|
Wer
beim Thema Kultur Bahnhof versteht, liegt damit in Kassel ganz richtig:
Am 1. November wurde der KulturBahnhof Kassel eröffnet. In
der Fahrkartenhalle swingte das Publikum zu Jazzrhythmen, Licht-
und Schattenspiele verbreiteten eine lebendige Atmosphäre.
Mit
schnellen Schritten überqueren mehrere junge Leute den Kasseler
Bahnhofsvorplatz, nehmen zwei Stufen auf einmal und eilen durch
die Eingangstür in den Hauptbahnhof. Doch diesmal ist es kein
Zug, de ohne sie abzufahren droht, sondern ein Kinofilm: "Smoke".
Quer durch die Bahnhofshalle ist ein riesiger Filmstreifen gespannt,
aufgemalt auf ein breites Stoffband. Es endet an einem überdimensionalen
Charlie-Chaplin-Hut aus Pappmaché, darunter verkaufen zwei
Frauen Kinokarten. Zum Glück gibt es noch welche. Während
weitere Filmfreunde an der Kasse Schlange stehen, dringt Musik an
ihre Ohren: Vor den Fahrkartenschaltern im Seitenflügel der
Halle swingt das Publikum zu den Rhythmen einer Jazzgruppe. Der
Hauptbahnhof Kassel ist der erste KulturBahnhof Deutschlands. Neben
dem Schienenverkehr haben hier Kino, Ausstellungen, Musik und Theater
ihren festen Platz: Die Bali-Kinos zeigen ein anspruchsvolles Filmprogramm,
wer sich für Karikatur und Satire interessiert, gelangt vom
Kinosaal durch eine Tür zur Caricatura, Hessens einziger Galerie
für Komische Kunst. Dort sind Werke des Hamburger Malers und
Zeichners Ernst Kahl zu sehen, und wer will, kann sich ins Café
setzen und in Cartoonheften schmökern. Im ehemaligen Wartesaal
stellen Kunststudenten der Gesamthochschule Kassel ihre Arbeiten
aus, und in die Räume der früheren Gepäckaufbewahrung
ist "Gleis 1" eingezogen, eine Mischung aus Bahnhofsgaststätte,
Bar und Club. An der 18 Meter langen Theke sind alle Barhocker besetzt.
Noch gucken die Gäste auf nacktes Mauerwerk, Bauschutt liegt
zusammengekehrt in den Ecken. Aber auf de Tischen brennen schon
die Kerzen, kleine Mahlzeiten werden serviert. Das Publikum fühlt
sich sichtlich wohl im Baustellenflair. Ein paar Spotlights werfen
gelbes und rotes Licht in den Raum, bald werden sie auf die Bühne
gerichtet sein, wenn dort Theatergruppen, Soul- und Jazzmusiker
auftreten.
Kulturzentrum
mitten in Herzen der Stadt
Unter
die Reisenden, die sich hier so angenehm die Wartezeit vertreiben
können, mischt sich flanierendes Stadtpublikum - der Hauptbahnhof
ist als kulturelles Zentrum im Herzen der Stadt auch in den Mittelpunkt
des öffentlichen Interesse gerückt. Denn ein Bahnhof bietet
als zentrale und öffentlicher Ort der Begegnung ideale Voraussetzungen
für kulturelles Leben. Das erkannten auch die Initiatoren der
Bali-Kinos und der Caricatura-Galerie. Aber Ideen brauchen Partner.
Die fanden die Kasseler Kulturprojekte Anfang 1994 in der Deutschen
Bahn AG. Auch die Stadt unterstützte den Plan. Die Umgestaltung
des Kasseler Hauptbahnhofes kostet mehrere Millionen Mark, getragen
von der Deutschen Bahn AG und den Pächtern. Die Modernisierungsarbeiten
unter Leitung von Siegfried Tenner, im Geschäftsbereich Personenbahnhöfe
der DB AG verantwortlich für Bau- und Projektmanagement, werden
noch bis ins nächste Jahr hinreichen. An erster Stelle steht
der Service für die Bahnkunden: Ein neues Reisezentrum soll
die Fahrkartenschalter ablösen, der zugige Querbahnsteig wird
durch eine Glasfront geschlossen. Ein neuzeitlicher Wartepavillon
und der Servicepoint als zentrale Informationsstelle sind bereits
fertig. Zeitgemäßes Design auch in der neuen Toilettenanlage
des Kasseler Hauptbahnhofes: Statt gekachelter Wände und Neonlicht
gibt es farbige Glaswände mit eingebauter Beleuchtung, Blau-
und Grüntöne verleihen den Räumen eine Atmosphäre
gepflegter Modernität. Die ständige Betreuung garantiert
Sicherheit und Sauberkeit. Der Kasseler Hauptbahnhof hat die erste
Anlage dieser Art, sie gilt als Modell für andere Bahnhöfe.
Modellcharakter hat auch das übrige Bahnhofskonzept. "Die
Bahnhöfe sollen wieder zu urbanen Zentren der Kommunikation
werden", kündigte Heinz Dürr, Vorstandsvorsitzender
der Deutschen Bahn AG, bei der Eröffnung des Kulturbahnhofes
Kassel an. Das bedeute aber nicht, so Martin Lepper, Leiter des
DB-Geschäftsbereiches Personenbahnhöfe, das Kasseler Konzept
einfach anderen Standorten "überzustülpen".
Vielmehr seien kreative Ideen und individuelle Lösungen gefragt.
Denn ein neues Bahnhofskonzept habe nur dann eine Chance, wenn es
sich an den Interessen der Bürger vor Ort orientiere. Das ist
in Kassel gelungen. Der KulturBahnhof erhöht nicht nur die
Attraktivität des Nahverkehrs, er wertet auch den umliegenden
Stadtteil auf. Statt düsterer Tunnel gibt es luftige Fußgängerüberwege
und auch der Bahnhofsplatz erhält ein neues, freundlicheres
Gesicht. Dort hat bereits der "Himmelsstürmer", Wahrzeichen
der documenta 1992, eine neue Heimat gefunden. Der Mann aus Fiberglas
geht auf einer Stange aufwärts - als Symbol für Mut und
Optimismus. DB-Chef Heinz Dürr freut sich, daß der Himmelsstürmer
so viele Interpretationsmöglichkeiten bietet: "Der Weg,
den er weist, führt nicht nur in den Himmel, sondern auch zum
Bahnhof.
|