Kirchenzeitung
Menschen im Netz der Medien verfangen
Caricatura zeigt Bildergeschichten

 

Ein Fernseher steht in der Mitte des Raumes. Der viereckige Kasten hat auf jeder Seite einen Bildschirm, und um ihm herum flegeln sich in tief gepolsterten Sesseln Vater, Mutter, Sohn und ein Baby. Vor jedem flimmert ein eigens Programm. Chipstüten und Bierflaschen bedecken den Boden.

So sieht der Karikaturist Gerhard Haderer seine "Fernsehfamilie". Mit dieser Karikatur hat Haderer im vergangenen Jahr den ersten Preis des "Vierten Berliner Karikatursommers" gewonnen. 300 Cartoonisten aus 45 Ländern präsentieren in Berlin in Zusammenarbeit mit der Cartoonfabrik Köpenick ihre Bildergeschichten und Karikaturen zum Thema "Medien". Eine Auswahl der besten Arbeiten ist zur Zeit in der Caricatura, der Galerie für komische Kunst, in Kassel zu sehen. Rund 100 Zeichnerinnen und Zeichner aus dem In- und Ausland präsentieren unter dem Titel "Menschen - Medien - Mutationen" ihren Blick auf die Medien und deren Wirkung auf die Konsumenten.

In vielen Wohnzimmern ist das "Zappen", das Hin- und Herspringen zwischen den Fernsehkanälen, zum allabendlichen Sport geworden. Damit holen sich viele Menschen Talkshows, Katastrophen, Kriege und Familienshows in ihre Häuser. Anlaß genug für die Karikaturisten, sich dieses Themas anzunehmen. Deutlich wird dabei, daß die Medien ein allumspannendes Netz um die Menschen bilden. Ihrem Einfluß kann sich niemand entziehen. Auch die Kirchen nicht. So zeigt zum Beispiel eine Karikatur in der Ausstellung die Arche Noah, auf der sich zahlreiche Tiere versammelt haben. Sie schauen einträchtig in eine Richtung: Auf der Mattscheibe des Fernsehers steht eingeblendet "das Wetter". Oder aber die Zeichnung von Milen Radev. Er überträgt das Motiv von Lot in die heutige Mediengesellschaft. So erstarrt Lots Weib vor dem Fernseher zur Salzstange.

In der Ausstellung wechseln sich Schwarzweißzeichnungen mit farbigen Cartoons ab. Besonders bemerkenswert sind die Portaits von Medienstars der Gruppe "Eyecatcher". Sie zeigen Harald Juhnke am Tropf und Wolfgang Lippert auf der Couch. Das junge Kreativteam aus Bergisch Gladbach modellierte Marcel Reich-Ranicki als eine gelungene Puppe und hat damit den Literaturkritiker auf unnachahmliche Weise eingefangen.

Makabres, wie die Zeichnung von Julia Drinnenberg, auf der Sterbende bei der letzten Ölung in Scharen zur "Sallwette" von Thomas Gottschalk geschoben werden, wechselt sich ab mit Heiterem, wie ihre Zeichnung von zwei Engeln mit Walkman. Auffällig ist, daß sich die meisten Karikaturisten mit den herkömmlichen Medien wie Fernsehen, Zeitungen und Zeitschriften beschäftigen.

Eine Ausnahme bildet Klaus Stuttmann. Der Berliner Karikaturist entwirft ein Bild der Medienlandschaft mit den neuen Medien im nächsten Jahrtausend. Auf der Frankfurter Buchmesse im Jahre 2010 zeigt er einen leeren Raum. Die Antwort auf die Fragen nach den Verlagskojen: "Das finden Sie alles hier auf dieser CD-ROM." Vielleicht ein Ausblick auf die Situation in den USA, denn dort sich schon jetzt an manchen Tagen mehr Menschen zwischen 19 und 22 Uhr im Computernetz miteinander verbunden als Benutzer vor dem Fernseher.

Prognosen zufolge wird im Jahr 2000 die Hälfte aller Haushalte mit einem Personalcomputer ausgestattet sein, und in zwei Drittel aller Berufe wird der PC Einzug gehalten haben. Für den Karikaturisten Erich Rauschenbach aber nicht nur im Beruf, sondern auch im Kinderzimmer. Sein bösartiger Spott richtet sich gegen zwei Eltern, die ihrem Kind in einem High-Tech-Kinderzimmer beim spielen zusehen.

Bei allen Karikaturen, ob heiter oder besinnlich, makaber oder spöttisch, bleibt einem jedoch das Lachen im Halse stecken. Zeigen sie doch nur allzu deutlich, in welchem Maße die Medien Einfluß auf die unterschiedlichen Lebenswelten von Kindern und Erwachsenen genommen haben.

Zurück

Startseite