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Der
heute noch lebende Künstler kam Anfang irgendeines Jahrzehnts
in der bis dahin unbescholtenen Gemeinde Leonding völlig nackt
und nahezu haarlos auf die Welt. Wie die Legende wissen will, haben
zu dieser Stunde die Füchse geheult und am nahegelegenen Kirchlein
ist die Uhr stehengeblieben. Der Pfarrer des Ortes soll an diesem
Tag stundenlang die Glocken geläutet haben, weil er in der
Nacht einen vierfarbigen Traum hatte, in dem ein von Boshaftigkeit
Gezeichneter mit Fleiß den Herrn und seine Kirche lästerte.
... Heinrich Heine sagte später einmal über Haderer: "Gott
wird ihm verzeihen. Das ist sein Beruf." Da er das aber auf
dem Sterbebett gesagt hat, bleibt offen, wessen Beruf er gemeint
hat. Den des Künstlers oder den des lieben Gottes. Der Künstler
wollte es aber nur in der ersteren Version verstanden wissen, denn
er hatte längst gemerkt, daß es nur eine große
Leidenschaft in seinem Leben gab, nämlich die, Leute zu ärgern.
... Nun gab es im Leben des Künstlers einen Punkt, an dem er
sich entscheiden mußte. Unbefriedigt wie ein echter mit der
Welt hadernder Künstler nun einmal lebt, hatte er bei einem
seiner regelmäßigen abendlichen Wutausbrüche vor
der Frage gestanden, ob er sich nun ein Ohr abschneiden oder einen
Protestsong schreiben sollte. Er entschloß sich zu letzterem
und schrieb in einer Nacht den Text "Ich kann keine Befriedigung
erlangen, hey, hey". Da dieser Text nur wenig mit der von ihm
eigens ersonnenen Melodie korrespondierte, riet ihm ein Freund zur
englischen Übersetzung. Bis heute ist nicht bekannt, wie dieser
Text von Oberösterreich nach England gelangte und dort von
einem Sänger namens Jagger zu einem "Hit" gemacht
wurde. ... Die Wende vom Musiker zum Maler brachte die Begegnung
mit dem damals schon betagten Caspar David Friedrich, der ihn nach
einer Podiumsdiskussion zum Thema "Macht die Fotografie blöd?"
zu einem Besuch in seinem Atelier eingeladen hatte. Der Künstler
soll dem Meister über die Schulter geschaut und geseufzt haben:
Ach, wenn ich mehr Zeit hätte, würde ich auch malen! Dieses
einschneidende Erlebnis löste beim Künstler eine Art Wut
aus, die Malwut. Er malte rund um die Uhr: unter der Dusche, beim
Rasieren, beim Frühstück, in der U-Bahn, beim Nachmittagsschlaf
und beim abendlichen Fernsehen. Daß er dennoch vier Kinder
hat, ist erstaunlich. ... Tragisches passierte während seiner
ersten Ausstellung in den Räumen des oberösterreichischen
Molkereiverbandes. In tage- und nächtelangem Ringen hatte er
die für ihn künstlerisch wertvollsten Blätter gerahmt,
immer mit der Absicht, schonungslos die Wahrheit zu sagen. Die Menschheit
wird erzittern, dachte sich der Künstler damals. Und dann passierte
es. Viele Menschen strömten herbei, betrachteten die Bilder
und schütteten sich aus vor Lachen. Dem Künstler gefror
das Blut in den Adern. Später las er das erste Mal in einer
Besprechung das Wort Karikatur, was ihm endgültig
den Rest gab. Wie sollte er das verstehen? Kurt Tucholsky schrieb
später in einer Rezension: "Haderer ist ein gekränkter
Idealist: er will die Welt gut haben, die aber ist schlecht und
nun rennt er gegen das Schlechte an." ... Lassen Sie mich diese
Zäsur im Leben des Künstlers dazu benutzen, ein brennendes
Thema in aller gebotenen Kürze abzuhandeln. Es ist ein typisch
deutsches Thema und dreht sich um das Erkennen und die Einklassifizierung
von Kunst. So, wie der Musikliebhaber inzwischen den genauen Unterschied
zwischen Tristan und Isolde und Cindy und Bert kennt, so will natürlich
auch der Besucher einer Kunstausstellung wissen, ob er ernst dreinschauen
oder lachen soll. Meistens erfährt er es aber schon aus der
Vorankündigung in der Lokalpresse. Während man sich bei
der Rezension eines E-Malers die einleuchtende Frage stellt: Ist
die informelle Malerei das Korrelat einer informellen oder einer
virtuellen Wirklichkeit, wird er stets versuchen, bei der Ausstellungsbesprechung
eines U-Malers selbst ein paar witzige Pointen beizugeben. Keine
Besprechung also, in der nicht "der Gesellschaft ein Spiegel
vorgehalten" oder in der nicht "ins heiße Eisen
gestochen" wird. Das ganze natürlich "mit spitzer
Feder". Nein - so etwas macht sogar den robustesten Künstler
depressiv. Von der Natur mit ungewöhnlicher Widerstandskraft
ausgestattet, erholte er sich aber bald wieder und überlegte
sich ein neues künstlerisches Konzept. Warum, fragte er sich,
soll ich darunter leiden, daß die Leute über mein Werk
lachen. Drehen wir doch den Spieß um. Sie sollen über
sich selbst lachen und dabei nicht erkennen, wie blöd sie sind.
Und so geschah es.
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