Hessischer Rundfunk, Hessenschau, 5.7. 1996  

 

... Cartoons, Comics und Karikaturen, diese Kunstformen werden seit der Wende außer in Kassel nur noch an zwei anderen Orten in Deutschland gehegt und gepflegt: im thüringischen Greiz und in Berlin. Im Kulturbahnhof ist in diesem Jahr nun schon die vierte Schau zu sehen. Rainer Schumann hat Ihnen Bilder und noch mehr Eindrücke mitgebracht.

Diese, übrigens vierte, Karikaturenausstellung hat ein Motto: "Glücklich ist, wer vergißt, daß er - oder sie - nicht zu retten ist". Auch Spruch von Eugen Egner, der von heute an in KuBa weilt. KuBa? Der Kasseler Kulturbahnhof, der immer mehr an Kontur gewinnt. Königliche Klänge zur Eröffnung der Schau, gespielt von Studenten der Universität Kassel. Und das hat diesen Bezug: ein dickes Ei, wie Egner beschreibt, wie echte Könige mit Kindertröten, Tuben und Trompeten spielen - "Königliches Amüsement". Das wurde der Titel der Ausstellung, an der natürlich bis zur letzten Minute zu arbeiten war: hier an dreidimensionalen Übersetzungen der Egnerschen Figuren, skurrile, komische Wesen aus fernen Welten. Sein Humor ist schwarz: "Wir könnten unser Kind stundenweise verleihen", sagt die Mutter, "und vom Erlös ein zweites kaufen". "Dann säg' ich beide durch", antwortet der immer bereite Sägewolf. Oder: zwei Vermummte sitzen am Ufer, der eine droht der Sonne mit einem Stock. "Sie hat tatsächlich Angst", sagt der andere mit Blick auf die Uhr: es ist mittags, und sie geht nicht auf. Beängstigend aktuell: Egners "Tagebuch eines Trinkers", hier effektvoll in einer Champagnerbatterie dekoriert. Weiß Gott nicht das einzige Buch, der Mann ist fleißig. Comics und Postkarten, alle in diesem makber-skurrilen Stil, prall und schrill. Kleine Auswahl: Hilferuf einer Bauchrednerin: "Sanitäter, meine Puppe kriegt Junge!" - "Glücklich ist, wer " - oh, das hatten wir schon. Aber die Teddybären-Operation noch nicht, die kann keine Holzwolle sehen.

O-Ton Eugen Egner
" Dadurch, daß ich zwei Berufe ausübe, habe ich ungefähr monatlich ein halbes Gehalt, so ist die Rechnung, aber ich tu nichts anderes. Ich versuche tatsächlich davon zu leben, und wenn man sich nicht ganz dumm anstellt, kann man das auch. Also, ich arbeite für den Hörfunk, schreibe Hörspiele und mache auch verschiedene, ich will nicht gerade sagen: Auftragsarbeiten, aber doch etwas angewandtere Dinge, was das Zeichnen jetzt angeht, und dadurch kommt, mit den regelmäßigen Veröffentlichungen der Cartoons, doch schon so viel zusammen, daß man naja, es ist etwas oberhalb der Armutsgrenze."
Wer dagegen etwas tun will, kann diese Ausstellung besuchen: noch bis zum 8. September. Originale, auf denen ein würgender Mann sich wundert, welch putzige Figuren seine Frau mit den Händen reißt, kosten um die Mark, Postkarten gibt's für Kleingeld. Wo? In der ehemaligen Kleiderkammer der Deutschen Bahn, wo einst Lokführer, Schaffner und Stationsvorsteher ihr Dienstklamotten erhielten. Heute baumeln dort Gags und Witze und Phantasiefiguren von der Decke.

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