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Für
F.W. Bernstein ist er einer der größten und vielseitigsten.
Und auch "Titanic-Kollege Robert Gernhardt rühmt an ihm
dieses "Kompendium sowohl derbster wie exquisitester Techniken",
dieses Wechselbad grobsinniger und feinsinniger Pointen, alles zusammengehalten
durch Können, Kunstverstand und jene komische Kraft, die man
entweder hat oder nicht."
O-Ton
1 E. Kahl: Erst mal müßte man mal den Begriff Satire
mal genauer definieren. Ich lach mich immer tot, wenn die Leute
immer sagen: du bist'n Karikaturist. Das würde man zu Goya
auch nicht sagen. Verzeihung, ich will mich nicht mit Goya in eine
Reihe stellen. Picasso, der mit seiner Malerei soviel Komisches
gemacht hat. Man käme nie auf die Idee, ihn Satiriker zu nennen
Reflektieren wir über die Welt und finden wir sie komisch,
sind wir Satiriker. Reflektieren wir als Tragöden, sind wir
gleich die großen Künstler. Kunst scheint immer nur das
zu sein, was pathetisch ist.
Es
ist schon ein Kreuz mit de Komischen Kunst. Da kann sie mit noch
so viel Herzblut und Melancholie betrieben werden, im Kastensystem
der Künste zählt sie doch stets zum niederen Gewerbe,
zur Kleinkunst, zum Hans Wurst-Metier. Seitdem es die Komödie
gibt, ist es das alte Lied, die alte Bitterkeit der Komödianten.
Wie sehr jedoch Kahls Kunst zur Hochkunst tendiert, wieviel die
Hochkunst überhaupt diesem Künstler verdankt, indem er
sie zitiert, viveseziert oder parodierend sich an ihr vergreift,
demonstriert die Kasseler Galerie Caricatura an 121 Werken des Meisters.
Und da hängten sie - wenn auch vorerst zu Studienzwecken -
doch schon inmitten alter Meister.
Neben einem Abendfrieden von Gainsborough mit Mensch, Jagdhund und
Schießgewehr präsentiert sich der Kahl'sche Abendfrieden
ganz ähnlich, mit hübsch onduliertem rosa Abendhimmel
überm träumerisch entrücktem Kirchspiel und trauter
Kleinfamilie, die den Feierabend und die schöne Aussicht genießt.
Nur schaukelt da auch noch ein Gehängter am Galgen, und zwischen
seinen leblosen Beinen die lieben Kinderlein.
Grausame Unschuld ist ein häufiges Sujet der Zeichnungen und
kleinformatigen Acrylbilder Kahls. Das Kleine blutünstige Mädchen,
das soeben einen Kampfhund erlegt hat; die emsigen Gartenzwerge
mit Schubkarre und Spaten, die einen ihresgleichen mit einem Judenstern
auf dem Wämschen hingemetzelt haben: gerade das scheinbar Harmlose,
vermeintlich Unschuldige hat es in sich. Kahl hält es da mit
den Surrealisten, die den Katechismus unserer Gefühle und Wertmaßstäbe
mittels sogenannter images choques gezielt verwirrten und auf den
Kopf stellten.
Kahl liebt solche makabren Pointen, aber er hat auch den überraschenden,
konvulsivisch-verspielten Humor der Surrealisten, ihre Gabe, die
ungewöhnlichsten Begegnungen zu stiften, wie jene legendäre
zwischen Nähmaschine und Regenschirm auf dem Seziertisch.
Eine schier ebenso wundersame Begegnung hat Kahl auf einem Bild
arrangiert mit dem Titel "Jesus zeigt Lenin seine Wundmale".
Da sitzt der Gottessohn barfuß und mit Heiligenschein wie
ein mildtätiger Penner im Kreise seiner feixenden Kumpels und
zeigt dem verbitterten Volkstribun seine Wunden. Inzwischen könnten
die beiden ihre Rollen tauschen. Als Vergleichsgröße
dient hier kein Geringeres als Rembrandts Gemälde "Christus
in Emmaus".
Die Blasphemie, die Entweihung und Destruktion hoher und heiliger
Werte, war das eigentliche Territorium und der moralische Ehrenkodex
der Surrealisten.
Dazu gehören auch und gerade die Ikonen der Hochkunst. Eine
Raffael-Madonna erscheint bei Salvador Dali buchstäblich atomisiert,
in Stücke gesprengt. Einem Gala-Portrait wiederum verlieh er
die Züge des Christus von Leonardos "Abendmahl".
Entweihung und Huldigung fallen hier - darin liegt die Komik - zusammen.
Ähnlich verhält es sich mit Kahls "Marienbild"
einer Schimpansenmutter mit Schimpansenerlöserkind im Arm,
ein kleines Tafelbild, das die Ikonographie des mittelalterlichen
Altarbildes zitiert.
Kahls Komik ist meist vieldeutig und verspielt, oft auch drastisch,
gerade im Sexuellen, obszön und vulgär aber nie. Dazu
ist seine Pinsel- bzw. Federführung viel zu delikat. Obszön
wäre für Kahl eher im Sinne Markuses die politisch sanktionierte
Unmoral. Etwa der Umgang der ersten mit der sogenannten dritten
Welt. Was Kahl während einer Reportage-Reise in Afrika rund
um sein gepflegtes Hotel in Tanger an Elend erlebte, brachte er
in seinem Tanger-Zyklus zu Papier.
O-Ton
2 E. Kahl: Das hat 'ne Zeit gedauert, bis ich das verarbeiten konnte,
was ich da gesehen hab. Daß man dann so drastisch auf Drastisches
reagiert, ist doch normal. Der Kontrast arm/reich, wenn ich das
auf den Punkt bringe. Der Reiche, also der Westler hat seine Hose
runtergelassen und der blinde Bettler, der gewohnt ist, seine Hand
aufzuhalten, weiß gar nicht, daß ihm plötzlich
was Warmes in die Hand gedrückt wird: Scheiße. Das ist
aber die Situation. Und wenn man es versteht, das so auf den Punkt
zu bringen, dann soll man das auch tun. Das mach ich dann auch.
Ob
in Sepia laviert "nach Tiepolo" wie dieses echte image
choque mit dem sarkastischem Titel "Brot für die Welt"
oder im Stile der altdeutschen oder flämischen Landschaftsmalerei
- Kahl durchstreift die Kunstgeschichte wie ein schelmischer Flaneur
und nimmt sich, was er so braucht für seine grotesk-komischen
Visionen. Und damit ist er, wie die Kasseler Ausstellung eindrucksvoll
bestätigt, neben Michael Sowa einer der originellsten.
Sicher, noch geht es dem Satyr mit dem Bockshuf vor den großen
Museen wie den armen Hunden vor der Fleischerei: wir müssen
draußen bleiben. Doch es ist alles eine Frage der Zeit. Als
Max Ernst 1926 erstmals sein Bild "Die Jungfrau verhaut das
Jesuskind" der stauenden Öffentlichkeit präsentierte,
konnte die Kirche die Schließung der Ausstellung durchsetzen.
Heute wird zwar manches Gotteshaus geschlossen, das verhauene Jesuskind
von Max Ernst aber gehört zu den Inkunabeln der Moderne.
Man möchte dies auch für das eine oder andere Bild von
Ernst Kahl prophezeien, der da zu Recht von sich behauptet: "Ich
mache nun einfach auch manchmal Meisterwerke". Kahls Lieblingsvorstellung
allerdings, seinen Christus mit Dornenkrone, in der ein kleiner
Raubvogel nistet, einmal im Gekreuzigtensaal der alten Pinakothek
inmitten alter Meister hängen zu sehen, wird wohl - denkt man
an das jüngste Kruzifix der Bayern - sobald nicht in Erfüllung
gehen.
O-Ton
3 E. Kahl: Das ist 'ne völlige Fehlentwicklung. In Kunstmuseen
umschleicht es einen förmlich, 'ne Kühle, 'ne Ehrfurcht.
Man glaubt sich in einem Bankhaus, echt schade, daß in Museen
nie gelacht wird. Die Kunst sollte den Menschen auch in seiner ganzen
Lächerlichkeit zeigen, könnte die Kunst auch dazu beitragen,
daß der Mensch sich nicht so ernst nimmt.
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