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Das
Beste, was wir hatten, seit wir spürten, daß wir in die
Jahr kamen, waren die Altherrenabende bei Schenkel. Sie halfen uns,
unsere unerträgliche Existenz zu ertragen.
Schenkel war Werbetexter, unter anderem stammte von ihm die Werbung,
für Magnet-Bier. "Trinkt Magnet-Bier, denn Magnet-Bier
ist anstistatisch." Im Vollrausch hatte er eine baufällige
neogotische Kathedrale um ein Geringes erworben, sah sich jedoch
in der Folge unerfüllbaren Denkmalschutzauflagen und daraus
resultierenden Renovierungskosten in Millionenhöhe gegenüber.
Um nach der kostspieligen Anschaffung eines Dachdeckenhuts und einer
großen Anzahl Schraubzwingen seine weiteren Ausgaben möglichst
gering zu halten, hatte Schenkel eine zeitlang illegale Arbeitskräfte
aus irreparablen Ländern beschäftigt. Das von jenen tagsüber
Vollbrachte war der Rede nicht wert gewesen, doch das allnächtliche
hochprozentige Montieren der schwermütigen Arbeitsseelen hatte
der tendenziellen Ruinenhaftigkeit von Bauwerk und Eigentümer
bedenklichen Vorschub geleistet. Bei einer einzigen Gelegenheit
waren die Orgelempore, ein Ziergiebel sowie der Dachdeckerhut und
drei Rippen unseres Freundes Schenkel zuschanden geworden.
Von derartigem Berserkertum waren unsere Altherrenabende weit entfernt.
Einige von uns inklinierten aufgrund ihres Naturells sowieso zu
einer gemäßigten Gangart, doch auch den Lebhafteren stand
dreißig Jahre nach dem gemeinsamen Erringen der Mittleren
Reife der Sinn eher nach Kontemplation denn nach Exzessen. Besonders
Erich war zu einer eingeschränkten Lebensweise gezwungen und
zeigte schon von daher keinerlei Neigung zu tätlichem Randalieren.
Eigentlich war er fünf Jahre nach der Mittleren Reife bei einem
Motorradunfall ums Leben gekommen. Irgendwie hatte er aber geistig
in einem Schränkchen konserviert werden können. Man konnte
sich mit ihm unterhalten (er litt zeitweilig an Konfabulation),
nur war er nicht mehr zu sehen oder zu fühlen. Herauszukommen
vermochte er ebensowenig. Täglich wurde ihm ein Teller Gulasch
in das Schränkchen gestellt. Verdauungsprodukte fielen übrigens
nicht an. Natürlich nahmen wir Erich zu den Altherrenabende
bei Schenkel mit. Je zwei von uns trugen umschichtig das Schränkchen.
Bei Tisch wurde es auf zwei Stühle gesetzt, statt des Tellers
Gulasch mußte dann eine Flasche Portwein hingestellt werden.
Erich hielt stets wacker, mit nicht zuletzt dank seiner Konfabulation.
Einmal, als die Wogen denn doch recht hoch gingen, war das Schränkchen
über die Stuhllehnen nach hinten gekippt und zu Boden gefallen.
Zu unser unaussprechlichen Erleichterung hatten weder das Möbel
noch Erichs Geist Schaden genommen. Am dreißigsten Jahrestag
unserer Mittleren Reife sollte wieder ein Altherrenabend bei Schenkel
stattfinden. Vorher hatten wir überlegt ob wir Ellerbeck, zuzeiten
unter allen Lehrern an der Realschule unser schlimmster Peiniger,
aus dem Altenheim entführen und ihm nachträglich den Prozeß
inklusive Garaus machen sollen. Wenn wir letztes Endes auch davon
abstanden, läßt sich daraus doch ersehen, wie traumatisiert
wir waren und zeitlebens bleiben würden. Ich für meine
Person träumte bis zu meinem Tod regelmäßig, ohne
Mathematik-Hausaufgaben in der Realschule zu sitzen und beim besten
Willen nicht zu wissen, wie ich den Abschluß je schaffen solle.
Als wir am verabredeten Abend Erichs Schränkchen den Berg zu
Schenkels Kathedrale hinauftrugen, waren einige von uns froh, ihren
zänkischen Frauen und schießwütigen Kindern für
ein paar Stunden entkommen zu sein, andere (darunter ich) hatten
Angst, hinterher nicht heil nach Hause zukommen. Aller aber hofften
wir inbrünstig, Schenkels Frau möge nicht da sein. Es
hatte tatsächlich schon zwei, drei Abende gegeben, die sie
mit ihrer Anwesenheit beehrt hatte. Für uns war es so gewesen,
als ob wir in Lehrer Ellerbecks Reich des Schreckens zurückgekehrt
wären. Sie hatte sich mit eben so kühnen wie unklugen
Behauptungen hervorgetan und auf führmannsmäßig
dreiste Art restlos alles für "belanglos" und "langweilig"
erklärt, was uns, in welcher Hinsicht auch immer, etwas bedeutete.
Selbst zeigte sie sich aber enorm anfällig für jede noch
so armselige Art geistigen Bettnässertums. Schlimm war auch
ihre gemeingefährliche Zigarettenraucherei, wo wir doch eine
reine Nichtraucherrunde waren. Wir blieben stehen und setzten das
Schränkchen ab. Es mußte ein Plan gemacht werden. Diesmal
wollten wir uns nicht den Abend versauen lassen und wie Opferlämmer
dazu schweigen. Vorschläge wie "Aufs Maul hauen"
und "Rausschmeißen" wurden als indiskutabel zurückgewiesen.
"Sofort wieder gehen, wenn sie da ist", forderte einer
von uns, ein großer Beleibter mit Bart. Ich pflichtete ihm
bei. Erich schlug vor, wir sollten von unterwegs anrufen und uns
erkundigen, ob sie zugegen sei. Diese Idee war an sich nicht schlecht,
aber Erich konnte unsere äußere Situation nicht einschätzen.
Weit und breit war keine Telefonzelle. Zu einem der wenigen Häuser
am Weg zu gehen und zu fragen, ob wir mal telefonieren dürften,
trauten wir uns nicht. Alle waren wir uns in der strikten Ablehnung
von Mobiltelefonen einig, in diesem Moment aber ersehnten wie eins.
Unser Hauptlebensgefühl, die Aporie, bestimmte alsbald die
Szene. Um nicht den ganzen Abend am selben Fleck stehenzubleiben,
gingen wir einfach weiter. Schon kam Schenkels Kathedrale in Sicht,
an den vielen Schraubzwingen unschwer zu erkennen. "Oh Scheiße,
wenn sie jetzt da ist ", stöhnten wir bei jedem Schritt.
In der Einfahrt prallten wir auf den Gastgeber. Vor dreißig,
ja noch vor fünfzehn Jahren hatte er schöner ausgesehen.
Jetzt brauchte er auch schon mehrere Schraubzwingen. Vom vielen
Trinkern, wozu er gewiß Grund hatte, sah er aus wie aus unterschiedlichen
Leder- und Pelzstücken zusammengenäht. Statt einer Begrüßung
erzählte Schenkel, erhabe soeben eine Katze beerdigt, die,
währender arglos mit ihr sprach, von einem Fenstersims in Parterre
gefallen sei und sich dabei Genick gebrochen habe. Wir bestanden
nicht darauf, daß das Tier zu Demonstrationszwecken noch einmal
ausgegraben würde. Als nächstes wies Schenkel uns auf
ein Hämatom hinter seinem rechten oder linken Ohr hin: "Da
hat mich meine Frau im Schlaf mit einer Dachlatte hingeschlagen."
Wir glaubten ihm, ernst nickend. Seine Augen ruhten mit Wohlgefallen
auf uns. Er blickte von einem zum andern. "Das Schränkchen
streichen wir nachher rosa an", scherzte er. "Wehe!"
rief Erich. Da standen wir nun alle in der dunklen Einfahrt herum.
Schenkel machte keine Anstalten, ins Haus zu gehen, und wir wagten
nicht, ihn dazu zu ermuntern. Daß er nicht hineinstrebte,
legten wir als böses Omen aus. Wieder überkam und uns
die Aporie. Mit Tränen in den Augen wollten wir wortlos weggehen,
da schloß der Hausherr endlich die Tür auf. Er sprach:
"Zur Feier des Abends werden wir im Glockenstuhl die Konferenz
von Jalta nachstellen. Bitte beachtet die Namensschildchen bei Tisch."
Ängstlich betraten wir das Innere der Baustelle. Dabei hatten
wir die Vision, Schenkels Frau säße bereits qualmend
und quakend an der Tafel, und zwar hinter dem Platzkärtchen
mit der Aufschrift "Stalin". Entsprechend elend erklommen
wir, das Schränkchen geschultert, die Treppe zum Glockenstuhl.
Schenkel schleppte sich auffallend mühsam empor. In der Nacht
zuvor, erläuterte er, habe er "den Kindern aus pädagogischen
Gründen allen Alkohol weggetrunken". Bei den "Kindern"
handelte es sich um seinen volljährigen Pflegesohn und dessen
Freunde. Seine Frau habe ihn gar nicht mehr erkannt - nun erwähnte
er sie auch noch! Uns wurde doch eh schon bänglicher mit jedem
Schritt.
Es kam der unvermeidliche Augenblick, da alle Stufen verbraucht
waren und wir da alle Stufen verbraucht waren und wir oben ankamen.
Das Schlimmste erwartend, traten wir möglichst gefaßten,
dabei aber doch völlig verzerrten Mienen ein. Vor uns prangte,
intim ausgeleuchtet, die riesige Tafel. Merkwürdige Speisen,
geistige Getränke und diverse Namensschildchen unterschieden
wir. Die Stühle waren sämtlich leer, niemand außer
uns befand sich im Raum: SIE WAR NICHT DA!!! Weil wir "halbgaren
Langweiler mit unserem ewigen Gewäsch über Krankheiten"
kämen, weile seine Frau über Nacht bei interessanten Leuten,
informierte uns Schenkel.
Uns war wie zu Realschulzeiten, wenn eine Mathematikarbeit oder
der Sportunterricht ausgefallen waren. Wir sanken einander erlöst
in die Arme, und keiner schämte sich seiner Rührung. Erich
in seinem Schränkchen erfuhr als letzter von der Glückswende
des Schicksals. Ausgelassen leerten wir Flaschen und Schüsseln,
teilten Deutschland in vierzig Zonen auf und dachten uns Schikanen
aus. Wir wurden schöner mit jedem Schluck. Reihum durfte sogar
jeder einmal Stalin sein, mußte sich hinterher aber gründlich
die Hände waschen. Erichs Schränkchen fiel mehrmals zu
Boden, und wir standen ihm darin nicht nach. Am nächsten Morgen
hatten wir alle das Gefühl, uns das Genick gebrochen oder doch
wenigstens Hämatome hinter den Ohre zu haben.
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