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Man
sieht bereits auf den ersten Blick, dass man es in Gerhard Glück
mit einem Meister der Zeichnung und Farbe zu tun hat. Dass er auch
in der Beschränkung auf die Linie ein Zeichner von hohen Graden
ist, darf nicht unterschlagen werden. Die Klarheit und Knappheit,
mit der seine Feder eine Person, ein Ding, ein Tier oder eine Situation
erfasst und auf das volle Minimum eines charakteristischen Umrisses
bringt, ist wie eine Demonstration des zu Recht berühmten Liebermann-Wortes,
zeichnen heiße weglassen. Die immer wiederkehrende Figur des
namenlosen glatzköpfigen Mannes mit den weit aufgerissenen
Augen und den unbewegten Gesichtszügen, dem die erstaunlichsten
und häufig ganz absurde Dinge widerfahren, hat sich auf ebenso
unvergessliche Weise eingeprägt wie manche Kunstfiguren der
Literatur, Morgensterns Korf und Palmström beispielsweise.
(...)
Die Wahrheit der Zeichnung und die Schönheit der Farbe verbinden
sich in Glücks Werk - und eben dadurch gewinnt es seinen Cartoon-Charakter
- mit einem ebenso behenden wie hintergründigen, um nicht zu
sagen heimtückischen Witz, der den Bildern, zumeist noch im
Medium von Form und Farbe selbst, eine zweite Dimension des Unvermuteten
und Überraschenden verleiht: die Dimension der Pointe. Die
Überraschung fällt uns an beim näheren Betrachten,
manchmal wie ein anmutig-verspieltes Hauskätzchen, manchmal
wie eine gefährliche Raubkatze - das eine, wenn beispielsweise
dem Eingang der Londoner U-Bahn-Station ANGEL eine muntere Schar
von unternehmungslustigen Teufeln entsteigt, das andere, wenn etwa
ein ganzes Renaissanceschloss, beängstigend schief geneigt,
aber mit erleuchteten Fenstern und rauchenden Kaminen, drauf und
dran ist, wie die "Titanic" in Nacht und Wasser zu versinken.
(...)
Oft sind
es diese verbalen Zusätze, welche die spezifische Wirkung der
Blätter entweder vervollständigen oder allererst hervorbringen,
indem sie dem Betrachter jenes Licht aufstecken, das ihm erlaubt,
auf die visuelle Herausforderung angemessen zu reagieren.
So wird der Umgang mit den Arbeiten von Gerhard Glück zu einer
hohen Schule dessen, was die Italiener mit einem treffenden Scherzwort
als die "trologia" bezeichnen. Das Wort bedeutet soviel
wie "Dahinterkunde" oder Lehre von dem, was sich hinter
der sichtbaren Oberfläche der Dinge verbirgt und nur der geschärften
Wahrnehmung des zweiten oder dritten, möglicherweise auch des
bösen Blickes offenbart. (...)
Meiner Erfahrung nach lassen sich drei charakteristisch verschiedene
Wirkungen unterscheiden, die Gerhard Glücks vielseitige, kaum
einen Lebensbereich aussparende "vis comica" auslöst.
Da gibt es zunächst das Lächeln des Humors, das sich dann
einstellt, wenn Schwächen und Absonderlichkeiten des Menschen
sowie Missverhältnisse und Absurditäten der Welt auf heiter-versöhnliche
Weise präsentiert werden.
Da gibt es weiter das Gelächter der Satire, das auftritt, wenn
die gereizte Kritik- und Spottlust des Cartoonisten soziale Missstände,
politische Torheiten und menschliche Fehlhaltungen aufspießt,
um sie der Lächerlichkeit und der Verachtung preiszugeben.
Und
da gibt es schließlich das Lachen der Groteske, das uns ebenso
rasch packt wie loslässt, wenn das Komische plötzlich
im Lichte des Unheimlichen erscheint, weil es auf einen sich öffnenden
Abgrund, auf eine schlimmstmögliche Wendung oder auf das radikal
Böse im Menschen deutet. (...)
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