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Kassel.
"Ostern in Baskerville" hetzen die Kinder den Hund auf
den Hasen, damit sie an dessen Eier kommen. In seiner "Suppe
von Loch Ness" schwimmt nicht ein Auge, wie im Vorbild, dem
"Portrait" von René Magritte, sondern ragt das
Augenpaar des Ungeheuers aus der Oberfläche. Zwei der skurrilen
und bisweilen makaberen Bilder des Hamburger Zeichners Ernst Kahl,
dessen Ausstellung "121 Meisterwerke" noch bis zum 7.Januar
1996 in der Kasseler Galerie für Komische Kunst, Caricatura,
zu sehen sind.
In
Kahls ausgestellten Versionen kunstgeschichtlicher Meilensteine
- "120 Meisterwerke" hieß die Bilderschau alter
Meister in der documenta Stadt - sind Kinder böse, per se friedlich
Bilder wie das Suppen-Stillleben bedrohlich und Szenen wie die Zusammenführung
von Lenin und Jesus, der ihm seine Wundmale zeigt, geradezu blasphemisch.
Der eher schwarze Humor, mit dem der Künstler manchmal makaber
und häufig obszön die bizarrsten seiner Meisterwerke ausstattet,
ist eine seiner Darstellungsformen. Die Ausstellung, täglich
von 12 bis 21 Uhr geöffnet, zeigt aber auch eine andere.
Keine
klassische Karikatur
Und
die hat immer ein absurdes Ergebnis, obwohl sie doch eigentlich
ganz ordentlich beginnt - mit dem zur karikierenden Kunstform erhobenen
"Wörtlichnehmen". Wenn es um die Wurst geht, geht
bei Kahl ein Männlein namens "S". um eine aufrechtstehende
Salami. Ist von einer "Tortenschlacht" die Rede, dann
sieht man auf dem Bild Kuchenviertel und Sahnestückchen, die
sich auf hoher See bekriegen, entdeckt man geflügelte Konditorenprodukte,
die als Bombenlast Waffeln abwerfen.
Egal auf welche Art macht sich der 1949 in Rio de Janeiro geborene
Lehrer über Politik und Politiker nur noch lustig, nimmt weder
das eine noch die anderen als Objekt seines Witzes ernst. Hierin
unterscheidet sich Kahl vom klassischen Karikaturisten. Aus dem
gleichen Grund verspottet er auch diejenigen gern, die den politischen
Protest noch ernst nehmen.
Wortkarg
auf dem Blatt
Kahl
zielt mit spitzer Feder auf Betroffenheitssymbolik und übereifrigen
Feminismus. "Wenn Frauen zu sehr hassen" betitelt der
Künstler etwa die Zeichnung einer Schützinnenscheibe,
auf der die brünftigste Stelle des dargestellten Keilers wie
ein Sieb aussieht. Der in "konkret", "Stern",
"Der Feinschmecker" und am häufigsten in der "Titanic"
gemalte, gezeichnete und collagierte Humor ist drastisch, wie er
lakonisch ist. Kahl nimmt auf dem Blatt kein Blatt vor den Mund,
ist aber dennoch wortkarg. Deutlich wird dies, wenn er das Medium
wechselt. Auf der Bühne konnte man ihn zusammen mit Freund
und Gitarrist Hardy Kayser als Geschichtenerzähler und Diavorführer
sehen am Ende der Eröffnungswoche des Kasseler KulturBahnhofs,
in dem die Caricatura-Galerie ihr neues Domizil gefunden hat.
"Warum
ist das lustig?"
Der
Zeitgeist des deutschen Humors ist drakonisch-lakonisch. Wer ihn
nicht zu kennen glaubt, muß sich Filme von Detlef Buck anschauen
- für den jüngsten, für "Wir können auch
anders" schrieb Kahl das Drehbuch -, oder muß eine Erscheinung
wie Helge Schneider aushalten. Die Stunde Null dieses Stils dürfte
bei der Erstaufführung der "Blues Brothers" geschlagen
haben, Streifen des finnischen Depresso-Lakonikers Aki Kaurismäki
erhielten fortan Kultstatus.
Die Hollywood-Maske abgeschminkt, lassen sich Spuren dieser mik
sogar in der Darstellung des dusseligen, aber doch in dieser Rolle
so gescheiten Forrest Gump entdecken. Verbunden ist all dies durch
das gemeinsame Qualitätsmerkmal: Auf die Frage "Warum
ist das so lustig?" keine rechte Antwort zu finden und dennoch
lachen zu müssen. In diesem Dunstkreis bewegt sich auch das
künstlerische Schaffen Ernst Kahls- bei dem man allerdings,
das sei ihm zugute gehalten, noch nicht ganz so oft ohne Grund lachen
muß.
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