121 Meisterwerke. Ernst Kahl und die Kunst

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Der Künstler Ernst Kahl scheint sich unter anderem dadurch auszuzeichnen, daß er vielerlei Leuten auf ganz unterschiedliche Art und Weise bekannt ist. Kinder kennen ihn als Illustrator von zauberhaften Büchern wie "Meyers großes Buch vom Menschen und seiner Erde" und "Das kleine Punk" oder als Macher der Kinderseite "Kongretchen", die in den achtziger Jahren Monat für Monat im linken Polit-Magazin "Konkret" erschien. Gourmets schätzen seine prächtigen Gemälde-Cartoons zu allerlei Themen aus Küche, Keller und Speisekammer, die regelmäßig die Zeitschrift "Der Feinschmecker" schmücken. Eingeweihte Hamburger Partygänger (aber längst nicht mehr nur sie) sind enthusiastische Anhänger Kahlscher Musikalität: mitreißende Melodien und wundersame Texte (oder umgekehrt), im Verbund zum Vortrag gebracht mit Hardy Kayser, einst unter dem Namen "Die trinkende Jugend", nun schlicht und präzise als "Ernst Kahl und Kayser". "Titanic"-Leser kennen Kahls Cartoons und Bildergeschichten, Ausstellungsbesucher in zahlreichen Städten den Maler und Zeichner - und den Preisträger: 1989 wurde Ernst Kahl in dem vom Düsseldorfer Kunstmuseum ausgeschriebenen Wettbewerb "Cartoonale" mit dem ersten Preis ausgezeichnet. Und viele, viele lieben seine Bücher.
Wem das alles unbegreiflicher- und kaum vorstellbarerweise noch nichts sagt, wird spätestens "Ach, der ist das!" rufen, wenn man Kahl als Drehbuchautor nennt, z.B. zu Detlev Bucks Film "Wir können auch anders" (1993). Zwei Preise gab's für Kahl: den Bundesfilmpreis in Gold und - speziell für ihn ins Leben gesetzt - den "Blauen Bengel" vom Berliner "Tagesspiegel" für herausragende schauspielerische Darbietungen in der Rolle des Getränksmanns.
Nun stellt sich unausweichlich die Frage: Kann dieser Mann denn alles? Nach reiflicher Überlegung muß die Antwort heißen: Sieht ganz so aus.
In offenbar direkter Nachfolge renaissancescher Universalgenies umfaßt sein Werk: antike Mythen - biblische Themen - Historien- und Schlachtenmalerei - Landschaft - Genre - Erotika - Kostüm und Draperie - Stilleben - Tierbild - Baukunst - Reisebericht - Symbol und Allegorie. Und wenn es im Ausstellungskatalog zur großen Leonardo da Vinci-Retrospektive 1995 in Speyer über den Künstler heißt: "Neben der bildenden Kunst beschäftigte sich Leonardo da Vinci mit wissenschaftlichen Studien zur Anatomie, Zoologie, Botanik, Geologie, Optik, Mechanik und zum Fliegen. Seine universellen, seiner Zeit weit vorauseilenden Beobachtungen, die er auch zeichnerisch verdeutlichen konnte, leiteten die systematische, beschreibende Methode der Naturwissenschaft ein", so kann man bezüglich Ernst Kahl nur ergänzen: dort ward's begonnen, hier wird's fortgesetzt. Worüber sich andere noch nicht einmal Gedanken gemacht haben, Ernst Kahl hat's erfunden. Ob Vogelbunker "für Piepsi" oder "Samenerntegerät Fellanorma", Kahls Konstruktionen sind nicht nur sinnreich und durchdacht, sondern - und das zeichnet sie gegenüber manch anderer Erfindung unserer Zeit allesamt aus - stets am Wohle und Behagen ihrer menschlichen und tierischen Nutzer orientiert.
"Ja, aber", hören wir, "Universalgenie, funktioniert das denn heute noch? Wir leben schließlich im 20. Jahrhundert, im Zeitalter von Fachwissen und Spezialisierung in den Wissenschaften, von metaphysischer Abstraktion in der Kunst?" Halt, sagen wir da, erstens: Metaphysik kann der auch, schauen Sie sich nur mal "S. geht um die Wurst" an, na? Und zweitens: die komische Kunst macht's möglich. Wer sagt denn, daß sich jeder den strengen, wenn auch meist selbst auferlegten Reglements der Gegenwartskunst, der sogenannten "hohen", beugen muß? Einmal auf dem Kopf, immer auf dem Kopf, sonst wär's kein echter Baselitz mehr?
Die komische Kunst bietet hier ganz andere Möglichkeiten, ein schier unbegrenztes Terrain für Experimente mit verschiedensten Techniken und Themen, Vergleiche und Gegenüberstellungen, Zitate und neue Blickwinkel auf Altbekanntes.
Einer, der auf diesem Gebiet unermüdlich und beispielhaft tätig ist, ist Ernst Kahl. Seine Werke, so verschiedenartig sie sind, haben den doppelten Boden immer eingebaut - oder sogar den dreifachen. Zunächst sind sie schön: ein Vergnügen ist es, sie anzusehen. Ob bunt gemalt in Öl oder Acryl, zart laviert oder fein gezeichnet in Tusche und Sepia, aus allem spricht das Könnertum. Hier beherrscht einer sein Handwerk, wenn man so will: auf altmeisterliche Art und Weise.
Dann sind die Bilder lustig - meistens. Manchmal auch traurig. Oder tragisch. Und immer komisch. Auf jeden Fall geht ihre Botschaft auf direktem Weg zum Herzen. Zuneigung zum Kleinen empfinde er, so Kahl, zum Erbärmlichen. Und immer wieder: Mitleid mit der Welt.
Der "dritte Boden" in Kahls Werken (je nach präferierter Reihenfolge) ist es, auf den diese Ausstellung ihr Hauptaugenmerk legt: die Tradition. Wahre Meisterwerke sind Kahls Skizzen, Zeichnungen und Gemälde nicht zuletzt, weil sie - kunsthistorisch betrachtet - niemals im luftleeren Raum schweben. Sei es das Zitat oder die persiflatorische Umdeutung, ein Gutteil der Kahlschen Werke setzt sich ganz direkt mit der europäischen Kunstgeschichte auseinander.
Während etwa bei Rembrandt, getreu der biblischen Vorlage, der ungläubige Thomas in Emmaus Jesu Wundmale zu sehen bekommt, sitzt bei Kahl der Historische Materialismus in Gestalt des skeptischen Lenin dem Erlöser gegenüber.
Die grausame Frau, in der kunstgeschichtlichen Ikonographie mannigfach vertreten von grandiosen Damen wie Judith, Salome oder Corday, mutiert bei Kahl zum liebenswerten Geschöpf. Andernorts blicken triumphale Heroinen dem Betrachter kalt ins Auge, hier steht ein kleines Mädchen am Bildrand, unschuldig-listigen und garstig-niederträchtigen Blicks zugleich, charmant das Lächeln von blutverschmierten Lippen, neben sich das Opfer, den totgebissenen Kampfhund.
Überhaupt, der Tod: in all seinen Variationen wird er bei Kahl immer wieder zum Thema. Meist erwischt es seine Opfer im denkbar ungünstigen Moment. Begehrlich schielt der Greis vom Krankenbett aus nach den saftigen Trauben, die ihm das Leben in Gestalt eines etwas drallen Bacchus in Aussicht stellt, aber es ist klar: das hier wird nichts mehr. - "Schwester Gaby? Doktor Meier? ... Ich hab's! Schwester Anna? ...", rätselt schelmisch ein anderer Alter, aber ach, der knochige Sensenmann ist's, der ihm von hinten die Augen zuhält. "Schluß jetzt!" prangt in roten Lettern über der Szene, die Ernst Kahl 1992 für die Carticatura zu Papier brachte. Auf dem Ausstellungsplakat kündigte sie die gleichnamige Ausstellung an, die parallel zur documenta IX komische Kunst rund um den Tod präsentierte. Und das an angemessenem Ort: über 100 Tage lang im Kasseler Museum für Sepulkralkultur.
Kahls pointierte Interpretationen kunsthistorischer Themen und Motive zeitigen in der Konfrontation mit den Altmeistern überraschende Effekte. Wo eben noch Erhabenheit und Pathos walteten, ersteht plötzlich das Komische: kurios, skurril, bizarr - alles ist möglich.
Aber auch da, wo das Vorbild sich nicht so deutlich zu erkennen gibt, sind Kahls Wurzeln immer nachvollziehbar. Bei gegenwarts- und gesellschaftspolitischen Themen bedient er sich neben der Form des Cartoons bevorzugt der Bildergeschichte. Deren moritatenhafter Charakter tritt besonders dann zutage, wenn Kahl bei Lesungen und Konzerten die Bilder als "Standvideos" zeigt und den Text dazu selbst zum Vortrag bringt. Zu bundesweitem Erfolg brachte es auf diese Weise, als Hauptfigur im Kino-Vorfilmprogramm, "Ortsgruppenleiter Archie". Die gleichnamige Bildergeschichte wurde für den Deutschen Kurzfilmpreis nominiert.
Ernst Kahl, das Universalgenie - in der Tat. In seinem Werk bringt er die Möglichkeiten vielgestaltigen Schaffens zum Ausdruck, verschiedenste Stilmittel, Techniken und Medien einzusetzen, um so das ganze Spektrum an Themen zu bearbeiten, die Mythos, Historie und Gegenwart bieten.
Diese Vielfalt im Bereich komischer Kunst vorzustellen, wird in Zukunft das Konzept der Galerie für komische Kunst der Caricatura sein. Als ständiges Forum für die Präsentation von Karikaturen, Cartoons und komischer Kunst, in mindestens fünf Ausstellungen pro Jahr, aber auch in Form von Lesungen oder Konzerten, ist sie hessenweit einzigartig.
"121 Meisterwerke. Ernst Kahl und die Kunst" - schöner als mit dieser Ausstellung könnte die erste eigene Galerie der Caricatura kaum eröffnet werden.

Nachtrag
Neben Seelenverwandschaft, Interessenlage und Können teilt Ernst Kahl ein weiteres Schicksal mit den alten Meistern. Wie viele von ihnen wurde auch er zum Opfer heimtückischen Kunstraubs. 1987 wurde sein Objekt "Peter Fischer" aus einer Ausstellung der Caricatura entwendet; die dpa tickerte aus Kassel in die bundesrepublikanischen Redaktionen: "Das Objekt, bestehend aus a) dem caput mortui des Ostseefischers Peter Fischer, b) dessen Ausgehhut und c) dem denselben statt der landesüblichen Feder schmückenden Skelett der an Allerseelen 1970 von Peter Fischer angelandeten und von dessen Gattin zubereiteten Seezunge wurde durch die diebische Demontage der beiden letztgenannten Accessoires in seiner künstlerischen Substanz irreversibel geschädigt."
Vom Täter fehlt bis heute jede Spur.

Gudrun Hölz, Sabine Brox, Achim Frenz, Andreas Sandmann
Kassel, im November 1995

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