Rheinische Post
Werkschau des Humoristen Eugen Egner in Kassel

 

"Glücklich ist, wer vergißt, daß er/sie nicht zu retten ist!" - Einer der Cartoons von Eugen Egner, zu sehen in der Kasseler Caricatura-Galerie.

Kirchen lernen fliegen
Unter der Decke hängen am Kleiderbügel Männchen im Unterhemd. Eine Art Ameise im Ringeltrikot sitzt am Klavier. Das ist zwar merkwürdig, doch haarsträubend wird's erst, wenn man die Cartoons und Bildergeschichten in Augenschein nimmt. Da bekommt etwa ein Kerl im rosa Hasenkostüm von seiner Tante eine psalmengetriebene, flugfähige Kirche zum Geburtstag geschenkt.
Wem fällt solch magischer Unsinn ein? Ein überdrehtes "Selbstportrait" gibt erste Auskunft. Es zeigt einen wüsten Gesellen mit Pinsel zwischen den Zähnen, einer mit Seilen auf dem Rücken festgezurrten Säge und einer Sprühdose "Pointe Ex" in der Hand. Unter den Fersen sind Rollen befestigt. Zwerge schieben den Typ auf den Turmbau der "Titanic-Redaktion zu. Aus dem Inneren dringen hektische Stimmen: "Gnade! Egner kommt mit neuen Werken!" oder "Wo sind die Ungereimheits-Schutzzäpfchen?" Die Wirklichkeit sieht natürlich anders aus. Der 1951 in Württemberg geborene, in Wuppertal grundsolide und zurückgezogene lebende Eugen Egner ist ein gern gesehener Mitarbeiter des Satire-Magazins. Egners große Fangemeinde ist ganz versessen darauf, durch seine Bilderbücher, Kurzgeschichten und Romane in groteske Gegenwelten unserer Realität versetzt zu werden.

Gestalterischer Reichtum
Nach Kostproben in komischen Gruppenaustellungen gibt's nun endlich die erste große Egner-Werkschau. Sie findet in der Kasseler Caricatura-Galerie statt. Die schwarzweißen, mehrheitlich aber farbenprächtigen Blätter quellen über vor erzählerischem und gestalterischem Einfallsreichtum. Da sitzt beispielsweise ein übermütiges Paar im Zugabteil und fotografiert mit einem Weißbrot. Dem verdutzten Schaffner geben sie die Auskunft, dass das auch mit Schwarzbrot gehe die Polaroid-Fotos würden dann nur grobkörniger. Derweil schwappt in Gläsern und Flaschen Hochprozentiges, wie es viele von Egners-Helden lieben.

Aberwitzige Begebenheiten
Aberwitziges Begebenheiten schildern auch die Bildergeschichten. Eine geradezu sogartige Wirkung üben die Anfänge aus: "Am Abend versammelt Vater Bergmann alle drei Söhne im Schein seiner brennenden Socken: "Meine Söhne, was habt ihr heute für eure Mutter erfunden?" Am Ende stapfen sie als Dickhäuter durch die Bergwelt: "Zur Belohnung hat uns Mutter Elefantenkostüme genäht. In ihnen sollen wir die Alpen überqueren."

Die surreale Bilderwelt Egners ist unter den humoristischen Zeichnern ohne Parallele. Allein, wie diese Menschen und Mutanten schon aussehen und sich fortbewegen. Einige Tragen einen Flugapparat auf dem Rücken. Die "Ranzigen Ritter" schieben sich auf einem Rollengestell vorwärts. Und der Wolfsmensch Argebrat bevorzugt wie seine Frau eine ausgefallene Schuhmode: Sie haben sich mit Seilen Briketts unter die Füße gebunden. So steht Frau nun vor dem Plattenspieler und flucht: "Oh, diese Schallplatte! Jedesmal, wenn ich sie abspiele, ist dasselbe drauf!" Mit Sägen bewaffnet, stakst, wutentbrannt Argebrat heran: "Die säg ich durch!" Das ist typisch für ihn. (Bis 08.09. in der Caricatura-Galerie, Bahnhofsplatz 1, Kassel. Di.-So., 12-21 Uhr. Es gibt keinen Katalog dafür, aber werden zahlreiche Bilderbücher und Romane Egners angeboten.)

dieser Artikel erschien auch in Westfälischer Anzeiger, Hamm - Neue Osnarbrücker Zeitung - Neue Westfälische, Bielefeld - Rheinische Post Düsseldorf - Landshuter Zeitung - Heilbronner Stimme

Zurück

Startseite