Burkhard Fritsche

Auszüge aus dem Künstlerportrait von Burkhard Fritsche, aufgezeichnet von Holger Jenrich:
Als leidenschaftlicher Anhänger der Mönchengladbacher Borussia ist der Mann (Burkhard Fritsche) Kummer gewöhnt. Seit Jahren schon hecheln die einst heldenhaften Himmelsstürmer vom Niederrhein dem Ruhm vergangener Tage hinterher. Und mit jedem missratenen Match, mit jedem verlorenen Pokalfinale gegen haus-backene Zweitligisten wird die Wut des Burkhard Fritsche schäumender. Der Karikaturist - in der Eulenspiegelstadt Mölln geboren, in der Fußballstadt Mönchengladbach aufgewachsen, später in der Bischofsstadt Münster und heute in Köln zuhause - wird, wenn die Talfahrt der »Fohlen« weitergeht, der einst wohl als brutalster Cartoonist der Bundesrepublik in die Kunstgeschichte eingehen. Seine zahlreich erschienen Bücher sind vor allem, wenn's um Fußball geht, für die Ramboisierung des Künstlers ein trefflicher Beweis.
Sagen wir's einmal rundheraus: Fritsche ist ein Fall für die Godesberger Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften. Bei der Durchsicht seiner zahlreichen Bücher und unveröffentlicheten Cartoons sehen wir gelungene Bestialitäten der vergangenen Monate und auch Schweinigeleien in vierfarbigwohlfeiler Ausstattung. Dabei drängt es den sittenstrengen Betrachter, die Dame vom Amt um die Nummer der obersten Zensurbehörde zu bitten. Werden doch höchst ordinäre und verdammt prominente Menschen in Fritsches Comic-Welt von Kampfhunden lebendigen Leibes zerfleischt, von Bud Spencer erwürgt, von Maschinengewehr-Salven niedergemäht, von theatralischen Kapuzen-Henkern guilotiniert, von Grammatikpolizisten mit Baseballschlägern vermöbelt oder von einer Horde lärmender Kinder auf der Reise ins pädophile Jerusalem dem Strick überantwortet. Sadisten schleichen durch Fritsches Handwerk, hinterhältige Psychopathen, die blaues Blut fließen sehen, die Skiurlauber unter Lawinen begraben und deutschen Benutzern des englischen Genitivs den Garaus machen wollen.
»Meine Zeichnungen haben dieselbe Dramaturgie wie ein erfolgreicher Film«, meint Burkhard Fritsche, hinter dessen Fassade man derartige psychische Abgründe nie und nimmer vermuten würde, »da läuft auch nichts ohne Sex und ohne Tote«. Also wird gemeuchelt und gezotet auf Honka und Theresa Orlowsky komm raus - und dem Publikum gefällt's. Burkhard Fritsches armselige Typen mit den obligatorischen langen Nasen und en spindeldürren Ärmchen haben nach lange zurückliegenden Gehversuchen in der Alternativpresse mittlerweile Einzug gehalten in die seriösere Abteilung der bundesdeutschen Journaille. DIE ZEIT und GEO, TITANIC und KOWALSKI, die gewerkschaftliche Jugendzeitschrift RAN und das Hochschulmagazin UNICUM: Sie greifen und griffen wie auch die SCHNÜSS und die BÄCKERZEITUNG mehr oder minder regelmäßig auf Zeichnungen Fritsches zurück.
»Ich gehöre ohne Zweifel zu den besserverdienenden Kollegen und lebe ziemlich gut als freier Künstler«, macht der ehemalige Messdiener, dessen katholische Sozialisation in Rhein- und Münsterland sich in regelmäßigen antiklerikalen Stricheleien niederschlägt, kein Hehl aus der erfreulichen Auftragslage, »aber ich fände es natürlich viel besser, wenn ich wie Brösel zwischen drei und fünf Millionen mit meiner Arbeit verdienen würde«.
Während Brösels stumpfe »Werner«- Abenteuer für jeden Buchhändler und den Erfinder der motorradfahrenden Saufnase ein lohnendes Geschäft sind, ist Fritsche eher unanständig, unsittlich und unmoralisch. Seinem derben Strich, der jedwede Figur, ob Schlagetot oder Bundeskanzler, als abnormekelerregendes Exemplar der Spezies Mensch präsentiert, stellt der gelernte Lehrer ein Vokabular zur Seite, das in Ehren ergraute Herren seines Alters längst als pubertäre Verirrung vergessen haben sollten. An »Ärschen«, meist im Singular auftretend , mangelt es nicht, »Schlampen« gibt es, »Blindfische« und »Blöde Säue«. Fritsches Figuren transpirieren ganz furchtbar, riechen unfein, benehmen sich in der Regel höchst delikat daneben und tun ihre verkorkste Existenz in ebensolchen Verbalkonstruktionen kund: schnief, keuch, schwitz, hechel, winsel. Zudem wohnt den Bildergeschichten und Ein-Bild-Zeichnungen ein Geist inne, der in all seiner Gehässigkeit und Bösartigkeit mit »schändlich« noch vornehm umschrieben ist. Dem armen Prince Charles stellt er nach der Trennung von Diana eine unpaarhufige Gespielin zur Seite, der er demnächst im skandinavischen Exil den Hengst machen soll. Unserer Tennis-Heroin Steffi hat er den liebestollen Teddy früherer Tage weggenommen, um sie nun schutzlos den Gefahren eines perplexen Psychiaters und eines über ödipale Verirrungen schwadronierenden Papas auszusetzen. Den Koloss von Oggersheim proträtiert er als wehklagendes Opfer der Gesundheitsreform, die Fußball Nationalmannschaft als Horde unrasierter Rabauken. Und die Wildecker Herzbuben als eine perverse Mischung aus Bordsteinschwalben und Sumo-Ringern. Burkhard Fritsche: »Von den Jungs bin ich wirklich beeindruckt. Als ich sie zum ersten Mal gesehen habe, dachte ich: Das kann doch wohl nicht wahr sein...«
Aber es ist wahr - und ebenso unabänderlich wie die Tatsache, dass Fritsches Kunst weit über die Grenzen des guten Geschmacks hinausgeht, heimtückisch ist, unfair, hinterhältig, anal fixiert und eigentlich verboten gehört.
Zeichnet Fritsche heutzutage einen halbwegs liebreizenden Kicker, wird man auf dem Bild häufig einen Hinweis auf seine Borussia finden. Strichelt er einen Balltretenden Fiesling, steckt der mit Vorliebe im Bayern-Dress. Bestes Beispiel ist »Der Benimm-Schiedsrichter«, wo mauernde Borussen ihr Geschlecht klerikalkeusch vor der Brutalen Gewalt eines bevorstehenden Bayern-Freistoßes zu schützen suchen, sie aber von einem Knigge in Schwarz sehr zur Freude des schadenfrohen Bajuwaren mit den Worten »Hände weg vom Sack« zur Ordnung gerufen werden. Nur in der Diskussion, ob man der besseren Trefferquote wegen das Tor vergrößern oder den Torwart verkleinern solle, hat er seine heimischen Borussen außen vor gelassen - und die Namensvetter aus Dortmund bemüht, weil sich deren schwarz-gelbe Bananen im Hintergrund besser machten als Gladbachs grün-weißer Schlagwerker Manolo.
Zu hoffen bleibt deshalb, dass sich die Gladbacher Borussen bald wieder bekrabeln, dass sie zu altem Schwung, alter Begeisterung, alter Spielfreunde zurückfinden und damit Burkhard Fritsche aus dem fatalen Sog gemeingefährlicher Zerstörungswut herauszerren. Denn erinnern wir uns: Als Netzer und Vogts, Heynckes und Simonsen Meisterschaften und Pokale gleich im halben Dutzend an den Bökelberg holten, da zeichnete ein gut gelaunter »BURKH«, wie er sich nennt, statt Hässlich- und Widerwärtigkeiten noch charmant-witzige Männchen mit nichts als langen Nasen...
 
Zurück

Startseite