Ernst Kahl und die Kunst. 121 Meisterwerke
Ausstellung in Caricatura- Galerie für komische Kunst, Kassel
1.11.95 bis 7.1.96, täglich von 12-21Uhr
Rezension incl. O-Ton für DLR Berlin, Galerie 2.11.95
Redaktion: Waltraud Tschirner
Manuskript: Gabriele Killert
 

 

Für F.W. Bernstein ist er einer der größten und vielseitigsten. Und auch "Titanic-Kollege Robert Gernhardt rühmt an ihm dieses "Kompendium sowohl derbster wie exquisitester Techniken", dieses Wechselbad grobsinniger und feinsinniger Pointen, alles zusammengehalten durch Können, Kunstverstand und jene komische Kraft, die man entweder hat oder nicht."

O-Ton 1 E. Kahl: Erst mal müßte man mal den Begriff Satire mal genauer definieren. Ich lach mich immer tot, wenn die Leute immer sagen: du bist'n Karikaturist. Das würde man zu Goya auch nicht sagen. Verzeihung, ich will mich nicht mit Goya in eine Reihe stellen. Picasso, der mit seiner Malerei soviel Komisches gemacht hat. Man käme nie auf die Idee, ihn Satiriker zu nennen Reflektieren wir über die Welt und finden wir sie komisch, sind wir Satiriker. Reflektieren wir als Tragöden, sind wir gleich die großen Künstler. Kunst scheint immer nur das zu sein, was pathetisch ist.

Es ist schon ein Kreuz mit de Komischen Kunst. Da kann sie mit noch so viel Herzblut und Melancholie betrieben werden, im Kastensystem der Künste zählt sie doch stets zum niederen Gewerbe, zur Kleinkunst, zum Hans Wurst-Metier. Seitdem es die Komödie gibt, ist es das alte Lied, die alte Bitterkeit der Komödianten. Wie sehr jedoch Kahls Kunst zur Hochkunst tendiert, wieviel die Hochkunst überhaupt diesem Künstler verdankt, indem er sie zitiert, viveseziert oder parodierend sich an ihr vergreift, demonstriert die Kasseler Galerie Caricatura an 121 Werken des Meisters. Und da hängten sie - wenn auch vorerst zu Studienzwecken - doch schon inmitten alter Meister.
Neben einem Abendfrieden von Gainsborough mit Mensch, Jagdhund und Schießgewehr präsentiert sich der Kahl'sche Abendfrieden ganz ähnlich, mit hübsch onduliertem rosa Abendhimmel überm träumerisch entrücktem Kirchspiel und trauter Kleinfamilie, die den Feierabend und die schöne Aussicht genießt. Nur schaukelt da auch noch ein Gehängter am Galgen, und zwischen seinen leblosen Beinen die lieben Kinderlein.
Grausame Unschuld ist ein häufiges Sujet der Zeichnungen und kleinformatigen Acrylbilder Kahls. Das Kleine blutünstige Mädchen, das soeben einen Kampfhund erlegt hat; die emsigen Gartenzwerge mit Schubkarre und Spaten, die einen ihresgleichen mit einem Judenstern auf dem Wämschen hingemetzelt haben: gerade das scheinbar Harmlose, vermeintlich Unschuldige hat es in sich. Kahl hält es da mit den Surrealisten, die den Katechismus unserer Gefühle und Wertmaßstäbe mittels sogenannter images choques gezielt verwirrten und auf den Kopf stellten.
Kahl liebt solche makabren Pointen, aber er hat auch den überraschenden, konvulsivisch-verspielten Humor der Surrealisten, ihre Gabe, die ungewöhnlichsten Begegnungen zu stiften, wie jene legendäre zwischen Nähmaschine und Regenschirm auf dem Seziertisch.
Eine schier ebenso wundersame Begegnung hat Kahl auf einem Bild arrangiert mit dem Titel "Jesus zeigt Lenin seine Wundmale". Da sitzt der Gottessohn barfuß und mit Heiligenschein wie ein mildtätiger Penner im Kreise seiner feixenden Kumpels und zeigt dem verbitterten Volkstribun seine Wunden. Inzwischen könnten die beiden ihre Rollen tauschen. Als Vergleichsgröße dient hier kein Geringeres als Rembrandts Gemälde "Christus in Emmaus".
Die Blasphemie, die Entweihung und Destruktion hoher und heiliger Werte, war das eigentliche Territorium und der moralische Ehrenkodex der Surrealisten.
Dazu gehören auch und gerade die Ikonen der Hochkunst. Eine Raffael-Madonna erscheint bei Salvador Dali buchstäblich atomisiert, in Stücke gesprengt. Einem Gala-Portrait wiederum verlieh er die Züge des Christus von Leonardos "Abendmahl". Entweihung und Huldigung fallen hier - darin liegt die Komik - zusammen. Ähnlich verhält es sich mit Kahls "Marienbild" einer Schimpansenmutter mit Schimpansenerlöserkind im Arm, ein kleines Tafelbild, das die Ikonographie des mittelalterlichen Altarbildes zitiert.
Kahls Komik ist meist vieldeutig und verspielt, oft auch drastisch, gerade im Sexuellen, obszön und vulgär aber nie. Dazu ist seine Pinsel- bzw. Federführung viel zu delikat. Obszön wäre für Kahl eher im Sinne Markuses die politisch sanktionierte Unmoral. Etwa der Umgang der ersten mit der sogenannten dritten Welt. Was Kahl während einer Reportage-Reise in Afrika rund um sein gepflegtes Hotel in Tanger an Elend erlebte, brachte er in seinem Tanger-Zyklus zu Papier.

O-Ton 2 E. Kahl: Das hat 'ne Zeit gedauert, bis ich das verarbeiten konnte, was ich da gesehen hab. Daß man dann so drastisch auf Drastisches reagiert, ist doch normal. Der Kontrast arm/reich, wenn ich das auf den Punkt bringe. Der Reiche, also der Westler hat seine Hose runtergelassen und der blinde Bettler, der gewohnt ist, seine Hand aufzuhalten, weiß gar nicht, daß ihm plötzlich was Warmes in die Hand gedrückt wird: Scheiße. Das ist aber die Situation. Und wenn man es versteht, das so auf den Punkt zu bringen, dann soll man das auch tun. Das mach ich dann auch.

Ob in Sepia laviert "nach Tiepolo" wie dieses echte image choque mit dem sarkastischem Titel "Brot für die Welt" oder im Stile der altdeutschen oder flämischen Landschaftsmalerei - Kahl durchstreift die Kunstgeschichte wie ein schelmischer Flaneur und nimmt sich, was er so braucht für seine grotesk-komischen Visionen. Und damit ist er, wie die Kasseler Ausstellung eindrucksvoll bestätigt, neben Michael Sowa einer der originellsten.
Sicher, noch geht es dem Satyr mit dem Bockshuf vor den großen Museen wie den armen Hunden vor der Fleischerei: wir müssen draußen bleiben. Doch es ist alles eine Frage der Zeit. Als Max Ernst 1926 erstmals sein Bild "Die Jungfrau verhaut das Jesuskind" der stauenden Öffentlichkeit präsentierte, konnte die Kirche die Schließung der Ausstellung durchsetzen. Heute wird zwar manches Gotteshaus geschlossen, das verhauene Jesuskind von Max Ernst aber gehört zu den Inkunabeln der Moderne.
Man möchte dies auch für das eine oder andere Bild von Ernst Kahl prophezeien, der da zu Recht von sich behauptet: "Ich mache nun einfach auch manchmal Meisterwerke". Kahls Lieblingsvorstellung allerdings, seinen Christus mit Dornenkrone, in der ein kleiner Raubvogel nistet, einmal im Gekreuzigtensaal der alten Pinakothek inmitten alter Meister hängen zu sehen, wird wohl - denkt man an das jüngste Kruzifix der Bayern - sobald nicht in Erfüllung gehen.

O-Ton 3 E. Kahl: Das ist 'ne völlige Fehlentwicklung. In Kunstmuseen umschleicht es einen förmlich, 'ne Kühle, 'ne Ehrfurcht. Man glaubt sich in einem Bankhaus, echt schade, daß in Museen nie gelacht wird. Die Kunst sollte den Menschen auch in seiner ganzen Lächerlichkeit zeigen, könnte die Kunst auch dazu beitragen, daß der Mensch sich nicht so ernst nimmt.

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