Extratip
Salz in die Wunden
Zeichner Gerhard Haderer stellt in der Caricatura aus: Ein analytischer Blick in den alltäglichen Wahnsinn

 

Kassel - Niemand wird von ihm verschont. Was der österreichische Zeichner und Cartoonist Gerhard Haderer (wöchentlich im "Stern") zur Zeit in der Caricatura, der Galerie für Komische Kunst im KulturBahnhof, zeigt ist der messerscharfe analytische Blick in die Alltäglichkeit. Und die ist ganz schön absurd.

Keine dummen Witze, kein konstruierter Schwachsinn, kein Scherz des Scherzes willen. Gerhard Haderer beschränkt sich allein auf das Hinsehen. Im täglichen Leben wimmelt es nur so von dankbaren Charakteren, die er in seiner preisgekrönten Kunst verarbeitet, oder besser: seziert. Während wir uns zwar über so manchen Zeitgenossen und sein Marotten wundern, aber eher diffus über dessen Wohl und Wehe entscheiden, hält der 45jährige erbarmungslos mit einer imaginären Lupe drauf. Wie ein Chirurg legt er die Wunden frei, die jeder irgendwo hat - und streut gerne noch etwas Salz hinein. Mit nahezu perfektem Pinselstrich zeichnet er dabei detailbesessen und penibel die Analyse von Dummheit, Überheblichkeit, Brutalität und Dekadenz. Lieblingsobjekte habe er nicht, meint er, und augenzwinkernd stellt er in Aussicht, daß vielleicht auch er selbst sein nächstes "Opfer" sein könnte.

Kleinkarierte Spießbürger, superwichtige Politiker, eitle Showstars, dumpfe Randalierer, durchgestylte Modenarren, scheinheilig Nette, TV-Süchtige, Trendvernachlässigte, Pseudosportler - dem ehemaligen Werbegrafiker aus Linz, der nach einem Krebsleiden seine gesamten bisherigen Arbeiten vernichtete, ist nichts heilig. Speckig glänzende Fettgesichter, Schwabbelarme, Kneifmünder, Doppelkinne, Birnenkörper, aufgequollene zum Platzen gefüllte, zähnebleckende Dumpfbacken - ein Stück alltäglicher Wahnsinn, wie er in seiner exakten Darstellung realistischer fast nicht sein kann. Und die eigentliche Geschichte hinter dem Bild Haderers eröffnet sich erst jenem, der einen zweiten Blick riskiert. Das spontan beherzte Schmunzeln könnte nämlich schnell im säuerlichen Beigeschmack eigener Betroffenheit erstickt werden. Aber: Denk positiv! So heißt auch die Ausstellung ("Think positive"), die noch bis Ende März zu sehen ist.

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