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Eugen
Egners Bildwelten platzen oft aus allen Nähten. Mit prächtiger
Farbenfreude und außerordentlicher Liebe zum Detail erzählen
sie Geschichten, die den Betrachter sogartig mitten ins Geschehen
ziehen, haarsträubend oft, grotesk und wundervoll im wahrsten
Sinne des Wortes. Absonderlich gebildete Protagonisten mit Schlappohren,
Spiral- oder Schnauzennasen, mit pharaonenhaftem Kinnfortsatz, Wahnsinnsfrisuren
und fast alle mit der auffälligen Neigung zu Zahnfleischwucherungen
im Oberkieferbereich, bilden das Personal, mit dem Egner seine unglaublichen
Welten bevölkert. Viele von ihnen kehren in den einzelnen Bildergeschichten
immer wieder, die famosen Schröll-Mädchen etwa, die Bergmann-Buben
oder der Wolfsmensch Argebrat. Fabelhafte Wörter schmücken
bisweilen ihre Reden, "Fratt", "Kaboina", "Schnölb"
oder "Stogoll". Wie auf einem Spielbrett schickt Egner
seine Figuren im Verlauf der Handlungen, die oft blitzartige und
unvorhersehbare Wendungen nehmen, von einem Abenteuer ins nächste.
Unversehens geraten sie in die Flugbahn verirrter Kinderklaviere,
malen unter der Aufsicht von Raketenforschern schwermütige
Seelandschaften, verteilen abends die Schatten im freien Raum und
suchen Autobahnteile für einen uralten Haselnuß-Kult.
Egners
surrealistisch anmutende Welten lassen sich am besten unter dem
Begriff des magischen Naturalismus fassen: die einzelnen Details
sind allbekannt und entsprechen in ihrem äußeren Erscheinungsbild
durchaus der Wirklichkeit, aber ihr Zusammentreffen in ein und demselben
Bild führt zu wild blühenden Schöpfungen der Phantasie.
Unerklärliche Konstruktionen aus Rohren, Würsten, Musik-instrumenten,
Rädern oder Töpfen sind mittels Stricken und Schrauben
mit den Figuren verbunden oder wachsen einfach so aus ihnen hervor,
kleine Trompeter kriechen über den Wohnzimmerteppich, eingebildete
Karnickel sitzen vor dem Fernseher. Oft leben kleine Geschöpfchen
am Bildrand ihre Extra-Geschichten.
Zu Egners Leitfiguren gehören nach eigener Aussage Robert Crumb,
Wilhelm Petersen, Karl Valentin, Kurt Kusenberg, Wilhelm Busch,
Flann O'Brien, Jean Paul, Jimi Hendrix, Walter Kempowski, E.T.A.
Hoffmann, Groucho Marx, der Zappa-Cover-Zeichner Cal Schenkel, Wolfgang
Bauer, die Goon-Show und Monty Python's Flying Circus - Zeichner
und Komiker also ebenso wie Literaten.
Egners eigenes Wirken beschränkt sich ebenfalls nicht auf die
Zeichenkunst; mindestens ebenso erfolgreich ist er als Autor mehrerer
Bücher. Wie in seinen Bildergeschichten findet sich auch in
seinen Texten oft der altväterliche Duktus, der in mancher
Hinsicht ans 19. Jahrhundert gemahnt, an grause Moritaten ebenso
wie an pathetische Balladen oder verschnörkeltes Biedermeier,
je nachdem, aber immer ein bißchen neben der Spur und ins
Groteske gewendet.
"Was ist das für eine Welt, in die wir da treten? Eine
phantastische gewiß, aber doch auch eine vertraute",
schreibt der Literaturwissenschaftler Heiko Arntz über Egner;
und so ist es in der Tat. Viele der Geschichten wurzeln in gängigen
Erfahrungen, etwa wenn es um den - in Egners Werk häufigen
- Topos Trunkenheit geht: "17.1. Den ganzen Tag geweint, abends
dann kräftig auf die Pauke gehauen", heißt es im
"Tagebuch eines Trinkers". Was dann aber folgt, sind rauschhafte
Wahnbilder und außergewöhnliche Traumgesichte: "3.12.
Im Keller sitzen seit ein paar Tagen zwei alte Männer unter
einer Abdeckplane und essen schreckliche Butterbrote." Gerhard
Henschel schreibt dazu in der Frankfurter Rundschau: "Wer jemals
an einem beliebigen Donnerstagabend den Sinn des Lebens plötzlich
nicht mehr dingfest machen konnte und nicht bereits als weltanschaulich
vollkaskoversicherter Beamter zur Welt gekommen ist, wird wissen,
was damit gemeint ist."
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