Münchner Stadtmagazin
Comix & Cartoons - Dramatisch-komische Miniaturent

 

Mit zwei gleichzeitig erscheinenden, neuen Büchern erschüttert der Münchner Zeichner Rudi Hurzlmeier Zwerchfell und Gemüt.

Konnten die Leute vor 20 Jahren gerade mal grob zwischen "Volksmusik" und "Negermusik" unterscheiden, sind heute viele Menschen in der Lage, Jungle, Ambient, Techno und House auseinanderzuhalten. Auch Comics werden immer differenzierter wahrgenommen und nicht nur in Zeitschriften rezensiert, sondern sogar in eigenen Fachblättern. Das dem Comic entfernt verwandte Cartoon wird hingegen selten als Medium überhaupt wahr-, geschweige denn ernstgenommen. Verdirbt das "Overacting" eines Schauspielers den Filmgenuß, jammert die Kulturpresse, aber noch niemals hat man irgendwo gelesen: "Das an sich gelungene Cartoon verliert durch den plumpen und ungerührten Ausdruck des Dackels ganz rechts im Bild seine Glaubwürdigkeit." Diesem Mauerblümchen-Daseins des Cartoons rückt Hurzlmeier zu Leibe: "Eine Doktorarbeit - quasi", lautet der Untertitel zum cartoontheoretischen Werk "Über das Lächerliche an komischen Zeichnungen" (Caricatura Edition, teils farbig, 24 Mark 80). Das Cartoon-Pendant zu Scott McClouds "Comics richtig lesen" darf man aber nicht erwarten, denn Hurzlmeier wird dem Buchtitel ganz und gar gerecht, der Unterhaltungswert des Buches ist so hoch, daß viele Leser seinen wissenschaftlichen Wert vielleicht sogar anzweifeln werden. Dabei ist die Seriösität kaum fragwürdig, immerhin werden hier so komplizierte Unternehmungen gestartet wie die Berechnung der "Gesamt-Unterhaltungszeit" eines Cartoons aus der Leserzahl und der "durchschnittlichen Betrachtungszeit" pro Witz oder der computerthomographische "Schnitt durch eine Riesenlockente". "Über das Wesen anderer Wesen" erfahren wir einiges, so auch, daß unter den Tieren Nagetiere "noch am ehesten komische Nummern sind." Optische Täuschungen werden "nach Newton, Adam Riese und dem Gesetz der Logik" auf ihren komischen Gehalt geprüft, "Saure-Gurkenzeit-Themen" dargelegt. Die Zeichnungen, die den kuriosen und gewagten, in Handschrift faksimilierten Text illustrieren, sind hinreißend: Noch nie hat Hurzlmeier so flüchtige Blätter publiziert - Telefonskizzen, Szenen ohne Sinn, aber mit unheimlich viel Witz, Cartoons, die dem Meister einfach so "aus dem Zeichenstift gefallen" sind. Übrigens findet sich auch das legendäre Blatt, aufgrund dessen der Löpfe-Benz-Verlag eine fertiggedruckte Auflage der Zeitschrift Nebelspalter einstampfen ließ - sehr zum Leidwesen des damaligen Chefredakteurs Iwan Raschle.

Und die Früchte alle Theorien, welche dieser verrückte Wissenschaftler des Cartoons uns darlegt? Die ernten wir im zweiten neuen Buch: In "Unhaltbar" (Lappan Verlag, 80 S., farbig, 39 Mark) spielt Hurzlmeier auf allen Tasten seiner Humor-Klaviatur: Die reicht von absurden Geschichten bis zu schnappschußhaft bizarren Augenblicken, von stillen, poetischen Anekdoten zu albernen Possen und von unheimlich-befremdendem Geschehen zum liebenswert alltäglichen KAU (Kleinster anzunehmender Unfug), umfaßt Groteske und Burleske, "die Nacht- und Tagseite der Komik" (Wilhelm Fraegner). Die gemalten Blätter sind die jüngsten Arbeiten im Buch. Selten malt Hurzlmeier ein Motiv, das er bereits zeichnerisch angepackt hat - in der Regel erfindet er diese Bilder als komische Gemälde, schon die Idee kommt ihm in Acrylfarben. Zu den unzähligen Berufen und Jobs, die der 1952 in Niederbayern geborene Zeichner ausübte, bevor er ca. 1980 zum Cartoon-Profi wurde, zählt auch die Mitarbeit an "Prospekten", riesenhaften Hintergrundmalereien für Filme. Mit regelrechten Besen an 10 Meter langen Stielen werden dabei zuerst die Grundzüge einer Landschaft gemalt. Der erste Arbeitsgang hurzlmeierischer Humormalerei ist dieser Vorgehensweise verwandt: Mit breitem Malerpinsel wird die Farbe rasch aufgetragen - mit Wasser versetzt und daher transparent, im Gegensatz zum verdünnten Acryl, mit dem dann Menschen, Tiere, Bäume, Häuser, Feinheiten und Texturen gepinselt werden. Das technische "Knowhow" ist dem Zeichner längst "nicht mehr bewußt". Die landschaftlichen Szenerien sind für die Authentizität der Darstellung wichtig und keinesfalls beliebige Hintergründe - des Cartoon "Unhaltbar" spielt sogar auf einem "echten" Bolzplatz, auf dem der junge Hurzlmeier so manche Niederlage hinnehmen mußte, wenn die Gurkentruppe seines "Kuhdorfes" gegen die Mannschaft eines "Marktfleckens" antrat. Meist hielt er in der Verteidigung die Knochen hin, den Instinkt des "Goalgetters" hatte er nicht. Jetzt verfügt er immerhin über das sicherste Gespür und den denkbar ausgeprägtesten Sinn für die komischen und tragikomischen Seiten der Existenz. Durchaus ein gewisser Trost, wenn's bei jemandem zum Fussballprofi nun mal partout nicht reichen will. Im Cartoon erfüllt sich dem jugendlichen Protagonisten ein Traum. Er schießt ein "Unhaltbares": Auch wenn statt der Oma im Rollstuhl ein Andi Köpke zwischen den Pfosten stehen würde - so einen wohlplazierten Kreuzeck-Schuß kriegt kein Keeper!

So eine Geschichte muß natürlich im Bild genau zum richtigen Zeitpunkt "angehalten" werden. Hurzlmeier fasziniert, daß im Cartoon "der Moment so eingefroren ist wie in keinem anderen Medium." Als "dramatische Miniatur" versteht er das Cartoon, die Helden werden daher "dramaturgisch eingesetzt", wobei man auch Besetzung und Kostüme im Griff hat: "Alter und Kleidung muß man sich klarmachen." Die Figuren werden in den gemalten Arbeiten "möglichst zurückgenommen", erläutert Hurzlmeier im Gespräch, "sie dominieren die Situation nicht als Personen". Gelegentlich entsteht der Eindruck, als schaffe der Zeichner den Protagonisten innerhalb des Bildes noch eine weitere, kleinere Bühne. Im Grunde wird die den komischen Gehalt des Bildes beinhaltende Szene dabei vom Betrachter weggerückt - doch gewinnt sie zugleich eine eigentümliche Geschlossenheit und wirkt intimer und damit näher. Was nicht zu den oben erwähnten, optischen Täuschungen zählt, sondern zu denen des Herzens.

Rudi Hurzlmeier: "Über das Lächerliche an komischen Zeichnungen", Caricatura Edition, teils farbig, 24 Mark 80
Rudi Hurzlmeier: "Unhaltbar. Lappan Verlag, 80 Seiten, farbig. 39 Mark

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