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Die Illustrationsklasse der Kunsthochschule Kassel stellt aus
Rotkäppchen wird vor der Wanderung zur Großmutter von der Mutter gewarnt: "Und dass du mir nicht ins Kaufhaus daddeln gehst." Sie durchquert keinen Wald, sondern das Felsengebirge einer unheimlichen Stadtlandschaft, das sie wie ein Computer-Kampfspiel erlebt. Lutz Reimers Rotkäppchen 2007 hinterlässt in ihrer Fantasie einen Haufen Totenschädel: "Level Completed, Kills 100 %."
Grimms Märchen hat sich die Illustrationsklasse der Kunsthochschule Kassel gestellt. Die Ergebnisse zeigen die Studierenden von Professor Hendrik Dorgathen in der Caricatura. Der Titel: Zeichen und Wunder. Es sind sehr frei, mit Tusche und Tipp-Ex, mit Photoshop und Fineliner souverän gestaltete Fabelwesen, die uns begegnen.
Es genügen Bruchstücke, Versatzstücke, um die Märchen wieder zu erkennen. Zeichen, die im kulturellen Gedächtnis tief verankert sind: ein Frosch mit Krone, eine Spindel, eine Zeile wie "es war so finster und auch so bitterkalt". Sie werden in den Comics und Zeichnungen, als Scherenschnitt-Animation und Film neu zusammengesetzt und interpretiert.
Die Märchen sind jedoch nur ein Aspekt - viele Arbeiten erzählen kleine Geschichten ohne vorgegebenes, gemeinsames Thema. Verblüffend ist ihre stilistische Vielfalt. Manches erinnert an die Zeichner F. W. Bernstein oder Bernd Pfarr. Bei Aisha Franz’ Kinderbuch-Geschichte von der "klugen Gretel", die trotz ihrer Korpulenz auf roten Stöckelschuhen federleicht durch die Küche tänzelt, möchte man unbedingt wissen, wie’s weitergeht. Die gehäkelten Figuren von Rita Fürstenau würde wohl jedes Kleinkind sofort adoptieren.
Das meiste jedoch ist angesiedelt auf einem schmalen Grat zwischen Idylle und Grauen: Anna Holzhauer versteht sich in ihren Aquarellen auf den Schrecken wie auf das Schöne, Nina Kauns Figuren gehören in diese Kategorie. Weit aufgerissene Augen ebenfalls in Melanie Gerlands Comic "Borderline" über das Ritzen in die eigene Haut. Steffi Deubners Stoff-Häschen mit einem niedlichen gelben Halstuch trägt gestreifte Sträflingskleidung, ein anderes Kuscheltier Tarnfarben wie ein Soldat.
Die Wahlverwandtschaften von Christiane Hamacher zeigen schrille, überkandidelte, hässlich-feiste Gestalten. Und bei Mirco Kutscheidt ("Strandgut") baut ein Junge eine Burg aus Sand, die Sonne versinkt im Meer, im Hintergrund kreuzt ein Bootchen, da krallt sich dem Kind die Hand eines Toten entgegen.
Zeichen und Wunder. Caricatura Kassel, bis 11. Februar. Do/Fr 14-20 Uhr, Sa/So 12-20 Uhr. www.caricatura.de
13.01.2007 von Mark-Christian von Busse www.hna.de/kulturstart/
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