Junge Welt
Faulheit & Arbeit
Wochenendbeilage

 

Eugen Egner hat es versprochen. Er wird für immer schweigen. Jürgen Roth unterhält sich mit ihm ein letztes Mal, bevor der sympathische Drogen-Temperenzler Ernst macht.

Das letzte Interview
Eugen Egner unterhält sich zum letzten Mal mit Jürgen Roth und umgekehrt

Eugen Egner, ehedem Kopf einer Altleipziger Frauen-Death-Metal-Combo, "Spaßvogel" (FAZ), passionierter Friseur, Drogen-Temperenzler und "notorischer Vielschreiber" (Oberhessische Presse), unterhielt sich, bevor er vom Presseleben unwiderruflich Abschied nehmen wird, mit Jürgen Roth ein letztes Mal und exklusiv für die junge Welt. Im Vorfeld des Gesprächs bestand er drauf, keinen "Werbedialog über meine just erschienenen Prosabände >Getaufte Hausschuhe mit Blumenmuster< - bei Reclam-Expedition? (Verlag Weisser Stein)" führen zu wollen. "Über alles andere rede ich."

In wenigen Tagen endet die große Kasseler Eugen-Egner-Ausstellung "Königliches Amüsement". Experten aus aller Welt haben sich anerkannt bis panegyrisch geäußert. Du aber überraschtest mit der Ankündigung, es sei nun alles aus und vorbei, dein Abschied vom Zeichnen und von der Malerei sei perfekt. Du würdest nie mehr zeichnen, das Malen - ab sofort ganz eingestellt. Nicht verkaufte Exponate würden auf ewig weggeschlossen. Warum dieser Schritt?

Zeichnen ist ein hochschikanöser Vorgang. Wie hab ich das schon gehaßt! Einen ganzen Roman hab ich darüber geschrieben, was für eine Tribulation das Zeichnen doch ist. "Androiden auf Milchbasis" heißt er und kein Schwein will ihn drucken. Das Schreiben fällt mir indes auch sehr schwer. Je älter ich werde, desto mühsamer wird es. Der Kopf in der Jugend nie geschont... Übrigens, die Malerei habe ich bereits im Januar 1988 aufgegeben. Das Trinken im Januar 1991: Ich werde ab sofort einfach überhaupt nichts mehr machen.

Definitiv? Definitiv auch keine Gartenskizze und keine Landschaftsmalerei mehr? Diesen Fach-Wechsel deutetest du neulich an.

Definitiv. Eventuell übernehme ich den Lehrstuhl für experimentelle Vergeltungsmedizin an der Universität Rinteln.

Aber "manchmal" bist du doch, wie der Reutlinger Generalanzeiger schrieb, als Comic-Zeichner "eine Wucht". Du hättest "den ganz normalen Wahnsinn auf Papier gezeichnet", "Mit Nachdenken" sei da "nichts zu holen", und Kultur News lobte: "witzig, aber nicht immer komisch". Das alles müßte doch eigentlich Ansporn genug...

....zum Verhauen von Interviewern sein. Leder aber bin ich als Verhauer gar keine "Wucht". Ich bin schwach und friedfertig. Das hindert mich allerdings nicht daran, meine, wie die Leipziger Volkszeitung sich auszudrücken beliebte, "meist vordergründigen", lieblich albernen" Lesungstexte "in der Art eines enthemmten Loriot" vorzutragen. Nein, definitiv keine Interviews mehr.
Pfui Wurst!

Die von dir erwähnte Zeitung nannte dich eine "Brutalosäge".

Jeder so gut er kann.

Könnte aber doch eine Rolle spielen, daß du bislang beinahe jeden Verlag, der sich deiner Arbeiten angenommen hatte, unverzüglich in den Ruin triebst. Vor diesem Hintergrund...

Ja, bisher hab ich alle kleingekriegt. Alle. Sogar der WDR wackelt. Die Titanic auch. Um dem Haffmanns Verlag dieses letale Los zu ersparen, habe ich mich rechtzeitig von ihm getrennt. Wenn da jetzt was passieren sollte, wär's nicht meine Schuld. Übrigens habe ich über diesen Sachverhalt geschrieben: Mein Text "Der Förderpreis" (im neuen Reclam.Band) handelt davon.

Das ist ein sehr gutes Buch. Ganz neu. Ohne erkennbaren Willen freilich zum großen Lukasschen epischen Totalitätsanspruch. Vielmehr kleine Texte, die aber das ganze Eigene des egnerösen schikanösen kosmischen Wahns ins dichterische Bild bannen. Schaffst du dir da Ersatz für das Ende deiner zeichnerischen Ambitionen, wo sich doch "Egner (...) als ausgesprochen schräger Ast am Stammbaum des Hieronymus Bosch" (FAZ) erwies, nun aber der Ast, auf dem er da saß, abgebrochen...

Ersatz? Ich gebe dir gleich Ersatz! Und von wegen abgebrochener Ast! Was heißt hier überhaupt "egneröser schikanöser kosmischer Wahn"? Der Kosmos ist schikanös! Der hat angefangen! Wahn - wenn ich das schon höre! Als ob ich's nicht schon schwer genug hätte!

Dies ist also dein letztes Interview gewesen? Dir reichts?

Unbedingt und in jeder - außer in finanzieller Hinsicht.

Dann danke ich dir für das aufschlußreiche Gespräch.

Ach Quatsch.

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