Frankfurter Rundschau
Altherrenabend in Schenkels Kathedrale
Ein feuchtfröhliches Treffen dreißig Jahre nach der Mittleren Reife

 

Das Beste, was wir hatten, seit wir spürten, daß wir in die Jahr kamen, waren die Altherrenabende bei Schenkel. Sie halfen uns, unsere unerträgliche Existenz zu ertragen.
Schenkel war Werbetexter, unter anderem stammte von ihm die Werbung, für Magnet-Bier. "Trinkt Magnet-Bier, denn Magnet-Bier ist anstistatisch." Im Vollrausch hatte er eine baufällige neogotische Kathedrale um ein Geringes erworben, sah sich jedoch in der Folge unerfüllbaren Denkmalschutzauflagen und daraus resultierenden Renovierungskosten in Millionenhöhe gegenüber. Um nach der kostspieligen Anschaffung eines Dachdeckenhuts und einer großen Anzahl Schraubzwingen seine weiteren Ausgaben möglichst gering zu halten, hatte Schenkel eine zeitlang illegale Arbeitskräfte aus irreparablen Ländern beschäftigt. Das von jenen tagsüber Vollbrachte war der Rede nicht wert gewesen, doch das allnächtliche hochprozentige Montieren der schwermütigen Arbeitsseelen hatte der tendenziellen Ruinenhaftigkeit von Bauwerk und Eigentümer bedenklichen Vorschub geleistet. Bei einer einzigen Gelegenheit waren die Orgelempore, ein Ziergiebel sowie der Dachdeckerhut und drei Rippen unseres Freundes Schenkel zuschanden geworden.
Von derartigem Berserkertum waren unsere Altherrenabende weit entfernt. Einige von uns inklinierten aufgrund ihres Naturells sowieso zu einer gemäßigten Gangart, doch auch den Lebhafteren stand dreißig Jahre nach dem gemeinsamen Erringen der Mittleren Reife der Sinn eher nach Kontemplation denn nach Exzessen. Besonders Erich war zu einer eingeschränkten Lebensweise gezwungen und zeigte schon von daher keinerlei Neigung zu tätlichem Randalieren. Eigentlich war er fünf Jahre nach der Mittleren Reife bei einem Motorradunfall ums Leben gekommen. Irgendwie hatte er aber geistig in einem Schränkchen konserviert werden können. Man konnte sich mit ihm unterhalten (er litt zeitweilig an Konfabulation), nur war er nicht mehr zu sehen oder zu fühlen. Herauszukommen vermochte er ebensowenig. Täglich wurde ihm ein Teller Gulasch in das Schränkchen gestellt. Verdauungsprodukte fielen übrigens nicht an. Natürlich nahmen wir Erich zu den Altherrenabende bei Schenkel mit. Je zwei von uns trugen umschichtig das Schränkchen. Bei Tisch wurde es auf zwei Stühle gesetzt, statt des Tellers Gulasch mußte dann eine Flasche Portwein hingestellt werden. Erich hielt stets wacker, mit nicht zuletzt dank seiner Konfabulation. Einmal, als die Wogen denn doch recht hoch gingen, war das Schränkchen über die Stuhllehnen nach hinten gekippt und zu Boden gefallen. Zu unser unaussprechlichen Erleichterung hatten weder das Möbel noch Erichs Geist Schaden genommen. Am dreißigsten Jahrestag unserer Mittleren Reife sollte wieder ein Altherrenabend bei Schenkel stattfinden. Vorher hatten wir überlegt ob wir Ellerbeck, zuzeiten unter allen Lehrern an der Realschule unser schlimmster Peiniger, aus dem Altenheim entführen und ihm nachträglich den Prozeß inklusive Garaus machen sollen. Wenn wir letztes Endes auch davon abstanden, läßt sich daraus doch ersehen, wie traumatisiert wir waren und zeitlebens bleiben würden. Ich für meine Person träumte bis zu meinem Tod regelmäßig, ohne Mathematik-Hausaufgaben in der Realschule zu sitzen und beim besten Willen nicht zu wissen, wie ich den Abschluß je schaffen solle.
Als wir am verabredeten Abend Erichs Schränkchen den Berg zu Schenkels Kathedrale hinauftrugen, waren einige von uns froh, ihren zänkischen Frauen und schießwütigen Kindern für ein paar Stunden entkommen zu sein, andere (darunter ich) hatten Angst, hinterher nicht heil nach Hause zukommen. Aller aber hofften wir inbrünstig, Schenkels Frau möge nicht da sein. Es hatte tatsächlich schon zwei, drei Abende gegeben, die sie mit ihrer Anwesenheit beehrt hatte. Für uns war es so gewesen, als ob wir in Lehrer Ellerbecks Reich des Schreckens zurückgekehrt wären. Sie hatte sich mit eben so kühnen wie unklugen Behauptungen hervorgetan und auf führmannsmäßig dreiste Art restlos alles für "belanglos" und "langweilig" erklärt, was uns, in welcher Hinsicht auch immer, etwas bedeutete. Selbst zeigte sie sich aber enorm anfällig für jede noch so armselige Art geistigen Bettnässertums. Schlimm war auch ihre gemeingefährliche Zigarettenraucherei, wo wir doch eine reine Nichtraucherrunde waren. Wir blieben stehen und setzten das Schränkchen ab. Es mußte ein Plan gemacht werden. Diesmal wollten wir uns nicht den Abend versauen lassen und wie Opferlämmer dazu schweigen. Vorschläge wie "Aufs Maul hauen" und "Rausschmeißen" wurden als indiskutabel zurückgewiesen. "Sofort wieder gehen, wenn sie da ist", forderte einer von uns, ein großer Beleibter mit Bart. Ich pflichtete ihm bei. Erich schlug vor, wir sollten von unterwegs anrufen und uns erkundigen, ob sie zugegen sei. Diese Idee war an sich nicht schlecht, aber Erich konnte unsere äußere Situation nicht einschätzen. Weit und breit war keine Telefonzelle. Zu einem der wenigen Häuser am Weg zu gehen und zu fragen, ob wir mal telefonieren dürften, trauten wir uns nicht. Alle waren wir uns in der strikten Ablehnung von Mobiltelefonen einig, in diesem Moment aber ersehnten wie eins. Unser Hauptlebensgefühl, die Aporie, bestimmte alsbald die Szene. Um nicht den ganzen Abend am selben Fleck stehenzubleiben, gingen wir einfach weiter. Schon kam Schenkels Kathedrale in Sicht, an den vielen Schraubzwingen unschwer zu erkennen. "Oh Scheiße, wenn sie jetzt da ist ", stöhnten wir bei jedem Schritt.
In der Einfahrt prallten wir auf den Gastgeber. Vor dreißig, ja noch vor fünfzehn Jahren hatte er schöner ausgesehen. Jetzt brauchte er auch schon mehrere Schraubzwingen. Vom vielen Trinkern, wozu er gewiß Grund hatte, sah er aus wie aus unterschiedlichen Leder- und Pelzstücken zusammengenäht. Statt einer Begrüßung erzählte Schenkel, erhabe soeben eine Katze beerdigt, die, währender arglos mit ihr sprach, von einem Fenstersims in Parterre gefallen sei und sich dabei Genick gebrochen habe. Wir bestanden nicht darauf, daß das Tier zu Demonstrationszwecken noch einmal ausgegraben würde. Als nächstes wies Schenkel uns auf ein Hämatom hinter seinem rechten oder linken Ohr hin: "Da hat mich meine Frau im Schlaf mit einer Dachlatte hingeschlagen." Wir glaubten ihm, ernst nickend. Seine Augen ruhten mit Wohlgefallen auf uns. Er blickte von einem zum andern. "Das Schränkchen streichen wir nachher rosa an", scherzte er. "Wehe!" rief Erich. Da standen wir nun alle in der dunklen Einfahrt herum. Schenkel machte keine Anstalten, ins Haus zu gehen, und wir wagten nicht, ihn dazu zu ermuntern. Daß er nicht hineinstrebte, legten wir als böses Omen aus. Wieder überkam und uns die Aporie. Mit Tränen in den Augen wollten wir wortlos weggehen, da schloß der Hausherr endlich die Tür auf. Er sprach: "Zur Feier des Abends werden wir im Glockenstuhl die Konferenz von Jalta nachstellen. Bitte beachtet die Namensschildchen bei Tisch."
Ängstlich betraten wir das Innere der Baustelle. Dabei hatten wir die Vision, Schenkels Frau säße bereits qualmend und quakend an der Tafel, und zwar hinter dem Platzkärtchen mit der Aufschrift "Stalin". Entsprechend elend erklommen wir, das Schränkchen geschultert, die Treppe zum Glockenstuhl. Schenkel schleppte sich auffallend mühsam empor. In der Nacht zuvor, erläuterte er, habe er "den Kindern aus pädagogischen Gründen allen Alkohol weggetrunken". Bei den "Kindern" handelte es sich um seinen volljährigen Pflegesohn und dessen Freunde. Seine Frau habe ihn gar nicht mehr erkannt - nun erwähnte er sie auch noch! Uns wurde doch eh schon bänglicher mit jedem Schritt.
Es kam der unvermeidliche Augenblick, da alle Stufen verbraucht waren und wir da alle Stufen verbraucht waren und wir oben ankamen. Das Schlimmste erwartend, traten wir möglichst gefaßten, dabei aber doch völlig verzerrten Mienen ein. Vor uns prangte, intim ausgeleuchtet, die riesige Tafel. Merkwürdige Speisen, geistige Getränke und diverse Namensschildchen unterschieden wir. Die Stühle waren sämtlich leer, niemand außer uns befand sich im Raum: SIE WAR NICHT DA!!! Weil wir "halbgaren Langweiler mit unserem ewigen Gewäsch über Krankheiten" kämen, weile seine Frau über Nacht bei interessanten Leuten, informierte uns Schenkel.
Uns war wie zu Realschulzeiten, wenn eine Mathematikarbeit oder der Sportunterricht ausgefallen waren. Wir sanken einander erlöst in die Arme, und keiner schämte sich seiner Rührung. Erich in seinem Schränkchen erfuhr als letzter von der Glückswende des Schicksals. Ausgelassen leerten wir Flaschen und Schüsseln, teilten Deutschland in vierzig Zonen auf und dachten uns Schikanen aus. Wir wurden schöner mit jedem Schluck. Reihum durfte sogar jeder einmal Stalin sein, mußte sich hinterher aber gründlich die Hände waschen. Erichs Schränkchen fiel mehrmals zu Boden, und wir standen ihm darin nicht nach. Am nächsten Morgen hatten wir alle das Gefühl, uns das Genick gebrochen oder doch wenigstens Hämatome hinter den Ohre zu haben.

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