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Kassel. Jahrmarkt - das klingt
wunderbar altmodisch, nach
bunten Buden und Karussells,
süßer Zuckerwatte und anderen
klebrigen Genüssen.
Jahrmarktskunst - so hat die
Klasse Neue Medien von
Professor Joel Baumann ihre
Ausstellung genannt, die gestern
Abend in der Caricatura eröffnet
worden ist.
Ein durchaus selbstironischer
Titel. Denn altmodisch ist hier
gar nichts, wo PCs und Internet im Spiel sind, wo mit Licht und Elektronik experimentiert wird, wo
eine Roboter-Hand zeichnet (bei Oliver Gerke) oder Filmaufnahmen von einem Bildschirm zum
nächsten springen (bei Flaut Rauch). Jahrmarktskunst, das bedeutet aber auch, dass die
Installationen nicht im White Cube des Museums stehen, sondern dass das Publikum anfassen darf -
wie bei den Grabbeltischen, an denen es auf Märkten Schnäppchen zu machen gilt.
Der schreiende Ball etwa, das "Pendulum" von Felix Böttcher, ruft geradezu danach, berührt zu
werden. Man kann ihn in den Arm nehmen oder wegboxen wie einen Punchingball. Er gibt
unterschiedliche Geräusche von sich. Ist das Schmerz? Wohlbehagen? Der Ball, ein Störfaktor im
Raum, wird zum Interaktionspartner.
Überall blinkt und tönt es, Tastaturen laden zum Tippen, Mäuse zum Klicken. Doch es ist mehr als
technikverliebte Spielerei, die die Studierenden in der Caricatura vorführen, mehr als das Vergnügen
zu basteln, zu schrauben, zu löten, alles auseinanderzunehmen und wieder neu zusammenzusetzen.
Obwohl der Spaß nicht zu kurz kommt, wo ein "Roboter-Tamagochi-Tonapparat" als interaktive
Skulptur bewegt werden kann. "Das macht abhängig", warnt ihr Erfinder Martin Böttger.
Anderes reflektiert die Rolle, auch die Leere der Technik um ihrer selbst willen. Tobias Hellwig etwa
hat das langweiligste Spiel der Welt gebaut, "Borio", ein endloses Geradeaus-Autofahr-PC-Spiel. Wie
lang hält man da durch? Bei Marcus Wendt meldet sich der Springteufel zwar auf Klopfen akustisch,
die Zirkuskiste, in der er von sich hören lässt, bleibt aber zu. Auch seine anderen Objekte, etwa eine
Muschel, handeln von Erwartungen und Enttäuschungen.
Marcel Klein hat Filme, die auf Notfälle in Flugzeugen vorbereiten sollen, mit beklemmenden
Geräuschen unterlegt. Und Johannes Kaldens Heer von Mutantenfiguren schiebt sich, Lemmingen
gleich, auf einen leuchtenden TV-Bildschirm zu. Und stürzt im letzten Moment in die Tiefe.
Bis 24.2., Do, Fr 14 bis 20 Uhr, Sa, So, 12 bis 20 Uhr.
Von Mark-Christian von Busse
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