Frankfurter Rundschau
Titanic-Cartoons mit künstlerischem Mehrwert
Tiefgründig und scharfzüngig: Die Kasseler Caricatura im Kulturbahnhof zeigt Zeichnungen von Stephan Rürup

 

Auf den ersten Blick scheint es, als habe Stephan Rürup einen Hang zum Düsteren und Makabren. Mit schwarzer und roter Tusche lässt er Satanisten ihr blutrünstiges Werk treiben oder einen Kannibalen sein Opfer in Sushi-Blätter wickeln. „Meine Cartoons haben nicht nur scheußliche Inhalte, sie sehen auch schlimm aus“, sagt der Künstler selbst.
Bei genauerer Betrachtung aber drängt sich der Verdacht auf, dass der Zeichner vielleicht doch ein heimlicher Menschenfreund ist. „Rürups Figuren bleiben bei aller Übertreibung immer liebenswert und nah“, hat auch sein Kollege aus der Titanic-Redaktion, Mark-Stefan Tietze, festgestellt. „Bitte nicht mehr mit den Hühnern ins Bett!“ - so lautet der Titel einer Ausstellung in der Kasseler Caricatura, die unterhaltsame Einblicke in die Rürupsche Komik gibt.
Tietze, Laudator bei der Ausstellungseröffnung, lobte den fast zwei Meter messenden Cartoonisten doppeldeutig als „vielleicht größten lebenden Satiriker der Welt“. Bei dem 40-Jährigen, der abwechselnd in Frankfurt und Münster lebt, verbinde sich „Handwerk und der Wille zur extravaganten Form“. Trotzdem sei seinen Bildern die Arbeit, die in ihnen stecke, nicht anzusehen, meinte Tietze.
Tatsächlich wäre es ein Fehler, nur schnell den in Rürups Cartoons enthaltenen Witz erfassen zu wollen. Dieser wird meist durch Sprechblasen oder Textzeilen entwickelt und vom Künstler mit Liebe zum Detail zeichnerisch umgesetzt. Rürup, der ein Studium der Visuellen Kommunikation absolviert hat, beschränkt sich manchmal auf den ökonomischen Einsatz weniger Feder- oder Bleistiftstriche. Dann wieder schwelgt er geradezu in Farbigkeit, wenn er die Konturen mit Tusche, Markern oder Acrylfarben ausmalt und sie dadurch erstaunlich plastisch wirken lässt.
Seine Figuren sind Menschen wie du ich, deren innere Empfindungen sie auch äußerlich gezeichnet haben. Die Aufgeblasenen sind dickbäuchig, die Hartherzigen kantig, die Fanatischen tragen verzerrte Fratzen. Und sie sind Opfer äußerer Widrigkeiten – der Staatsmacht, der Borniertheit anderer oder der Deutschen Bahn.
Doch Rürup ist längst nicht immer tiefgründig und scharfzüngig. Manchmal beweist er einfach Spaß am Komischen oder lässt seinem Wortwitz freien Lauf. Dann purzelt „Der Zauberberg“ aus dem Bücherregal und das Nachbarbuch ruft erschreckt: „Thomas Mann über Bord!“. Oder zwei lädierte Hasen suchen den „Hasen-Nasen-Ohren-Arzt“ auf.
Auch Stammtisch-Poesie hat bei Rürup ihren Raum. Ein frisch gebackener Vater fragt den Arzt: „Könnte es sein, dass bei der Geburt meine Frau vertauscht wurde?“
Thematisch ist nichts und niemand vor der spitzen Feder des Titanic-Cartoonisten sicher. Bevorzugt greift er aktuelle Geschehnisse auf. Selbst das Holocaust-Mahnmal oder – gleich mehrfach - die Vogelgrippe dienen Rürup als Projektionsfläche, um auf entspannte Weise seine Sicht der Dinge zu transportieren. Nach seiner Motivation gefragt, sagt er: Ich zeige die Fehltritte und Schwächen der Leute, die es eigentlich besser wissen müssten.“

Die Ausstellung „Bitte nicht mehr mit den Hühnern ins Bett!“ ist bis zum 28. Mai in der Kasseler Caricatura im Kulturbahnhof zu sehen. Öffnungszeiten: Donnerstag, Freitag 14 – 20 Uhr; Samstag, Sonntag, Feiertag 12 – 20 Uhr.

11.4.2006, Frankfurter Rundschau, Gabriele Sümer

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