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Medien
sind unser aller Leben: Die Schüssel auf dem Dach, der Fernseher
im Wohnzimmer vor der Couch, die Zeitung auf dem Tisch, das Magazin
auf dem Schoß, das Radio in voller Lautstärke und daneben
der Computer, der einloggt ins Internet. Unsere comichaft multimediale
Lebensweise schreit geradezu nach einem satirischen Kommentar im
Comic-Format. 1995 veranstaltet daher die Cartoonfabrik Köpenick
e.V., eine Art Zusammenschluß von Ausstellungsmachern und
Zeichnern, den sogenannten Köpenicker Karikaturensommer, ein
internationales Festival, das in der Szene auf viel Interesse stößt
- nicht nur hier in Deutschland, sondern auch in vielen anderen
Ländern. Der Verein Caricatura präsentiert nun im Kasseler
KulturBahnhof die Ausstellung »Menschen - Medien - Mutationen«,
das Ergebnis einer Zusammenarbeit mit der Cartoonfabrik Köpenick
- alles zum Thema Medien. Jörg Adrian Huber war dort.
Der
Wegweiser auf der Autobahn trägt einen dicken weißen
Pfeil nach rechts mit der Zielangabe »Glücksmillion«,
»Goldmillion« und »Der Preis ist heiß«.
Ein vollbesetzter Reisebus mit der Aufschrift »Gameshow-Tours«
biegt an dieser Stelle ab. An seiner Rückseite trägt er
das Schild »Achtung - Lebendes Klatschvieh«. Das Aquarell
von Rudi Hurzlmeier ist eine von 100 Auseinandersetzungen mit der
Medienwelt, die der Verein Caricatura derzeit im Kasseler KulturBahnhof
präsentiert. Die Arbeiten sind eine Auswahl aus 2.000 Karikaturen,
die der Ostberliner Cartoonfabrik Köpenicker im vergangenen
Jahr auf ein Preisausschreiben eingesandt wurden. Da trifft man
auf so bezaubernd minimalistische Arbeiten wie die von Reiner Schwalme,
einer Kohlbezeichnung, die einen lesenden Mann zeigt. Als Lichtquelle
in stockfinsterer Nacht dient ihm die leuchtende Mattscheibe des
Fernsehers. Man trifft aber ebenso auf vollständig ausgearbeitete
Aquarelle und regelrechte Ölgemälde wie das von Gerhard
Haderer, das die Titelseite des Ausstellungskatalogs schmückt
und den Titel »Fernsehfamilie« trägt: Vor einer
Konsole mit vier unterschiedliche Programme im 90-Grad-Winkel abstrahlenden
Monitoren haben sich Vater, Mutter, Sohn und Säugling versammelt,
in einem einzig mit Fernsehsesseln möblierten Wohnzimmer, jeweils
ihr Zielgruppenprogramm glotzend. Zwar sind auch die klassischen
Karikaturen vertreten, doch sind sie inzwischen nur noch eine von
vielen Präsentationsformen, von der Bleistiftzeichnung bis
zum Ölschinken.
O-Ton
Andreas Sandmann vom Verein Caricatura:
"Generell
kann man beobachten, daß es eine große Spezifizierung
der Mittel gibt. Früher gab es eher so Hauptlinien, die viele
Zeichner benutzt haben und damit Inhalte verschiedenster Art transportiert
haben. Was heute zu beobachten ist, ist, daß in alle möglichen
Richtungen von Grafik, von Zeichnung, von Malerei hineingearbeitet
wird, daß also neue und vielfältigste Stile entwickelt
werden. Ich glaube, das ist auch sehr schön in dieser Ausstellung
zu sehen."
Der
Verein Caricatura wurde vor zehn Jahren von Kasseler Kunststudenten
gegründet. Inzwischen hat er eine ganze Reihe vielbeachteter
Aktivitäten entfaltet, deren bisher letzte nun die Medien-Ausstellung
ist. Menschen - Medien - Mutationen, eigentlich laufen die meisten
satirischen Botschaften auf das dritte Wort hinaus. Wir haben es
mit Mutationen unterschiedlicher Entwicklungsgrade zu tun, Mutationen,
die einmal Menschen waren und jetzt von den Medien nach ihrem Bilde
geformt werden. Doch wer den warnend erhobenen Finger sucht, der
sich didaktisch wertvoll hinter bissiger Gesellschaftskritik mit
dem Zeichenstift emporreckt, der sucht vergebens. Die Weltverbesserer
unter den Karikaturisten, so scheint's, haben den Depressiven und
vor allem den Skeptikern Platz gemacht.
O-Ton
Gudrun Hölz von den Caricatura-Machern:
"Die Richtung ist bestimmt vorhanden, in zweierlei Hinsicht:
nur, daß es welche gibt, die das alles ganz pessimistisch
sehen, und denken, die Medien sind einfach schon so allgegenwärtig,
daß wir uns dem nicht mehr entziehen können, und daß
das gefährlich ist; und die anderen, die das eher als was Lächerliches
sehen und die sich dann auf eine alberne Weise drüber lustig
machen, wie sehr sich die Medien auch wichtig nehmen oder wie sehr
sich Vertreter von Medien wichtig nehmen. Es gibt eine schöne
Karikatur von Til Mette dazu, wie Journalisten sich aufspielen zum
Teil, da ist ein Mann mit Presseausweis, der eine öffentliche
Toilette benutzen will und fragt: "Komm ich mit dem Presseausweis
hier umsonst rein?" und solche Sachen. Ja, das stimmt wahrscheinlich
schon eher nicht mehr so, daß man was ändern möchte,
sondern daß man´s hinnimmt und das entweder geißelt
oder sich drüber lustig macht."
Zwei
Männer sitzen auf einer Wiese am Dorfrand; einer sagt verstört
zum anderen: »Gestern ging der Fernseh kaputt. Ich dreh' mich
um und seh' eine Frau, die meinte, ich wär' ihr Mann. Zum Glück
kam aber bald der TV-Notdienst.« »Wann haben Sie zuletzt
das Gespräch gesucht«, fragt der Psychologe bei der Eheberatung
das vor ihm sitzende Paar. »Auf welchem Sender?« fragt
der Mann. Zwischen zwei überdimensionalen Fernsehsesseln hindurch
blickt man auf einen laufenden Fernseher, dazwischen im Laufställchen
steht ein Kleinkind und zupft abwechselnd am Ärmel von Vater
und Mutter: »Fang mich, fang mich!« lautet die Bildunterschrift.
Die Medien werden durchweg als übermächtige Bedrohung,
als Killer von Kommunikation und Mitmenschlichkeit erfahren, und
das von Autoren, die doch selber Bestandteil der Medien sind, ihr
täglich Brot damit verdienen.
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