FAZ
Wahnwitz als Wohnsitz
Eugen Egners Groteskzeichnungen in Kassel

 

Zu vermelden ist aus der biederen Stadt Kassel seltsames Treiben: Man hat horrible Gestalten und eigenartige Mischwesen beobachtet. Gesichtet wurden obskurer Maskenspuk, wirre Gruppen von Gurkennasen und Ringelgebein. Observiert, aber nicht zu Protokoll genommen hat man Ansammlungen kleiner, quirliger Därmlinge und kauziger Gesellen in Hochwasserhosen. Gemunkelt wird hinter vorgehaltener Hand von heimlichen, nächtlichen Spektakeln und Umstriebigkeiten in Stuben und Ämtern, Artzpraxen, Forstämtern und Kinderheimen.
Nüchtern bei Tageslicht gesehen, stellt sich heraus, dass dies alles Phänomene auf Papier sind, entsprungen der schrillen Einbildungskraft des 1951 geborenen Humorzeichners und Schriftsteller Eugen Egner. In seiner Ausstellung in der "Caricatura" neben dem alten Hauptbahnhof, von wo aus einst die kunsthungrigen, innovationssüchtigen documenta-Pilgerscharen in Richtung Fridericianum treppab wallten. erweist Egner sich als ausgesprochen schräger Ast am Stammbaum eines Hieronymus Bosch - und das nicht weit entfernt von den Hecken, hinter denen die bösen Buben Wilhelm Buschs Unsinn ausbrüten. Die Phantasmagorien des Nachfahren der schwarzen Linie in der Genealogie der grotesken Verballhornungen und hanebüchenen Travestien besitzen auch eine gewisse Affinität zur Grusel-Anatomic Roland Topors, denn auch Egners verquer wuchernde Skurrilitäten wurden mit einem gehäuften Löffeln Horror gefüttert, damit sie gut gedeihen und es ihnen auf der holprigen Erdkruste wohl ergehe. Zum Stolpern gibt es trotzdem noch Anlässe und Gründe genug, dem Betrachterauge werden reichlich Gelegenheiten geboten, um ins Wackeln zu geraten. Die Ursachen liegen in den Ereignissen und der Art des figürlichen Auftretens, die man hier bestaunen kann.
Der Wuppertaler Spaßvogel, der in der verschrobenen Wortfindung ebenso zu Hause ist wie in der Erfindung komischer Typen und monströser Situationen, ist durch seine Beiträge in verschiedenen Zeitschriften und Wochenblättern sowie aufgrund der Publikation eines halben Dutzends Bücher längst kein Geheimtipp mehr. Der Liebhaber kann sich freuen, wieder einmal Originalzeichnungen zu sehen und nicht bloß in Reproduktionen blättern zu dürfen. Bei der fintenreichen Machart der Mischtechniken ist diese unmittelbare Begegnungen wichtig. Allerdings fällt es dem vor den Ausstellungswänden stehenden Betrachter nicht immer leicht, Geduld für das Lesen der ausführlichen Bildlegenden und Sprechblasen aufzubringen, die ja eigentlich für den sitzenden Betrachter, sprich: Leser konzipiert worden sind.
Der aus Württemberg stammende Mitbegründer der "Wuppertaler Schule" erfindet Mutanten aus der Wirklichkeit an der nächsten Ecke (sprich Eck-Kneipe) und in fernen Welten. Entsprechend siedelt er seine Gestalten in Kleinbürgerbehausungen und in mondähnlichen Wüsteneien an. Mit der fransigen Akribie eines Herzmanovsky-Orlando stattet der Bild-Erzähler mit nie versagender Phantasie für Details die stets in hektischer Aktion herumwuselnden Protagonisten seines grellen Minikosmos mit allerlei absonderlichen Accessoires aus: Zur registrieren sind in diesem Abnormitätenkabinett Propeller, Düsenantriebe, Antennen, Wurmfortsätze. Spendabel verfährt Eugen Egner mit kunsthistorischen Anspielungen und Paraphrasen zu Berufsklischees und Zerrbildern ethnischer Besonderheiten, wie sie am Stammtisch lauthals die Runde machen.
Die Familienmitglieder müssen sich mit allerlei Obsession ihrer Lieben abfinden; da sind der Säge-Fetischist und die Gattin, die sich ausrangierte Autobahnteile für einen seltenen Haselnußkult wünscht, während die Söhne im Garten aus Sand eine Abwechslung für Mutter bauen. Statt Opern sehnt sich der Kleinbürger nach einer sprechenden Bürste und schmiert dem jaulenden Köter Senf auf die Mundharmonika. Angestellt werden Spekulationen über Salben gegen Räumungsklagen und Kündigungsschutzzäpfchen.
Man zelebriert mysteriöse Kulte, zeigt sich im Tigerkostüm. Man treibt wölfische Spiele, tarnt sich unter Hasen. oder Elefantenmasken, verteilt schwesterlich auf der Wiese seine Schatten. Dafür hat Mozart vergessen, wie ein Klavier aussieht und Matisse Probleme mit weiblichen Akten, da er anfangs nur Modelleisenbahnen malen konnte. Auch wenn die anatomisch eigenwillig geformten Leutchen hier merkwürdige Namen tragen wie Hunnickel oder Argebrat, so ist das Bild vom gartenzwergliebenden und notorisch bastelnden, an jedem Wochenende zur Säge und zum Bohrer greifenden Haßbruder Nachbar doch alles andere als eine satirische Übertspitzung. Manchmal schlachtet Egner Fotos vom Trödelmarkt oder vergilbte Abenteuerheftchen aus wie beispielsweise einen "Wildtöter" aus den fünfziger Jahren, wo ein Dritter klassenillustrator namens D. Baird seine grausam-dilettantische Spur hinterlassen hat. In den Anmerkungen des 1994 erschienenen Bandes "Phrenesie-Album, Freie Rhapsodien und Paraphrasen", der Schwarzweißblätter ohne Comic Sequenzen und Sprechblasen bündelt, schreibt Eugen Egner: "Aber einer meiner Leitsterne ist die schreckliche Faszination, die formal "Falsches" unter Umständen auszuüben imstande ist... Gerade wenn bei hochdramatisch oder pathetisch gemeinten Werken alles falsch gemacht, also mit den Besten Absichten gegen die Gesetze des "Richtigen" und "Erhabenen" verstoßen wird, entsteht eine ganz eigene Qualität von Unfug. Das ist so wahr wie allgemein bekannt. Auch das bereits 1986 herausgegebene Bändchen "Als die Erlkönige sich Freiheiten herausnahmen" beschränkt sich auf die Wirkung des Schwarzweiß, besser gesagt: der weich modellierten Graunuancen. Unter dem Titel "Keine Ruhe in der Schublade" beruht hier die Komik nicht so sehr in der - später bevorzugten - aktionistischen Turbulenz, sondern in der Konfrontation des Betrachters mit stoisch verqueren Typen in eingefrorenen, stereotypen Positionen. Seine Methode ist nach eigenem Bekunden die Assoziation, das Zitat und die Montage.
Egners narrative, bis zum letzten Winkel figürlich besetzte Szenerien sind nicht schon nach einem kurzen Blick eingängig, sondern besitzen ein Potential an Widerborstigkeit. Egners Kreationen sind auf knollenhaft-häßliche Plastizität erpicht, auf taktile und hatnahe Griffigkeit, nicht auf schmissigglatte, stenogrammhafte Flottheit, schon gar nicht auf Styling. Was auf dem Wuppertaler Zeichentisch entsteht, sind eigentlich keine lupenreinen Comics. Eher eine fröhliche Melange, deren Partikel kaum zu trennen sind. Egner verfertigt mehrteilige Geschichten aus acht bis zwölf Phasen, hat aber auch Spaß am Einzelblatt, als Grisaille oder in Farbe. Er beherrscht die Mittel der Sparsamkeit, gibt sich aber zumeist den Wonnen des Wimmelbildes hin.
Vom üppigen Tablett an Phantasie und bildnerischem Ingenium dieses in der Wolle gefärbten Ironikers und ausgefuchsten Schelms könnten sicher einige unserer viel gelobten Großleinwandhelden und Schmockmeister ein paar Häppchen entnehmen. Eugen Egner würde sie ihnen sicher gönnen. In seiner kleinformatigen Bildwelt gibt es ja bereits einige Szenen mit Kunst und Künstlern, wo die Eitelkeit von der Palette gekratzt wird.

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