Kölner Stadtanzeiger
Der Biedermann und seine Monster

 

Versoffene Grobiane mit verformten Nasen bevölkern die chaotischen Comics des Eugen Egner. Im wirklichen Leben entpuppt sich der Schöpfer der grotesken Gestalten als aufgeräumter, nüchterner Stubenhocker, dem sein Nachmittags - Tee heilig ist. Ein Hausbesuch von Katharina Gugel.

Nur ein paar Stunden im Werk von Eugen Egner geschnuppert und schon wird man süchtig. Süchtig nach diesem speziellen Wahnwitz, nach den grotesken Protagonisten mit ihren versoffenen Spiral- und Schnauzennasen. Ihren mannigfaltigen Wurmfortsätzen an Steiß und Bein, ihren pausenlos gebleckten Zähnen, durch die hindurch merkwürdige Worte wie "Famnse", "Bogond" oder "Schnölb" gezischt werden. Süchtig nach diesen haarsträubenden Geschichten über kotzende Bauchrednerinnen und kosmische Käsebrote, so köstlich in ihrer prallen Phantasie und altertümlichen Sprache, so komisch-schrecklich in ihrer subtilen Wahrheit.
Wir stehen an der offenen Wagentür. Seit zwei Stunden stehen wir da, wollen uns nicht ins Innere setzen, können uns nicht loseisen vom Sog dieser Hirngespinste. Längst ist es Nacht geworden, der Wuppertaler Mond mogelt sich durch den Dunst. Gleich nach dem Hausbesuch bei Eugen Egner mußte ich Freundin Melissa aufsuchen, die einen Feinsinn für bizarre Gestalten hat. "Ich glaube, ich sterbe gleich", stöhnt sie immer wieder lustvoll und liest aus Egners neuester Textsammlung vor. "Ich war vor dem Diaphragma, daraufhin ins Kloster ging. Große Angst trieb mich um. Deshalb riet mir mein Therapeut zur Anschaffung der Schallplatte "Seid fröhlich in eurer Angst" von Häuptling Heulender Hammer..."
Ich halte den Cartoon-Band in Händen und deute nur noch stumm vor Vergnügen auf einzelne Szenen, die achselhaarwuchernde Mutanten zeigen, wie sie mit Weißbrot Polaroidfotos anfertigen und sich mit Kündigungsschutzzäpfchen vergiften. Beide umkreisen wir, wie einst mit staunenden Kinderaugen, die einzelnen Kinderaugen, die einzelnen Zeichnungen, als ob sie riesige, kaum zu überschauende Landkarten eines fernen, aber doch vertrauten Kosmos wären. Irgendwo zwischen Supermarkt und Mondlandschaft. In jedes Bild drängen sich wuselnde, kauzige Gesellen, die mit Stöcken und Antennen hantieren, auf Würsten fliegen, volltrunken an Eckkneipen urinieren und Häuser zersägen. Immer wiederkehrende Nebenrollen, die wir mit wachsendem Quieken quittieren.

Wir geraten in einen rauschähnlichen Zustand. Egners Schreib und Zeichenhand hat gnadenlos eingeschlagen. "Und du sagst, er hat so gar nichts Wildes Verwegenes an sich? Kein Rauhbein mit Whiskyfahne? Eher ein nüchterner bedachter Mensch, ein blasser Stubenhocker? Das kann nicht sein!" "Doch", antworte ich der ungläubige Freundin. "und er sieht es selbst vollkommen klar. Nichts läge ihm ferner, sagt er, als sich den lieben langen Tag LSD in den Rachen zu schmeißen und stets mit Rum nachzuspülen. Die jungen, wilden Jahre hatte er mit Freuden genossen, doch da käme man ja so recht zu nichts. Ich bin total bieder und ich lebe auch total bieder, das hat er wortwörtlich so gesagt". Die reizvolle Begegnung begann schon mit dem Telefongespräch zwecks Terminabsprache. Wie er den Artikel im FAZ-Feuilleton über seine Cartoon-Ausstellung in Kassel fände, fragte ich Eugen Egner. Ob er sein Werk auch als "bildnerisches Ingenium eines in der Wolle gefärbten Ironikers" begreife? "Es steht in der FAZ über mich? Na, dann lesen Sie mal vor. Ich weiß nichts davon." Auf meinen Vorschlag, er könne sich doch am Kiosk die Zeitung holen, meinte er: "Der Tag ist schon vorbei. Ich gehe doch jetzt nicht vor die Tür, vor allem nicht bei diesem Wetter." Es war drei Uhr nachmittags, die Sonne schien.
Eugen Egner, 1951 in Ingelfingen geboren, irgendwann einmal halbprofessioneller Rockgitarrist, heute als Zeichner und Schriftsteller wohnhaft in Wuppertal. Mitarbeiter der "Wuppertaler Schule" (komischer Surrealismus). Seit 1989 Veröffentlichungen unter anderem in den Satire-Magazinen "Kowalski" und "Titanic". Daneben Hörspiele für den WDR Beiträge für die "Sendung mit der Maus". Publikation diverser Bücher (Cartoon-Bände und einen Roman). Im Herbst 96 erscheint Sammlung von Kurztexten und neue Novelle....

Auf dem Beifahrersitz stapelten sich die wichtigsten Eckdaten über Herrn Egner. Unter dem Lebenslauf und der Biographie ein 20seitiger Vortrag über die "Besonderheiten der Groteske in Eugen Egners Prosa", gehalten an der Uni Marburg. Die Wegbeschreibung führte in den Vorstadtdschungel, den ärmlich-depremierenden Wohnbaracken folgten fein säuberliche Reihenhaussiedlungen. Ein kurzer Blick auf den Postkartenstapel der Egner-Cartoons, auf seine kleinbürgerlichen Monster namens Hunnickel oder Agrebat, offenbarte - zugegeben mit leichten anatomischen Abweichungen - frappierende Ähnlichkeit mit dem lebenden Gehsteig- und Vorgartenpersonal. Notorisch bastelnd, stets zur Säge und zum Bohrer greifend. Aha! Hat sich also mitten ins Hornissennest gesetzt, um sich von ausgebiegenen Sozialstudien inspirieren zu lassen!
Als ich dann vor der angegebenen Hausnummer hielt, traute ich den Augen nicht. Jägerzaun, akkurate Begonienreihen, Glasbausteine. Vater Egner öffnete die Tür. Wir saßen in der systematisch aufgeräumten Küche und tranken Tee - das Lieblingsgetränk Eugen Egners, das er, wenn nicht Unvorhergesehenes dazwischenkommt, zusammen mit seiner Frau am Ende eines Tages (so gegen 15 Uhr) zelebriert.
Einmal diesen zarten, blassen, so nüchternen Mann in Augenschein genommen eine Zeit lang seiner mit ernsthafter Stimme vorgetragenen ironischen Melancholie gelauscht und es erübrigte sich schnell die doch etwas plumpe Annahme, daß vollrauschendes, wahnsinniges, grobes Chaos nur von wahnsinnigen, chaotischen Grobianen im Vollrausch inszeniert werden kann. "Auch wenn es für die Leute immer wieder enttäuschend ist, ich bin der Aussitzer, der Konstrukteur", so Egner. "Ich liege abwartend auf der Lauer und überlege mir: Wie kann ich meine Figuren und Welten noch schlimmer machen? Das sind oft jahrelange intellektuelle Prozesse, die auf vielen literarischen Quellen beruhen, aber eben auch aus einer gewissen Grundverzweiflung entstehen. Wenn man ein wenig sensibel ist und sich die Welt da draußen besieht, dann ist das eigentlich nicht zum Aushalten. Die Grauenhaftigkeit der Dinge kann man nur ertragen, wenn man das Lächerliche am Schrecken entdeckt und dadurch Distanz gewinnen kann. Aber natürlich gibt es bei mir auch die simple Lust am Unfug. "Sprach's ohne abzusetzen und fuhr einmal kerzengerade vom Stuhl, um in letzter Sekunde die Tischdecke vor einem vom Milchkännchen zu tropfen drohenden Tropfen zu retten.
Eugen Egner kultiviert die Häuslichkeit, braucht ein festes Tageskorsett meidet es - wenn möglich - das Haus zu verlassen und sich unter seine Artgenossen zu mischen. Er empfindet die Menschen mehrheitlich als laute und häßliche "Deppen" unter deren dünner Decke der Vernunft das Untier brodelt. "Wenn bereits eine Kleinigkeit im Stoffwechsel oder an der Schilddrüse schiefläuft, nehmen sie die Axt gehen auf die Straße und schlagen andere Leute tot."
Daß er schon so lange Zeit ziemlich beengt mit seiner Frau im zweiten Stock des elterlichen Heims wohnt, umgeben von sägenden und schraubenden Heimwerkern von ballonseidendenen Jogginganzügen und Bierdosenhaltern macht ihm zu schaffen.
Wir gingen ins Arbeitszimmer. Etwa zwölf Quadratmeter, die er sich mit seiner studierenden Ehefrau teilt.
Zwischen all den Älteren, die Egner aus Malereien, alten Fotos und kitschigen Figürchen installiert hat, zwischen den Werken seiner Leitfiguren (E.T.A. Hoffmann, Wilhelm Busch, Karl Valentin, Jimi Hendrix, Groucho Marx, um nur einige zu nennen) steht der Zeichentrick.
Was heißt Zeichentrick? Eine bescheidene Holzplatte bringt eine ausgehebelte, noch mit Scharnieren versehene, leicht ramponierte Schranktür aus Eugens Jugendzimmer in Schräglage. Das Beste: Sie rutscht ihm regelmäßig barrierelos in den Bauch, wenn er sich intensiv seiner "katastrophalen Notwehr-Zeichentechnik" (Eugen Egner) widmet, wenn er kratzt und mit Deckweiß die Papierunebenheiten wieder ausspachtelt. Und wenn er manchmal in Idealzustände gerät: planloses Gekritzel aufs Papier, auf einmal eine Idee eine Szene und plötzlich ein "zelebrales Gefühl der hohen Begeisterung", das ihn völlig verdutzt vor Vergnügen auf die Schenkel schlagen und eventuell dabei sogar ein "Jawoll" ausrufen läßt.
Doch auch wenn man es nicht glauben mag, bei einem mittlerweile derart hochgerühmten Künstler - das Geld fließt nicht so, wie es sollte und zwingt Egner wie beschrieben zu bescheidener Lebensführung. Bei irgendeinem Verlag liegt seit Monaten untätig ein Romanmanuskript herum. Mit seinem Stammverlag hat sich Eugen Egner überworfen - wegen "unfeiner Geschäftsgebaren", wie er sagt. Drei neue farbige Cartoons im gewohnten "Bastard-Stil" (Egner) und eine abstrakte Schwarz-Weiß-Serie unter dem Arbeitsmittel "Die gebrüllhafte Geweihmappe" warten in der Schublade auf Abnehmer. Schlußwort des Künstlers: "Ich sag ja immer: Lassen Sie mich mal zehn Jahre tot sein. Dann läuft das wieder, so lange ich lebe, störe ich."

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