Gerhard Haderer - Think positive!

Auszüge aus der Laudatio von Rolf Dieckmann, stern-Redaktion Humor
 

 

Der heute noch lebende Künstler kam Anfang irgendeines Jahrzehnts in der bis dahin unbescholtenen Gemeinde Leonding völlig nackt und nahezu haarlos auf die Welt. Wie die Legende wissen will, haben zu dieser Stunde die Füchse geheult und am nahegelegenen Kirchlein ist die Uhr stehengeblieben. Der Pfarrer des Ortes soll an diesem Tag stundenlang die Glocken geläutet haben, weil er in der Nacht einen vierfarbigen Traum hatte, in dem ein von Boshaftigkeit Gezeichneter mit Fleiß den Herrn und seine Kirche lästerte. ... Heinrich Heine sagte später einmal über Haderer: "Gott wird ihm verzeihen. Das ist sein Beruf." Da er das aber auf dem Sterbebett gesagt hat, bleibt offen, wessen Beruf er gemeint hat. Den des Künstlers oder den des lieben Gottes. Der Künstler wollte es aber nur in der ersteren Version verstanden wissen, denn er hatte längst gemerkt, daß es nur eine große Leidenschaft in seinem Leben gab, nämlich die, Leute zu ärgern. ... Nun gab es im Leben des Künstlers einen Punkt, an dem er sich entscheiden mußte. Unbefriedigt wie ein echter mit der Welt hadernder Künstler nun einmal lebt, hatte er bei einem seiner regelmäßigen abendlichen Wutausbrüche vor der Frage gestanden, ob er sich nun ein Ohr abschneiden oder einen Protestsong schreiben sollte. Er entschloß sich zu letzterem und schrieb in einer Nacht den Text "Ich kann keine Befriedigung erlangen, hey, hey". Da dieser Text nur wenig mit der von ihm eigens ersonnenen Melodie korrespondierte, riet ihm ein Freund zur englischen Übersetzung. Bis heute ist nicht bekannt, wie dieser Text von Oberösterreich nach England gelangte und dort von einem Sänger namens Jagger zu einem "Hit" gemacht wurde. ... Die Wende vom Musiker zum Maler brachte die Begegnung mit dem damals schon betagten Caspar David Friedrich, der ihn nach einer Podiumsdiskussion zum Thema "Macht die Fotografie blöd?" zu einem Besuch in seinem Atelier eingeladen hatte. Der Künstler soll dem Meister über die Schulter geschaut und geseufzt haben: Ach, wenn ich mehr Zeit hätte, würde ich auch malen! Dieses einschneidende Erlebnis löste beim Künstler eine Art Wut aus, die Malwut. Er malte rund um die Uhr: unter der Dusche, beim Rasieren, beim Frühstück, in der U-Bahn, beim Nachmittagsschlaf und beim abendlichen Fernsehen. Daß er dennoch vier Kinder hat, ist erstaunlich. ... Tragisches passierte während seiner ersten Ausstellung in den Räumen des oberösterreichischen Molkereiverbandes. In tage- und nächtelangem Ringen hatte er die für ihn künstlerisch wertvollsten Blätter gerahmt, immer mit der Absicht, schonungslos die Wahrheit zu sagen. Die Menschheit wird erzittern, dachte sich der Künstler damals. Und dann passierte es. Viele Menschen strömten herbei, betrachteten die Bilder und schütteten sich aus vor Lachen. Dem Künstler gefror das Blut in den Adern. Später las er das erste Mal in einer Besprechung das Wort ›Karikatur‹, was ihm endgültig den Rest gab. Wie sollte er das verstehen? Kurt Tucholsky schrieb später in einer Rezension: "Haderer ist ein gekränkter Idealist: er will die Welt gut haben, die aber ist schlecht und nun rennt er gegen das Schlechte an." ... Lassen Sie mich diese Zäsur im Leben des Künstlers dazu benutzen, ein brennendes Thema in aller gebotenen Kürze abzuhandeln. Es ist ein typisch deutsches Thema und dreht sich um das Erkennen und die Einklassifizierung von Kunst. So, wie der Musikliebhaber inzwischen den genauen Unterschied zwischen Tristan und Isolde und Cindy und Bert kennt, so will natürlich auch der Besucher einer Kunstausstellung wissen, ob er ernst dreinschauen oder lachen soll. Meistens erfährt er es aber schon aus der Vorankündigung in der Lokalpresse. Während man sich bei der Rezension eines E-Malers die einleuchtende Frage stellt: Ist die informelle Malerei das Korrelat einer informellen oder einer virtuellen Wirklichkeit, wird er stets versuchen, bei der Ausstellungsbesprechung eines U-Malers selbst ein paar witzige Pointen beizugeben. Keine Besprechung also, in der nicht "der Gesellschaft ein Spiegel vorgehalten" oder in der nicht "ins heiße Eisen gestochen" wird. Das ganze natürlich "mit spitzer Feder". Nein - so etwas macht sogar den robustesten Künstler depressiv. Von der Natur mit ungewöhnlicher Widerstandskraft ausgestattet, erholte er sich aber bald wieder und überlegte sich ein neues künstlerisches Konzept. Warum, fragte er sich, soll ich darunter leiden, daß die Leute über mein Werk lachen. Drehen wir doch den Spieß um. Sie sollen über sich selbst lachen und dabei nicht erkennen, wie blöd sie sind. Und so geschah es.

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