HNA
"In Europa platzen die Kinder"
"Häuptling eigener Herd" - Eine Zeitschrift und ihre komischen Bilder über das Essen in der Caricatura

 

Von Andreas Gebhardt

Kassel. Szene südlich des Äquators. Am Tisch sitzen ausgemergelte Kinder, der Küchenchef knallt ihnen ein Häuflein Brei auf den Teller: "Esst nicht soviel, in Europa platzen die Kinder." Das Duo Achim Greser und Heribert Lenz hat mal wieder den Nagel auf den Kopf getroffen und das Elend der Welternährung mit wenigen wohlgesetzten Strichen aufgezeichnet. Nichts ist mehr wie es mal war, und überhaupt war ja früher alles viel einfacher: Da waren die Armen dürr und die Reichen feist, wie es sich gehört. Jetzt sind die Armen in Afrika dürr und die in Europa und Amerika fett. Beides ist ein Elend, allerdings im Norden ein vergleichsweise süßes.
Überhaupt das Essen, seit Ausgang des Mittelalters ein Paradethema der Bildsatire. Die fetten Bäuche der oberen Zehntausend und die dünnen Gestalten der unteren Millionen - das ist nicht nur der bildmächtige Kontrast zweier Extreme, sondern eben auch Mittel und Motiv der Kritik an Miss- und Zuständen, je nach Standpunkt allerdings. Wie das Thema Nahrungsaufnahme und alles drum herum die zeitgenössischen Schöpfer komischer Bilder inspiriert, kann man in der neuen Ausstellung der Caricatura sehen. Anlass ist nicht das bevorstehende, fresstechnisch sehr beliebte Weihnachtsfest, sondern ein Jubiläum: Die Zeitschrift "Häuptling eigener Herd", herausgegeben von Meisterkoch Vincent Klink und Berufssatiriker Wiglaf Droste publiziert in Kürze ihr 25. Heft. Wenn das kein Grund zum Feiern und schöner Anlass für eine große Ausstellung ist!
Es gibt viel zu viele langweilige Einheitsblätter über Essen und Lifestyle-Quatsch haben sich Klink und Droste wohl gedacht und ihre vierteljährlich erscheinende "kulinarische Kampfschrift" gegründet. Motto: "Wir schnallen den Gürtel weiter." Jede Ausgabe ist ein Themenheft und bringt Beiträge zu Aspekten wie Durst, Armut, Diät, Brot oder das Innenlebenleben der Kühlschränke. Nicht alles ist Humor, Witz und Satire. Man findet Reportagen, kritische Berichte und Literarisches aller Art und sinnreiche kulturhistorische Analysen.
Weitere Besonderheit: Die Hefte werden jeweils von einem Vertreter der zeichnenden Zunft humoristisch gewürzt. Geld gibt's keines, dafür aber einmal im Jahr ein Schlemmermenü für alle Beiträger in Klinks Nobelrestaurant "Wielandshöhe" in Stuttgart. Der Mann muss schon ziemlich lecker kochen können, wenn man dafür auf das Honorar verzichtet...
Dabei sind die bekannten zeitgenössischen Zeichner, etwa Greser und Lenz, Rudi Hurzlmeier, Gerhard Glück, Bernd Pfarr, Ari Plikat, F.W. Bernstein und viele andere, die gleichsam bereits Gast in der Caricatura waren.
Mehr als 100 Bilder sind zu sehen, solche, die in der Kampfschrift veröffentlicht waren, für die Ausstellung entstanden oder einfach so den Schubladen der Künstler herumlagen. Essen ist komisch. Es macht die Leute lächerlich, entlarvt ihre Schwächen und offenbart ihre Verfehlungen. Aber da wir alle Esser sind, lachen wir über uns selbst. So wird wenigstens niemand ausgegrenzt.

Häuptling eigener Herd. Caricatura im Kulturbahnhof. Eröffnung heute Abend, 19.30 Uhr mit Wiglaf Drost und Vincent Klink. Bis 22. 1. 2006, Do. u. Fr. 14-20 Uhr, So. u. Feiertage 12-20 Uhr.

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