HR 2, 5 nach 12: Kultur (Tagesthema: Karikatur und Comic)
18.4.1996
Autor: Jörg Adrian Huber
 

 

Medien sind unser aller Leben: Die Schüssel auf dem Dach, der Fernseher im Wohnzimmer vor der Couch, die Zeitung auf dem Tisch, das Magazin auf dem Schoß, das Radio in voller Lautstärke und daneben der Computer, der einloggt ins Internet. Unsere comichaft multimediale Lebensweise schreit geradezu nach einem satirischen Kommentar im Comic-Format. 1995 veranstaltet daher die Cartoonfabrik Köpenick e.V., eine Art Zusammenschluß von Ausstellungsmachern und Zeichnern, den sogenannten Köpenicker Karikaturensommer, ein internationales Festival, das in der Szene auf viel Interesse stößt - nicht nur hier in Deutschland, sondern auch in vielen anderen Ländern. Der Verein Caricatura präsentiert nun im Kasseler KulturBahnhof die Ausstellung »Menschen - Medien - Mutationen«, das Ergebnis einer Zusammenarbeit mit der Cartoonfabrik Köpenick - alles zum Thema Medien. Jörg Adrian Huber war dort.

Der Wegweiser auf der Autobahn trägt einen dicken weißen Pfeil nach rechts mit der Zielangabe »Glücksmillion«, »Goldmillion« und »Der Preis ist heiß«. Ein vollbesetzter Reisebus mit der Aufschrift »Gameshow-Tours« biegt an dieser Stelle ab. An seiner Rückseite trägt er das Schild »Achtung - Lebendes Klatschvieh«. Das Aquarell von Rudi Hurzlmeier ist eine von 100 Auseinandersetzungen mit der Medienwelt, die der Verein Caricatura derzeit im Kasseler KulturBahnhof präsentiert. Die Arbeiten sind eine Auswahl aus 2.000 Karikaturen, die der Ostberliner Cartoonfabrik Köpenicker im vergangenen Jahr auf ein Preisausschreiben eingesandt wurden. Da trifft man auf so bezaubernd minimalistische Arbeiten wie die von Reiner Schwalme, einer Kohlbezeichnung, die einen lesenden Mann zeigt. Als Lichtquelle in stockfinsterer Nacht dient ihm die leuchtende Mattscheibe des Fernsehers. Man trifft aber ebenso auf vollständig ausgearbeitete Aquarelle und regelrechte Ölgemälde wie das von Gerhard Haderer, das die Titelseite des Ausstellungskatalogs schmückt und den Titel »Fernsehfamilie« trägt: Vor einer Konsole mit vier unterschiedliche Programme im 90-Grad-Winkel abstrahlenden Monitoren haben sich Vater, Mutter, Sohn und Säugling versammelt, in einem einzig mit Fernsehsesseln möblierten Wohnzimmer, jeweils ihr Zielgruppenprogramm glotzend. Zwar sind auch die klassischen Karikaturen vertreten, doch sind sie inzwischen nur noch eine von vielen Präsentationsformen, von der Bleistiftzeichnung bis zum Ölschinken.

O-Ton Andreas Sandmann vom Verein Caricatura:
"Generell kann man beobachten, daß es eine große Spezifizierung der Mittel gibt. Früher gab es eher so Hauptlinien, die viele Zeichner benutzt haben und damit Inhalte verschiedenster Art transportiert haben. Was heute zu beobachten ist, ist, daß in alle möglichen Richtungen von Grafik, von Zeichnung, von Malerei hineingearbeitet wird, daß also neue und vielfältigste Stile entwickelt werden. Ich glaube, das ist auch sehr schön in dieser Ausstellung zu sehen."

Der Verein Caricatura wurde vor zehn Jahren von Kasseler Kunststudenten gegründet. Inzwischen hat er eine ganze Reihe vielbeachteter Aktivitäten entfaltet, deren bisher letzte nun die Medien-Ausstellung ist. Menschen - Medien - Mutationen, eigentlich laufen die meisten satirischen Botschaften auf das dritte Wort hinaus. Wir haben es mit Mutationen unterschiedlicher Entwicklungsgrade zu tun, Mutationen, die einmal Menschen waren und jetzt von den Medien nach ihrem Bilde geformt werden. Doch wer den warnend erhobenen Finger sucht, der sich didaktisch wertvoll hinter bissiger Gesellschaftskritik mit dem Zeichenstift emporreckt, der sucht vergebens. Die Weltverbesserer unter den Karikaturisten, so scheint's, haben den Depressiven und vor allem den Skeptikern Platz gemacht.

O-Ton Gudrun Hölz von den Caricatura-Machern:
"Die Richtung ist bestimmt vorhanden, in zweierlei Hinsicht: nur, daß es welche gibt, die das alles ganz pessimistisch sehen, und denken, die Medien sind einfach schon so allgegenwärtig, daß wir uns dem nicht mehr entziehen können, und daß das gefährlich ist; und die anderen, die das eher als was Lächerliches sehen und die sich dann auf eine alberne Weise drüber lustig machen, wie sehr sich die Medien auch wichtig nehmen oder wie sehr sich Vertreter von Medien wichtig nehmen. Es gibt eine schöne Karikatur von Til Mette dazu, wie Journalisten sich aufspielen zum Teil, da ist ein Mann mit Presseausweis, der eine öffentliche Toilette benutzen will und fragt: "Komm ich mit dem Presseausweis hier umsonst rein?" und solche Sachen. Ja, das stimmt wahrscheinlich schon eher nicht mehr so, daß man was ändern möchte, sondern daß man´s hinnimmt und das entweder geißelt oder sich drüber lustig macht."

Zwei Männer sitzen auf einer Wiese am Dorfrand; einer sagt verstört zum anderen: »Gestern ging der Fernseh kaputt. Ich dreh' mich um und seh' eine Frau, die meinte, ich wär' ihr Mann. Zum Glück kam aber bald der TV-Notdienst.« »Wann haben Sie zuletzt das Gespräch gesucht«, fragt der Psychologe bei der Eheberatung das vor ihm sitzende Paar. »Auf welchem Sender?« fragt der Mann. Zwischen zwei überdimensionalen Fernsehsesseln hindurch blickt man auf einen laufenden Fernseher, dazwischen im Laufställchen steht ein Kleinkind und zupft abwechselnd am Ärmel von Vater und Mutter: »Fang mich, fang mich!« lautet die Bildunterschrift. Die Medien werden durchweg als übermächtige Bedrohung, als Killer von Kommunikation und Mitmenschlichkeit erfahren, und das von Autoren, die doch selber Bestandteil der Medien sind, ihr täglich Brot damit verdienen.

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