Auszüge aus einer Laudatio auf

Gerhard Glück von Helmut Fuhrmann:
 

 

Man sieht bereits auf den ersten Blick, dass man es in Gerhard Glück mit einem Meister der Zeichnung und Farbe zu tun hat. Dass er auch in der Beschränkung auf die Linie ein Zeichner von hohen Graden ist, darf nicht unterschlagen werden. Die Klarheit und Knappheit, mit der seine Feder eine Person, ein Ding, ein Tier oder eine Situation erfasst und auf das volle Minimum eines charakteristischen Umrisses bringt, ist wie eine Demonstration des zu Recht berühmten Liebermann-Wortes, zeichnen heiße weglassen. Die immer wiederkehrende Figur des namenlosen glatzköpfigen Mannes mit den weit aufgerissenen Augen und den unbewegten Gesichtszügen, dem die erstaunlichsten und häufig ganz absurde Dinge widerfahren, hat sich auf ebenso unvergessliche Weise eingeprägt wie manche Kunstfiguren der Literatur, Morgensterns Korf und Palmström beispielsweise. (...)
Die Wahrheit der Zeichnung und die Schönheit der Farbe verbinden sich in Glücks Werk - und eben dadurch gewinnt es seinen Cartoon-Charakter - mit einem ebenso behenden wie hintergründigen, um nicht zu sagen heimtückischen Witz, der den Bildern, zumeist noch im Medium von Form und Farbe selbst, eine zweite Dimension des Unvermuteten und Überraschenden verleiht: die Dimension der Pointe. Die Überraschung fällt uns an beim näheren Betrachten, manchmal wie ein anmutig-verspieltes Hauskätzchen, manchmal wie eine gefährliche Raubkatze - das eine, wenn beispielsweise dem Eingang der Londoner U-Bahn-Station ANGEL eine muntere Schar von unternehmungslustigen Teufeln entsteigt, das andere, wenn etwa ein ganzes Renaissanceschloss, beängstigend schief geneigt, aber mit erleuchteten Fenstern und rauchenden Kaminen, drauf und dran ist, wie die "Titanic" in Nacht und Wasser zu versinken. (...)
Oft sind es diese verbalen Zusätze, welche die spezifische Wirkung der Blätter entweder vervollständigen oder allererst hervorbringen, indem sie dem Betrachter jenes Licht aufstecken, das ihm erlaubt, auf die visuelle Herausforderung angemessen zu reagieren.
So wird der Umgang mit den Arbeiten von Gerhard Glück zu einer hohen Schule dessen, was die Italiener mit einem treffenden Scherzwort als die "trologia" bezeichnen. Das Wort bedeutet soviel wie "Dahinterkunde" oder Lehre von dem, was sich hinter der sichtbaren Oberfläche der Dinge verbirgt und nur der geschärften Wahrnehmung des zweiten oder dritten, möglicherweise auch des bösen Blickes offenbart. (...)
Meiner Erfahrung nach lassen sich drei charakteristisch verschiedene Wirkungen unterscheiden, die Gerhard Glücks vielseitige, kaum einen Lebensbereich aussparende "vis comica" auslöst.
Da gibt es zunächst das Lächeln des Humors, das sich dann einstellt, wenn Schwächen und Absonderlichkeiten des Menschen sowie Missverhältnisse und Absurditäten der Welt auf heiter-versöhnliche Weise präsentiert werden.
Da gibt es weiter das Gelächter der Satire, das auftritt, wenn die gereizte Kritik- und Spottlust des Cartoonisten soziale Missstände, politische Torheiten und menschliche Fehlhaltungen aufspießt, um sie der Lächerlichkeit und der Verachtung preiszugeben.

Und da gibt es schließlich das Lachen der Groteske, das uns ebenso rasch packt wie loslässt, wenn das Komische plötzlich im Lichte des Unheimlichen erscheint, weil es auf einen sich öffnenden Abgrund, auf eine schlimmstmögliche Wendung oder auf das radikal Böse im Menschen deutet. (...)

Zurück

Startseite