Junge Welt
Eugen Egners Zeichnungen in einer Ausstellung in Kassel. Über zwei bestimmende Motive im Werk unterrichtet Gerhard Henschel
Krach und Haare

Im Kieler Semmel Verlach erschien 1991 Eugen Egners Comic- und Cartoon-Band "Glücklich ist, wer vergißt, daß er nicht zu retten ist" Den Semmel Verlach gibt es inzwischen nicht mehr, ebensowenig wie die von Eugen Egner regelmäßig mit Märchen und Bildern belieferte Zeitschrift Kowalski. Damals aber war die Welt noch in Ordnung, und der Kowalski-Redakteur Hans Kantereit hatte für den schönen bunten Band ein Vorwort geschrieben, in welchem er Verriet, daß Eugen Egner "ein ganz geheimnisvoller Patron" sei, über den auch er, Hans Kantereit, strenggenommen überhaupt nichts wisse: "Abgesehen von dem", schrieb er, "was alle wissen: daß jeder Künstler an seiner Umwelt leidet. Und daß sein Werk jeweils Ergebnis dieses Leidens ist. So gesehen leidet momentan kaum ein zeitgenössischer Zeichner so gekonnt wie unser Herr Egner."
In den Jahren, die seitdem verstrichen sind, haben Eugen Egners Leiden nicht damit aufgehört, ihn anzuspornen. In erster Linie leidet Eugen Egner an seinen eigenen Haaren, in zweiter Linie an Deutschlands Geräuschentfaltern - an gewaltbereiten Primaten mit Kreissägen und Bohren, Flugzeugmotoren und Löffelbaggern, Hämmern und elektrisch betriebenen Mopedhebern, aber auch mit Schnauzen und Schnäbeln. Krach und Haare sind zu zentralen Motiven des zeichnerischen Werks Eugen Egners geworden. Warum und wieso, weiß strenggenommen niemand. Dies und das weiß ich allerdings aus Eugen Egners Briefen.
Er nenne sich jetzt "das Haarwunder von Wuppertal", schrieb er am 28.März.1992, schilderte jedoch bereits am 4.April die unguten Folgen: "Geistesabwesend habe ich gestern mein Frisurimität durchs Städtchen getragen, Bohnen mit Bananen verwechselt und versehentlich das Wechselgeld verschluckt." Am 10.Juni hatte sich die Haarsituation erneut verschärft ("Die Haare liegen heute wieder plisch, plumm und platt"), und am 19. Oktober 1992 erklärte Eugen Egner: "Wäsche, Türöffnen, Haare, Geld, Reisen - all dies und mehr sind Dinge, mit denen ich mich schwer tue." Im Postscriptum vom 22.November.1992 hieß es: "Heute erkannt: Über Haare schreibt man nicht, die hat man." Am 15.November.1993 teilte er mir mit:"Gestern ist mir ein Nasenhaar durch den Mantel gewachsen." Man glaubt vielleicht, das gibt es nicht, aber dann gibt es das doch. "Meinen Bart aber", erklärt er am 3.März.1995, wollen wir aufheben fürs spätere Egner-Museum in Primasens".
Mehr als seine eigene Haare machen Eugen Egner jedoch die akustischen Lebenszeichen seiner Mitgeschöpfe zu schaffen. Das vielfach variierte Motiv des hausdurchsägebereiten Familienvaters ist nicht aus der Luft gegriffen; es hat seinen realbiographischen Ursprung. "Gestern war es besonders possierlich", hieß es am 25.Juni.1992. "Um 7Uhr Ortszeit rissen uns Preußlaufhammer-Rhythmen aus dem hitzebedingt schlechten Schlaf." Ein Nachbar, so steht es in einem Brief vom 8.August, begann "um 6Uhr früh, seinen umfänglichen Garten zu wässern, zu besprengen, zu besprühen. Dabei entfachte der Wasserdruck unter Zuhilfenahme von Wasserhahn und Gartenschlauch ein unvermutet, ja: überzeugend durchdringendes Schrillpfeifen, daß es das Hirn wie ein menigitisches Sägewerk sauber in mehrere Hemisphären, Globuli und Segmente trennte." Und jetzt? "Und jetzt", ergänzte Eugen Egner am 9.Oktober 1992, "geht das vollidiotische Taubengehupe wieder los - ornithologische Morsezeichen größtmöglicher Stupidität. Tauben kann ich nun überhaupt nicht mehr leiden. Waren mir immer schon suspekt. Die, ausgerechnet die den Frieden symbolisieren lassen!""
Längst war Eugen Egner mittlerweile allerdings auch Inhaber und Besitzer eines Katers. Am 8.September 1993 schrieb Egner: "Furchtbares Geschrei des Nachts, wenn sich die Katzburschen prügeln. Geradezu lieblich in den Ohren derjenigen, die von ihren Nachbarn Schlimmeres gewohnt sind." Zur Beruhigung der Geräuschkulisse trug der Kater keineswegs bei, er erkrankte sogar: "Gleich vormittags", ein Brief vom 23.November.1993, "suchten wir die Tierärztin auf, saßen mit kranken Kater zwischen mehreren querulierenden Hunden. Ein Terrier fing in himmelschreiender Hybris Streit mit allen anderen an, einer davon war elefantengroß, und ein rabiates Gebrülle hatte statt. Mit gesträubten Fetthaar und kollabierter Frisur saß ich als gelernter Besorgnisträger dazwischen."
Einen vorläufigen Höhepunkt erreichte der Lärm am 28.Januar.1994: "Seit gestern erleben wir zeitweise die Vorstufe zu bosnischen Verhältnissen. Unvermutet fielen am Donnerstag, als wir nichtsahnend beim Frühstück saßen, städtische Straßenbauarbeiter in unsere Straße ein. Nicht genug damit: Genau vor unserem Haus begannen sie, ihres Amtes zu walten. In Windseite waren Preßlufthämmer, Gelände- und Gebirgssägen röhrend und dauerexplodierend zum Einsatz gebracht. Die Frau drohte mit Selbsttötung. Heute wurde zur Mittagszeit und am ganz frühen Nachmittag der Lärmrekord aufgestellt. Doch, das hatte was. Ahnungen von Bombenangriffen stellten sich ein. Ein beachtliches, limousinengroßes Loch ist nun in die Fahrbahn eingearbeitet worden, Respekt!" Drei Tage später war zu erfahren: "Inzwischen ist das Loch in der Straße wieder zugeschüttet, die schwere Artillerie abgezogen worden. Für die Glasur der Fahrbahn steht das unvermeidliche Instrumentarium bereit (Preßluftspachtel und Asphaltätteisen). Unter fettem Gelächter kochen sie jetzt Teer."
Aber erst am 6.Dezember.1994 gegeben wurde ringsherum um Eugen Egners Erbhäuschen ab 5 Uhr morgens eine "phonetische Imitation des 1943er Bombenangriffs auf Wuppertal (kann auch '44 oder '45 gewesen sein, so genau hört man das nicht immer raus). Für Laien eine beachtliche Leistung, vor allem, wenn man bedenkt, daß diesen drei bis vier Mann lediglich die Haustür, die Schuhsohlen, ein Garagentor, zwei Kraftwagen und ein Motorrad sowie ihre Stimmbänder zur Geräucherzeugung zur Verfügung stehen." Und am 16.Dezember schrieb er mir in verwelkender Handschrift: "Heute abend fuhr ein anonymer Oigophrener auf einem vermutlich aus alten Rasenmähren selbstgebauten Moped mehrere Ehrenrunden durch die Gegend, die Gott aus Verachtung an den Stadtrand geschissen hat."
Und dann, am 9.Mai.1995, schloß Eugen Egner mit Kassel und der Kassel-Akustik Bekanntschaft, als Gast des Kassel und der Typographen Friedrich Forssmann: "Unter herrlichstem Plaudern, Essen, Alkoholverzehren und Spazieren durchmaßen wir das Raum-Zeit-Gefüge wie die Alten. 51 Jahre alten Portwein gab's, dauernd auch anderen Wein, Kuchen und Schokolade im Überfluß. Und wir schliefen phänomental gut (in einem Webstuhl). Während der Nacht war es so ruhig, wie wir es uns nicht vorzustellen vermochten. Tagsüber aber griffen einige Nachbarn zu unseren Ehren - ganz wider die Gebräuche dieser Wohngegend - immer wieder zu Hämmern und Bohrmaschinen. Ein Phänomen, das Forssmann nicht zu erklären vermochten. Sag Du: War das Karma?" Man weiß es nicht. Man kann nur hoffen, daß Eugen Egner in Kassel diesmal Behaglichen zuteil wird als frisurverzehrender Rabatz. Besser, das weiß ich, gefallen Eugen Egner Käse-Obst-Zierspieße, Apfelstrudel, Laub und Luft, dicke Bohnen, belegte Brote, Frieden und Spezereien. Er hat sie verdient, einfach so, aber auch für die Haarwuchs- und Hörsturz-Werke, die hier zu bestaunen sind.

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