mitten durch Sossenheim, jenem Vorort, der nicht besser und nicht schlechter ist als jeder andere Vorort, und den Poth nimmermüde und unendlich fleißig immer wieder gezeichnet hat, bevölkert mit all den Vorteils-Kalkulierern, die es so nur dort und auch überall sonst gibt. Wie ein Museumsführer wies er auf jenes Haus und dieses Geschäft, hatte all die Dorfgeschichten parat, die sein kleines Panoptikum so einzigartig und allgemeingültig sein ließen. Ein Stück durch die Feldmark - und jetzt waren es die Sträucher, die Steine, die Wolken, über die er wie über liebe Verwandte zu berichten wusste. Endlich dann der Schrebergarten, das wilde pothsche Paradies inmitten der linealgezogenen Rabatten der Nachbarschaft, Annas und Chlodwigs stiller Stolz. Seine Freunde Achim und Martin von der Caricatura hatten grad ein Gewächshäuschen gebaut, das intensiv bewundert werden musste. Chlodwig ließ sich in die alte Schaukel fallen, ich zog mir einen Stuhl heran, und wir schwiegen lange. Wie er da so saß, in die Sonne blinzelnd, hin und wieder tief einatmend, ganz im Hier und Jetzt, fiel mir etwas ein. „Erinnerst Du Dich noch, was der Alfred Edel damals in diesem Interview über Dich gesagt hat, als er den ganzen Kreis der NFS in jeweils einem Satz charakterisieren sollte ?“ „Ja“, kam es sofort von der Schaukel, „er hat gesagt, ich sei der Fels in der Brandung.“ Tiefes Einatmen. „Jetzt bin ich es wohl. Der Fels in der Brandung. Fürwahr. Fürwahr.“
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Aus dem Skript eines Gesprächs mit Hans Traxler, zum Buch „30-60-90“ :
Traxler : Wir sind ja in den 60er Jahren unter dem Gesetz angetreten, den Staat, die Macht in Frage zu stellen. Antiautoritär zu sein. Den Großkopferten die Luft abzulassen. Der Bundespräsident hat Dir doch mal in einer Talk-Show nahegelegt, positive Satire zu machen.
Poth : Es gibt keine positive Satire.
Ich werde Dir nicht widersprechen, lieber Chlodwig. Aus Deiner Sicht hast Du gewiss recht gehabt. Es gab keine positive Satire. Aber : vielleicht hast Du sie erfunden. Niemand, der Dich erleben durfte, blieb davon unberührt. Und vielleicht ist das der Trost, den wir jetzt haben dürfen: Deine Kunst, Deine Ideen, Deine Freundschaft, Deine Unbezwingbarkeit, Deine Güte sind ein Teil von uns geworden. Wir wollen, wir werden, wir : können Dich nie vergessen.
WP Fahrenberg, Ausstellungsmacher in Göttingen, dankbar für fast 25 Jahre Freundschaft und Zusammenarbeit