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Meine Damen und Herren, liebe Kunst- und Comicfreunde, lieber Nicolas Mahler!
Die deutschsprachigen Comicschaffenden, ob Zeichner oder Verleger, leiden bekanntlich seit jeher unter einem ernstzunehmenden Minderwertigkeitskomplex. Immer wieder gibt es Bemühungen, die bloße Existenz des Mediums ‚Comic’ mit klugen Worten zu rechtfertigen. Meistens werden dazu Vergleiche aus der Schublade der Historie herangezogen, die die Bildgeschichten in einen großen, qualitativ hochwertigen Zusammenhang bringen sollen, wie etwa... die Verweise auf altägyptische Tempelmalereien oder den mittelalterlichen Wandteppich von Bayeux. Zumindest Wilhelm Busch muss als über alles erhabener Stammvater der Bildgeschichten regelmässig herbeizitiert werden, und dass sogar Pablo Picasso es bedauerte, nie einen Comic gezeichnet zu haben, ist immer noch - und immer wieder - der Erwähnung wert.
Aber was ist nun Qualität im Comic, auf die man sich berufen könnte? Was ist vorzeigbar und dem verbesserungswürdigen Image des Mediums dienlich? Und, um auf den heutigen Anlass zu sprechen zu kommen: Ist Nicolas Mahler ein Gewinn für die Kunstform Comic oder... sollte er sich was schämen?
Nun, er schämt sich offenbar nicht, sonst würde er seine Zeichnungen ja nicht so ungeschützt vor den Blicken anderer an diese Wände gehängt haben! Er muss ja damit rechnen, dass zufällig vorbeischlendernde Leute, oder auch nur die hier heute Anwesenden, früher oder später auf die Exponate aufmerksam werden, seine Bilder also sehen und – womöglich - eingehender betrachten! Die Möglichkeit also, dass seine Mitmenschen mit seinem Werk unmittelbar konfrontiert werden, scheint Nicolas Mahler mit so einer Ausstellung nicht nur Kauf zu nehmen, sondern sogar zu provozieren! Dafür spricht auch die Tatsache, dass seine Zeichnungen ja nicht nur heute abend hier in Kassel an den Wänden hängen, sondern auch als Buchdruckwerke zu erwerben sind – und das, wie ich hörte, sogar über die Landesgrenzen seiner schönen, österreichischen Heimat hinaus.
Andererseits scheint Nicolas Mahler auch nicht eben stolz auf sein Werk zu sein. Man könnte nach zahlreichen seiner selbstkritischen Äusserungen sogar den Eindruck haben, er bewerte seinen Beitrag zum Ansehen des Mediums Comic durchaus mit dem Prädikat ‚Zweifelhaft’. Wie, fragt man sich da, passt das zusammen? Vielleicht kommen wir einer Antwort näher, wenn wir das höchst komplexe Wechselspiel - oder die Wechselwirkung - der Kommunikation des Künstlers mit seinem Publikum eingehender betrachten.
Charles Schulz, der vor einigen Jahren leider verstorbene Schöpfer der allseits beliebten PEANUTS, hat einmal einen Zeitungs-Strip gezeichnet, in dem folgendes passiert:
Charlie Brown sitzt vor einem Zeichenblock auf der Wiese und malt mit Buntstiften ein Bild. Da kommt Lucy dazu und fragt: „Was malt du da, Charlie Brown?“ Charlie Brown erklärt, das da wären Bäume und Wolken und das hier ist ein Haus und das da hinten sind Kühe. Lucy setzt sich zu ihm, sieht sich das Bild lange an und sagt: ’Das ist gut!’
Charlie Brown, der bekanntlich nicht oft Lob erntet, reagiert ungläubig. „Wirklich? Du magst mein Bild?“ Nun fängt Lucy an, kunstkennerisch lobend ins Detail zu gehen. Das Blau des Himmels passe sehr gut zum Grün der Bäume, und dieses Haus sei kompositorisch wunderbar in die Landschaft intrigiert! Ja, das sei wirklich ein sehr schönes Bild, es gefalle ihr, ob er es ihr nicht schenken möchte. Charlie Brown ist verdattert, aber glücklich. Er schenkt ihr das Bild. Sie bittet ihn daraufhin, das Bild für sie zu signieren. Charlie tut auch das.
Daraufhin nimmt Lucy das Bild, läuft laut lachend zu einer Gruppe anderer Mädchen und brüllt: „Er hat wirklich geglaubt, dass mir sein blödes Bild gefällt! Der Blödmann hat es auch noch signiert!“ Und im letzten Panel lachen alle Mädchen den armen Charlie Brown lauthals aus.
Nun wird sich mancher fragen, warum ich das hier erzähle und was ich damit sagen will. Nach seinen Interviews, die ich gelesen habe, nehme ich an, dass Nicolas Mahler sich auch ein bisschen wie Charlie Brown fühlt, der von Lucy gelobt wird. In seinen Antworten schwingt immer ein gewisses Erstaunen mit, dass es Leute gibt, die seine Zeichnungen wirklich ‚gut’ finden. Auf die Frage, wie er denn einem Blinden seine Bilder erklären würde, sagt er beispielsweise, er würde dem Blinden sagen, dass er nicht viel verpasst!“ Das ist, so muss man annehmen, kein kokettes Understatement, sondern ein ehrliches, diffuses Misstrauen dem eigenen Werk und dem Publikum gegenüber.
Vielleicht findet man die Antwort bei einem weniger intellektuell gebildeten, aber zutiefst kunstkritischen Publikum, dem man so einfach nichts vormachen kann. Was Frau Goldgruber von Nicolas Mahlers Kunst hält, hat er uns selbst, ohne dass es notwendig gewesen wäre, ausführlich dargelegt, und wäre ich Psychiater, würde ich vermuten, dass es sich bei dieser, wohlgemerkt freiwillig massenhaft verbreiteten Negativkritik um des Künstlers trotzig-masochistische Flucht nach vorn handelt. Frau Goldgruber ist bürokratisch und, was die schönen Künste betrifft, unwissend dargestellt, so dass niemand, der das Buch gelesen hat, sich mit ihr und ihrer Meinung identifizieren wollen würde täte. Der Effekt ist folglich, dass man sich gegen Frau Goldgruber und für Nicolas Mahler entscheidet, ohne das man genau verstanden hat, was passiert ist.
Als ich unlängst meiner Mutter gegenüber erwähnte, dass ich bei einer Comicausstellung eine kleine Rede halten werde und ihr den ‚Flaschko’ zeigte, blätterte sie mit unbeweglicher Miene ein wenig hin und her und sagte schliesslich:
„Na, das is aber nix!“
Nun hat meine Mutter bei aller ländlichen Horizontalität durchaus ein kommerzielles Gespür dafür, was in der Comickunst ‚was ist’ und was nicht. So rät sie mir seit eh und je, nicht immer „so was mit Sex und so“ zu zeichnen, sondern mal „so was zu machen wie Asterix“. Und den Kommentar „Na, das is aber nix“ wird Nicolas Mahler im Laufe seiner Karriere des Öfteren zu hören bekommen haben, und zwar auch und ausgerechnet an Orten, an denen man annehmen kann, dass das Publikum etwas vom Metier versteht, nämlich auf Comicmessen und ähnlichen Fachveranstaltungen.
Das Mittelrhein-Museum in Koblenz eröffnete vor ein paar Jahren eine
Comic-Ausstellung, die dem ebenfalls eher unwissenden Koblenzer Publikum das Spektrum deutschsprachiger Zeichner und deren Kunstwert nahe bringen sollte. Die Ausstellung war in der Tat weit gefächert, von klassischem wie Tibor, der blonde Ritter bis zu zeitgenössischem wie Brösel, und die Witwe von Rolf Kauka zeigte gegenüber der Presse vollen Einsatz, 'Fix und Foxi' zwecks kommerzieller Wiederbelebung als zeitgemäss zu verkaufen, und das mit Aussagen wie: „Lupinchen ist nicht nur cool, sondern auch hot!"
Ich schlenderte derweil durch den Saal, stand unvermittelt vor zwei
Originalseiten von Nicolas Mahler und dachte spontan: Eigentlich ist das eine Unverschämtheit! Ein Schlag ins Gesicht für jeden bemühten Comiczeichner.
Ich habe in Köln einen Freund, der das Medium Comic für das Beste und kreativste und unabhängigste auf diesem Planeten hält und auch selbst begeistert Comics zeichnet. Allerdings befindet er sich damit noch sehr am Anfang, er sucht noch seinen eigenen Stil und beschäftigt sich darum viel mit Lehrbüchern über Anatomie und Faltenwurf und Perspektive, sein ganzes Regal ist vollgestopft mit Büchern wie ‚Comiczeichnen leicht gemacht’, und ich stehe ihm manchmal lehrerhaft mit Tipps und Urteil zur Seite, wenn es um Gesichtsausdrücke, Körperhaltung, Blattaufteilung und ähnliches geht. Vorgestern kam er mit dem neuen Buch ‚Die Zumutungen der Moderne’ von Nicolas Mahler zu mir und war irgendetwas zwischen begeistert und empört. Da gibt es zum Beispiel die Anekdote mit dem Titel ‚Die Finnendrehung’, in dem ein sehr betrunkener, finnischer Zeichnerkollege vor Nikolas Mahler steht und ihn zulallt. Dass der Mann betrunken ist, zeigt Mahler, indem er die Strichfigur einfach schräg setzt und im Laufe der Geschichte hin und herpendeln lässt.
Die Begeisterung und gleichzeitige Empörung meines Freundes bestand nun darin, dass der reduzierte Strich von Nicolas Mahler ja nicht nur funktioniert, sondern an Klarheit und Komik quasi nicht zu übertreffen ist!
Da kann es auch frustrieren, wenn man sich mit den eigenen Zeichnungen abmüht und erheblichen zeichnerischen Aufwand betreibt, um am Ende nicht ein achtel so komisches erreicht zu haben, wie z.B. diesen Schrägstrich mit Nase von Nicolas Mahler, der eben ganz eindeutig... ein betrunkener Finne ist und nichts sonst! Wie das funktioniert, steht in keinem schlauen Lehrbuch.
Zuerst haben die Gestalten keine Augen! Allenfalls Brillen gestattet Herr Mahler seinen Figuren, ähnlich wie Gary Larsons Charaktere oft Brillen tragen und damit je nach Auswahl des Betrachters zwischen Ratlosigkeit, Blödheit und
Verärgerung pendeln. Der andere große deutschsprachige Minimalist,
Walter Moers, hatte in seinen frühen Kritzelgenialitäten wenigstens
noch diese Glotzaugen, die jede Emotion klar benannten, auch wenn
Nase, Hände, Ohren dazu luftleer irgendwo im Panel schwebten! Und ich
selbst kritzel bei jeder meiner Figuren zuallererst die Augen, denn
wenn die in Strichstärke oder Grösse oder Form auch nur ein Quentchen
schief liegen, ist der ganze gewünschte Ausdruck hinüber.
Nicolas Mahler braucht das nicht. Da frage ich ihn von Kollege zu Kollege jetzt und hier, wie man dazu kommt, als Comiczeichner auf dieses Mittel zu verzichten. Nimmt man eines Tages den Stift und sagt sich: "Och, Augen zeichne ich heute mal nicht"?
Bei Mahler hat's weder Augen, noch irgendeine schlüssige Körperform! Arme und Hände sind nur länglichen Haken in Form von Kleiderbügeln. Die Frisuren der Frauen, Tische, Bettlaken, Autos... nur windschiefe Striche und Kringel. Nichts sieht aus, wie es aussehen könnte, wenn der Mann sich nur etwas Mühe gäbe!
Aber die Inhalte dazu sind ebenfalls hart am Leben. Ich sprach vorhin kurz von Comicfestivals! Comicfestivals, meine Damen und Herren, sind sehr speziell. Man hat weltweit mit netten, oft sehr bemühten Leuten zu tun, aber das Chaos und das Absurde lauern an jeder Ecke. Jeden Moment kann Dir in Form eines mahlerschen windschiefen Kringels ein Comicfan begegnen, den Du nicht für möglich gehalten hättest! Das muss man wollen. Und das will man nicht immer!
Diese Leute schieben einem bei Signierstunden mit größter Selbstverständlichkeit ihre Bücher oder auch lieblos aus dem Ringbuch gerissene Zettel hin und erwarten, ja verlangen, dass man spontan und natürlich umsonst Dinge zeichnet wie einen... ‚Vampir mit Strapsen’ oder eine ‚Stuhlproben-Parade’ oder... ‚irgendwas mit einem Motorrad’. Wenn man dann freundlich zu bedenken gibt, dass eine Stuhlprobenparade aber nichts mit den eigenen Inhalten zu tun hat, und man dieses also lieber nicht zeichnen möchte, reagieren sie beleidigt und geben einem das Gefühl, versagt zu haben - oder zumindest in ihrer Achtung erheblich gesunken zu sein.
Nicolas Mahlers Kommentare zu solcherlei Festivals sind punktgenau und für jeden, dem das Umfeld bekannt ist, ein grosses Vergnügen. Bei jedem Panel möchte man applaudieren! Es ist durchaus der Effekt, der sich auch beim Lesen der Kolumnen von Max Goldt einstellt: Ich fühle mich bei der Lektüre aufs solidarischste und Vergnüglichste verstanden und nicht mehr so allein.
Denn die Zeichnungen wirken unmittelbar! Diese Bilder sind wesentlich, denn in ihnen werden die... Erscheinungsformen auf ihr Wesen zurückgeführt! Das Zufällige wird... abgestreift, die Fülle der Details wird reduziert. Wie in archetypischen Darstellungen tritt ein Charakeristikum zutage und verleit dem Gezeigten... seine unverwechselbare... Identität.“
Wer die letzten drei Sätze nicht verstanden hat oder für pseudointellektuellen Blödsinn hält, hat damit recht. Ich wollte nur, dass diese Laudatio wenigstens am Ende wie eine richtige Laudatio klingt. Denn warum ausgerechnet Nicolas Mahler zum quieken komisch ist, ist ja mit Worten nicht zu erklären. Drum greife ich zum Schluss jetzt einfach mal die Dose mit der Sprühsahne und schüttle sie mal richtig durch, um den Inhalt hemmungslos auf Nicolas Mahler zu verspritzen! Also Nicolas, machs Maul auf!
Für mich bist du nämlich einer der hervorragenden derzeitigen deutschsprachigen Comiczeichner und der Verblüffendste allemal! Ich jedenfalls würde dein Werk ohne zu Zögern einreihen zwischen die altägyptischen Tempelzeichnungen und dem mittelalterlichen Wandteppich von Bayeux! Und hätte Pablo Picasso jemals den Comic gezeichnet, den nicht gezeichnet zu haben er immer bedauert hat, hätte der durchaus so ähnlich aussehen können, wie die hier gezeigten Bildgeschichten von Nicolas Mahler. Wem diese Behauptung nun doch zu dick aufgetragen erscheint, den verweise ich wiederum auf meine Mutter, mit der ich mal in der Kölner Gemäldegalerie vor einem Picasso stand. Und was sagte sie?
‚Na, das is aber nix!’ Wenn das kein Gütesiegel ist! |