Hessische Nassauische Allgemeine
Melancholisch in der Schwebe

 

Bilder des Cartoonisten Gerhard Glück (Jahrgang 1944) zeigt die Caricatura im Kasseler KulturBahnhof.

Kassel. Ein bebrillter Eierkampf mit großer Nase und großen Ohren, aber fast ohne Mund. Der Mann, dem dieser Kopf gehört, ist in die Jahre gekommen und wirkt behäbig. Ihn scheint kaum etwas aus der Ruhe zu bringen. Und wenn er sitzt, dann sitzt er - etwa in dem Bild "Museumsdirektor H.G. und sein Lieblingsbild": So, als wollte er sich porträtieren lassen, hat er sich als dunkle Gestalt vor dem hellen Hintergrund niedergelassen. Unmittelbar hinter seinem Kopf leuchtet die rote Klappe, hinter der sich der Feuerlöscher verbirgt. In der Tat: Dieser Direktor wirkt so müde, dass ihm die gemalte Kunst über sein kann und er nur noch die Bilder mag, die die Wirklichkeit bietet.
Wie der Mann strahlt die gesamte Komposition Gelassenheit aus. der satirische Stoß in die offene Flanke der modernen Kunst geht tief und wirkt um so nachhaltiger, als das karikierende Element unter der beschaulichen Ebene versteckt ist. Gewiß gibt es unzählige Witzzeichnungen, in denen ein Feuerlöscher oder sonst etwas mit einem Kunstwerk verwechselt wird. Diesen oberflächlichen Veralberungen setzt der Cartoonist Gerhard Glück ein Bild entgegen, das die Dinge umdreht und in der Schwebe hält: Mag sein, daß der Direktor wirklich den roten Kasten als Kunst verehrt. Vielleicht hat er einfach resigniert.

Die Caricatura, die Kasseler Galerie für Komische Kunst, gibt jetzt einen Überblick über das jüngste Werk des in Kassel lebenden Cartoonisten Gerhard Glück. Er gehört zu den Ausnahmefiguren in der Szene, weil seine Bilder nicht von der Vordergründigkeit sind, die normalerweise Cartoons und Karikaturen auszeichnen. Längst hat sich Glück vom Zeichner zum Maler gewandelt. Seine Bilder sind nicht bloß bunt, sondern mit jener Lust am Erzählen ausgestaltet, daß freudig das Auge auf Entdeckungsreise geht und man möglicherweise erst durch den Text auf die Doppelbödigkeit verwiesen wird. Die Kompositionen haben Spannung aus sich.

Glück, der über viele Jahre auch für diese Zeitung pointierte Illustrationen geschaffen hat und der heute bis ins Ausland als Cartoonist gefragt ist, schöpft aus mehreren Quellen. Wenn er im Text von den Machtgelüsten eines Maschinisten redet, im Bild den Mann aber als kleine Figur vor riesigen Lokomotivrädern zeigt, dann lebt das Bild vom Widerspruch. In der Einladungskarte zur Ausstellung hingegen ergibt sich der Witz daraus, daß die Sprache beim Wort genommen wird: "Es gibt Tage, da geht alles schief", heißt es, und man sieht in einer Straße lauter schief laufende Figuren.

Cartoons als Kunstform. Gerhard Glück offenbart eine melancholisch-kritische Weltsicht. Seine Bilder aber verraten auch die Liebe zu dieser Welt und die Lust, davon zu erzählen. Die Ausstellung macht vorstellbar, daß sich Glück jenseits des Cartoons als Künstler etabliert.

 

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