|
Vorwort von
Rudi Hurzlmeier:
IST KARIKATUR
KUNST?
Vortrag anläßlich
einer Deutsch-Türkischen Karikaturist(inn)en-Begegnung am Goethe-Institut
Ankara, April 1996 (Modifizierte Fassung)
Efendis!
|
 |
Wegen
der sehr besuchenswerten, hiesigen Rock'n'Roll- und Jazzlokale, mit
sympathisch langen Öffnungszeiten, bin ich noch ein wenig zerzaust
im Kopf, werde mich aber zusammenreißen, möchte lediglich
die Sonnenbrille gern aufbehalten.
Karikatur, das vorweg, soll hier als Überbegriff für alle
schräge Zeichnerei zwischen Comic, Cartoon, Etcetera herhalten.
Ob Derlei strenggenommen/ leichtgenommen und von wem/ wem nicht, als
Kunst betrachtet werden kann/ soll/ muß, ist natürlich
eine reichlich akademische Quizfrage und Nichtakademiker(innen) selten
mehr als Wurst. Ich bin selbst nicht Akademiker, mir könnt's
strenggenommen ebenfalls egal sein.
Ganz normal zurechnungsfähige Zeitgenossen, welche sich aber
nicht näher mit Kunst abgeben, kommen angesichts moderner Kunstwerke
oft ins Grübeln: "Das soll Kunst sein? Sowas könnt'
ich auch!" bzw. "Das könnt' sogar meine Großmutter!"
Unklug, dann nicht prompt loszulegen, respektive die Großmutter
dazu zu animieren. Mit Blick aufs Preisschild, mit Verlaub!
Betrachter von Karikaturen werden sehr viel seltener von Skepsis geschüttelt.
Höchstens kommen mal Anfragen, wie: Wen soll das darstellen?
Wo ist der Witz? Das ist dann peinlich für den Karikaturisten.
Richtigen Künstlern hingegen ist es fast aus Prinzip nie peinlich,
wenn ihr Werk schwer begriffen wird. Im Gegenteil, das hebt den Wert
gewissermaßen.
Mit dem Wert sind wir bei einem wesentlichen Komplex.
Astronomische Kunstpreise hie, vergleichsweise lausige Karikaturenpreise
da.
Offengestanden vermute ich hinter diesem unschönen Gefälle
den tieferen Grund für das vehemente Bedürfnis vieler Karikaturist(inn)en,
ihre Werke als Kunst eingestuft zu wissen. Ehrenwertes Motiv, selbstredend.
Ein weiteres Motiv liegt im weltweiten Vorkommen prächtiger Kunstmuseen,
mit Millionen Eintritt zahlender Besucher und happig bezuschußt,
und den andrerseits sehr spärlich gestreuten, vergleichsweise
mickrigen Karikaturmuseen. Ein Witz-Kämmerchen in jedem größeren
Museum, wär' das eine Lösung?
Wiewohl Karikaturmuseen eh einen Haken haben: Wer geht denn zweimal
in ein Haus voller Witze? Nichts ist unerquicklicher, als ein Witz
den man schon kennt.
Haben Witzzeichnungen überhaupt einen bleibenden Wert? Mit Blick
auf stetig nachwachsende, amüsierwillige Betrachter-Generationen,
theoretisch durchaus.
In den Printmedien sind Cartoons und Karikaturen vermutlich dennoch
am besten aufgehoben: Nach Witzverzehr ins Altpapier!
In Zeitungen und Magazinen findet unsereins sein Publikum.
Ein Millionenblatt hat gut und gern drei Millionen Leser.
Bei einer durchschnittlichen Betrachtungsdauer von, sagen wir mal,
8 Sekunden à Witz, summiert sich eine Unterhaltungszeit von
fast genau 6.666 Stunden. Dafür gibt's rund 2.000,- DM Honorar.
Ein, sagen wir mal ,Tenniscrack kommt bei ähnlichen Zuschauerquoten
(incl. TV) und zwei Stunden Spieldauer (Durchschnitt) auf 6.000.000
Stunden Unterhaltungszeit und verdient entsprechend mehr. Nur gerecht!
Unsereins arbeitet an seinem Witzblatt freilich auch locker zwei Stunden.
Bezahlt wird aber nur der Effekt. Dafür hat man keine Trainingsstunden
zu absolvieren und keine Trainer-Reise-Management-etc.-Kosten. Unterm
Strich muß man nicht jammern.
Ernsthafte Künstler haben öfter Grund dazu, speziell, wenn
sich nach der Vernissage kein Schwein mehr in ihre Ausstellung verirrt.
Und lassen Sie mich noch einen Kopfvergleich anstellen:
Es gibt allein hierzulande , seriös geschätzt, abertausend
mal mehr schlichte Bildende Künstler als Karikaturisten. Auf
eine ganze Kunstakademie kommt allenfalls ein halber Karikaturist,
im Schnitt.
Komische Zeichnerei ist also eine sehr exclusive Sparte, komische
Malerei eine noch exclusivere. Ich hätte wenig dafür übrig,
das Genre sang- und klanglos in den unhaltbar ausufernden Stil- und
Spielartenstrom der Bildenden Künste eingetunkt zu sehen. - Möchte
aber nach diesen einleitend profanen Betrachtungen langsam zum Wesentlichen
kommen.
Mit der Tür ins Haus: Bei der Karikatur handelt es sich um ein
vorwiegend journalistisches, bei Cartoon und Comic um ein weitgehend
literarisches Genre.
Komische Zeichner denken sich fortwährend komische Kommentare,
Situationen und Geschichten aus. Selbst ein Bildwitz ohne Worte ist
eine dramatische Miniatur. Die literarischen Einfälle werden
dann mit grafischen Mitteln illustriert. Und Illustration ist dem
Wesen nach etwas anderes als Kunst. Jedenfalls im Sinne der Avantgarde.
Diese stellt nämlich nicht mehr in erster Linie Objekte her,
sondern sie forscht. Wie Chemiker und Physiker die Materie erforschen
und Tiefseetaucher die Tiefsee, so erforschen moderne Künstler
die Ästhetik - und nebenbei forschen sie nach Lücken im
Kunstmarkt. Gut so!
Nichtsdestotrotz genießen etliche, wenn nicht gar viele satirisch/
humoristische Zeichner, sogenannte Angewandte, in Kunstkreisen durchaus
hohes Ansehen. Das sind vornweg stilbildende und treffsichere Meister
wie Steinberg, Addams, Crumb und Gross, Dix und Disney und Picasso
natürlich, der ja periodenweise ganz auf Karikatur abonniert
war. Und angeblich hat er zu seinem Ende hin schwer bedauert, sich
nie an einem Comic versucht zu haben.
Man bedenke, daß ein Mann wie John Updike nichts lieber als
Cartoonist geworden wäre. Leider reichte es bei ihm nur zum Schriftsteller,
hadert er in seiner Biographie.
Oder Rudolf Nurejew. Er hat Fred Astaire als den größten
Tänzer aller Zeiten bewundert. Das ist zwar ein anderes Fach,
zeigt aber auch schön, daß die leichte Muse der ernsten
sehr wohl ebenbürtig sein kann.
Und hat nicht Robert Gernhardt in seinen legendären Bemerkungen
"Vom Wettlauf zwischen Hase Hochkunst und Igel Karikatur"
hinlänglich nachgewiesen, wer von beiden alldieweil in Wirklichkeit
stets die Nase vorn hatte? Hat er!
Ausschlaggebend ist bei der Kultur schließlich auch nicht, was
hinten rauskommt, sondern ob die Schöpfungen gut/ beeindruckend/
amüsant sind, für sonst was taugen, oder nicht.
Wenn der Luftbefeuchter im Museum mehr Interesse weckt, als das zu
befeuchtende Kunstwerk, kann's einem leid tun. Und Cartoons müssen
gegen blutrünstige Sexfotos und geile Schnapsanzeigen standhalten.
So ist das nun mal. Nicht einfach!
Die landläufige Begriffsverwirrung rührt vielfach daher,
daß der Kunst-Begriff, im Deutschen allzumal, gleichzeitig als
Genre- wie als Qualitätsbezeichnung zum Einsatz kommt. Wenn ein
Koch Künstler sein kann, wieso nicht auch ein Comiczeichner?
Wenn der verpackte Reichstag Kunst ist, wie kann dann ein hingekritzeltes
Männlein mit Spiegeleieraugen und Gurkennase den selben Anspruch
erheben?
Spätestens ab hier wird's heikel: Wie können Karikaturisten
guten Gewissens am hehren Kunstimage partizipieren wollen, nach Beachtung
im Feuilleton und nach Respekt und Wohlwollen im großen Stil
lechzen, wenn sie selber ständig mit nichts als Hohn und Spott
über brave Mitbürger und wackere Politiker herziehen und
nichts weniger als das Menschenbild in toto der Lächerlichkeit
preisgeben? Ein artistischer Spagat, der bedenklich an der Hosennaht
zerrt!
Über die inhaltliche Problematik des Sujets - was bewirkt Karikatur?/
Was würde sie gern bewirken, wenn sie könnte?/ Welche Themen
sind ihre ureigensten?/ Gibt es ein Haha-Erlebnis ohne Aha-Erlebnis?/
Wohin geht der Trend? usw. - werde ich auf den folgenden Seiten in
aller Ausführlichkeit und reich bebildert zu sprechen kommen.
Lassen Sie mich nur noch kurz und fachmännisch den Karikaturistenstand
als sehr schönen und höchst ehrenwerten, weil für die
Gesundheit des Volkskörpers unverzichtbaren, Berufszweig über
den grünen Klee loben ... und danke für die Aufmerksamkeit. |
|
|
|