LAUDATIO von Mark-Stefan Tietze
zur Eröffnung am Freitag, den 7.4.2006:
STEPHAN RÜRUP: Bitte nicht mehr mit den Hühnern ins Bett!

 

Meine Damen und Herren Ausstellungsbesucher, verehrtes Caricatura-Team, liebe Zwerge und Riesen im Publikum!

Wir sind hier heute zusammengekommen, um uns dem komischen Werk eines lustigen Mannes zu stellen. Eines Mannes, der seine Ausstellung »Bitte nicht mehr mit den Hühnern ins Bett!« nennt – und der damit ohne Not das Risiko in Kauf nimmt, seine gerade erst im Laufe der letzten zwei Jahre gewonnene Anhängerschaft beim Agrarfachblatt Welt am Sonntag zu vergraulen. Dieser Mann, dem zu huldigen ich mich anschicke, heißt Stephan Rürup. Viel ist über ihn nicht bekannt. Was man ganz sicher weiß – er wurde 1965 in Bad Oeynhausen geboren, studierte visuelle Kommunikation in Münster, lebt teils in Münster mit seiner süßen Freundin Imke und den entzückenden Töchtern Matilda und Lilli Josefine, und anderenteils in Frankfurt als Redakteur des endgültigen Satiremagazins Titanic – das brauche ich hier wohl nicht eigens zu wiederholen.
Das meiste von dem, was aber sonst über Stephan Rürup im Umlauf ist, ist günstigstenfalls erstunken und erlogen – und im ungünstigsten Falle oberflächliche Platitüde und Medienklischee. Das ist bedauerlich, sehr bedauerlich, aber gottlob zu ändern. Wenn wir uns dem Mann und seiner Kunst nämlich angemessen nähern wollen, müssen wir unsere Köpfe freimachen von dem medialen Schrott, mit dem uns die Schergen der Kulturindustrie vollgestopft haben. Drei der prominentesten Klischees und Fehleinschätzungen will ich deshalb gleich zu Beginn einmal aus dem Weg räumen, damit wir dann anschließend – in wenigen, ich sag mal: vier bis fünf Stunden – vorurteilsfrei in die Ausstellung gehen und uns ganz unvoreingenommen Rürups schöne Bildwitze anschauen können.

Punkt 1, das erste und mächtigste der Klischees. Rürup sei riesengroß, heißt es überall. Er sei mehrere Meter groß. Die Sonne verdunkle sich, wenn er aus der Haustür trete. Einmal las ich sogar, Vögel würden in seinen wirren Haar nisten. Das ist natürlich alles Quatsch, und es verstellt uns, wie auch die baumlange Gestalt dieses Menschen, den Blick auf den wahren Rürup. Es ist nicht wahr, denn in Wirklichkeit ist er noch viel größer. Seine wahre Größe ist unter Umständen unermeßlich; er ist, um es in den Worten des Titanic-Art Directors Tom Hintner zu sagen, vielleicht »der größte lebende Satiriker weltweit«. Ob das nun stimmt oder nicht – wahr ist jedenfalls, daß Rürup eine gewisse Leidenschaft für Größenverhältnisse, Perspektiven und deren Umkehrungen entwickelt hat, die sich natürlich auch in seinen Zeichnungen wiederfindet. Ein Beispiel: Als neulich irgendwo in der Tiefsee ein besonders riesiger Riesentintenfisch entdeckt wurde, durfte es niemanden wundern, daß Rürup sofort zur Stelle war und das dazugehörige Restaurant entwarf, in dem sich die Menschenmassen in kleinen Gruppen die dazugehörigen Riesentintenfischringe schmecken ließen.
Wenn ich eine Mutmaßung wagen darf: Dieser Sachverhalt, diese Obsession mit Groß und Klein ist wahrscheinlich zur Hälfte Rürups leicht erhöhtem Beobachterstandpunkt geschuldet, und zur anderen Hälfte den vielfältigen und sicher nicht immer angenehmen Erfahrungen, die er Zeit seines Lebens als extrem langer Lulatsch unter lauter Gnomen und Wichteln und Zwergen machen mußte. Ich denke ganz am Rande daran, daß Rürup seit Jahren die Fahrkartenautomaten der Deutschen Bahn boykottiert und darüber auch ernsthaft ein bißchen sauer ist, weil sie für Leute wie ihn nicht gemacht sind. Von da ganz weit oben kann man auf dem Display nämlich nichts erkennen, und sich deshalb zu ducken und zu krümmen ist Rürups Sache nicht.
Der immer leicht schräge Blickwinkel, den Rürup auf diese Weise angenommen hat, beschränkt sich deshalb selbstverständlich nicht auf die Wahrnehmung physischer Größenunterschiede, sondern führt mitten hinein in unser Verständnis von Norm und Normalität, von Einschluß und Ausschluß – womöglich, um daran kräftig zu kratzen?

Meine erste Begegnung mit Stephan Rürup fand irgendwann in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre statt. Auf dem Servatiiplatz in Münster, einer für Münster vergleichsweise großen Kreuzung mehrerer Hauptverkehrsstraßen, hatten sich etliche tausend Menschen versammelt, um gegen die notorischen Castor-Transporte zu demonstrieren. Überall Transparente mit Aufschriften wie »Castor nein Danke!« und »Nein zu Atomstrom!«, überall mißmutige Gesichter. Plötzlich pflügt ein Mann mit eher gleichgültiger Miene durch die Menge, baumlang und mit (damals noch) fünf Bärten. Er trägt ein Schild, auf dem steht: »Mir ist alles egal, ich will nur kurz rüber zum Bäcker.«
Tja, ich hatte ebenfalls Hunger, schloß mich an und segelte in Rürups Kielwasser bequem durch die für mich eigentlich undurchdringliche Masse. Glück gehabt! Was aber sagt uns diese Geschichte, die zum Teil, aber nur zum Teil erfunden ist, und sich zum anderen Teil bei einem Cartoon von Stephan Rürup bediente? Folgendes: Rürup, oder sagen wir besser: seine Figuren machen sich klein, wenn andere sich groß machen, und machen sich groß, wenn andere sich klein machen – und das gilt alles selbstverständlich auch umgekehrt. Nicht daß dies ein in der Komik unübliches Verfahren wäre, aber ich denke, bei Rürup finden wir eine Zuspitzung dieser Problematik, die sich unter anderem daraus ergibt, daß dieser Mensch – bei aller grundsätzlichen Sympathie für Atomkraftgegner – jeden Tag vier- bis fünfmal rüber zum Bäcker muß, um seine imposante Erscheinung aufrecht zu erhalten.

Punkt 2. Das zweite Medienmärchen, das die Schundpresse zwecks Auflagensteigerung ständig neu aufwärmt, ist: Rürup trage eine Unzahl von Bärten, mindestens zwanzig an der Zahl, ja, er sammele diese regelrecht, einem plankton-fischenden Bartenwal gleich, der damit seine Nachbarn, die Riesentintenfische, beeindrucken will.
Auch das ist Unsinn. Ich hab neulich noch mal nachgezählt, es sind genau vier; bis vor einem dreiviertel Jahr waren es fünf, einigen wir uns also auf vier bis fünf. Diese vier bis fünf Bärte sind schmuck, stehen ihm ausgezeichnet, und sie erinnern uns Bartlosen stets daran, daß Rürup das Anders- und Herausgehoben-Sein nicht nur ein bißchen genießt, sondern durchaus auch betont. – Dies jedoch nicht als Selbstzweck oder aus Eitelkeit, das läge ihm wahrlich fern, sondern weil es zu seinem ästhetischen, vielleicht auch politischen Konzept gehört.
Rürup ist nämlich nicht nur Zeichner, Witze-Erfinder, Illustrator und Kinderbuchautor, sondern hat sich auch als Musiker einen gewissen Namen gemacht, jedenfalls in bestimmten Kreisen. Ich erinnere mich – also, was ich vorhin erzählte, war ein bißchen Quatsch; ich bin Rürup nicht das erste Mal auf dieser Demo am Servatiiplatz begegnet – wie ich ihn Mitte der Neunziger mit seiner damaligen Band PORF auf einer Bühne in Münster sah und – tja, hörte. Inmitten eines tosenden Lärms, einer wahren musikalischen Kakophonie, sprang dort ein furchterregend schreiender, mehrere Meter großer Sänger mit nacktem Oberkörper herum und machte aus der Intensität seiner Gefühle keinen Hehl.
Die Musikrichtung konnte man, wie ich später erfuhr, wohl als Jazzcore bezeichnen, als Kreuzung aus Hardcore-Punk und Jazz. Sie müssen das nicht in allen Einzelheiten verstehen, ich tue das auch nicht. Es reicht vielleicht, wenn ich sage, daß hier zum Lärm und zur Rohheit des Punk auch noch das Ausgeklügelte, Disharmonische und Expressive des Jazz hinzukommt. Es handelte sich also um eine widerborstige, struppig abstehende und nichtsdestotrotz äußerst sorgfältig gearbeitete Musik – in etwa vergleichbar mit den vier bis fünf Bärten in Rürups Gesicht, die sich ja auch nicht von allein in Form bringen.
Gehört wurde solche Musik damals vorwiegend in eher radikalen Subkulturen mit strengen moralischen Prinzipien. Einer der ersten Cartoons von Rürup, die mich in Titanic tief beeindruckten, zeigte dementsprechend einen jungen Mann mit dicken Rastalocken, sogenannten Dreadlocks, der vor dem Badezimmerspiegel steht und vor sich hin grübelt: »Dürfen Veganer eigentlich Wursthaare tragen?«

Worauf ich aber eigentlich hinauswollte: Rürups Zeichnungen besitzen eine entsprechende Musikalität und Emotionalität, sind also im Grunde Jazzcore. Von ganz weit außen betrachtet, wirken sie oft schroff und roh und punkig verzerrt. Man kann den Entstehungsprozeß noch spüren, den Moment der Ideenfindung und die damit verbundene tiefe Lust. Dazu paßt, was Rürup über sein Schaffen sagt: daß seine Cartoons nämlich als Skizzen entstehen, von denen er sich nie allzuweit entfernen möchte. Geht man dann aber näher ran, spürt man auch die Lust am Detail, am ungewöhnlichen Umriß, an der seltsamen, meist unregelmäßigen, aber stets bedachten Farbgebung. Hier ist zwar ebenfalls jede Menge Raum für Improvisation, hier finden aber auch Handwerk und der Wille zur extravaganten Form ihren Platz.
Das Herausragende ist jedoch, daß man Rürups Werken die Arbeit, die in ihnen steckt, nie ansieht. Die rohe Urgestalt, die ursprüngliche Spontaneität des Ausdrucks prägt das Bild, das weitere Vorgehen bleibt stets ökonomisch. Mindestens ebenso wichtig wie das, was er zeichnet, ist das, was er alles nicht zeichnet. Schließlich ist Kürze des Witzes Würze, und nie passiert es einem bei Rürups Bildern, daß man wie bei so vielen anderen Zeichnern angesichts der pompösen Ausarbeitung stöhnen muß: Was für ein Aufwand für so ein bißchen Scherz!
Und so bleibt festzuhalten: Viele Cartoonisten zeichnen Witze mit Bart. Auch da ist Rürup anders bzw. besser: Seine Witze haben immer vier bis fünf Bärte.

Kommen wir deshalb jetzt zum dritten und letzten Großklischee, das über Rürup kursiert. Seine Cartoons hätten nicht nur scheußliche Inhalte, so kann man überall lesen, sondern sähen auch schlimm aus. Diese groteske Fehleinschätzung ist um so bedauerlicher, als Stephan Rürup selbst sie per Pressetext hinaus in alle Welt schickt. Es stimmt aber trotzdem hinten und vorne nicht. Natürlich – »unglaubliche Präzision und Feinheit des Strichs« wäre nicht das erste, was mir zum Erscheinungsbild der Zeichnungen einfiele. Aber es war Rürup, der mir das Wort »Formensprache« überhaupt erst beigebracht hat; und er selbst nennt, nach seinen größten Einflüssen gefragt, Rembrandt und Hergé als Vorbilder.
Verbindlichkeit und Form bedeuten dem Menschenfreund Rürup nämlich sehr viel. Entsprechend bleiben seine Figuren, bei aller Übertreibung und physiognomischen Verzerrung, wenigstens in Ansätzen immer liebenswert und nahe, egal wie brutal oder deformiert sie sich gebärden. Ich denke da, um ein harmloses Beispiel zu wählen, an einen Cartoon Rürups, in dem zwei Männer am Tresen sitzen. Der eine sagt: »Heute morgen wollte ich...« – und der andere ruft dazwischen: »Apropos ICH...«
Als Betrachter dieses Witzes spürt man neben der Belustigung beides: Den Zorn auf Menschen, die ihre Mitmenschen nur als Stichwortgeber für ihre eigenen Geschichten betrachten, und die Bewunderung dafür, daß jemand das endlose Gequassel der anderen durch kühnes Dazwischengehen endlich einmal stoppt. Dieser Ambivalenz eine gültige Form gegeben zu haben, ist nur eines der vielen Verdienste Rürups.
Was nun die angeblich so scheußlichen Inhalte angeht – wobei man hier Inhalt und Form vielleicht gar nicht voneinander trennen kann –: Nun, sie sind durchgehend komisch. Wir sehen in ihnen die geglückte Verbindung aus sehr guten Witzen und perfekt ausbalancierter, adäquater Form. Denn mit den Witzen hat Rürup es. Auch privat sprudeln praktisch dauernd Witze aus ihm heraus. Man hat den Eindruck, daß diesem Mann langweilig wird, wenn er keine Witze erfinden kann, und zwar innerhalb von vier bis fünf Sekunden. Kellner, Kassierer und Zugbegleiter der Deutschen Bahn können ein Lied davon singen, wenn Rürup sie bei ihrer Berufstätigkeit in heitere und stundenlang andauernde Zwiegespräche verwickelt. Man muß nämlich sagen: Rürup ist schon ein rechter Kindskopf. Gerne beruhen auch seine Cartoons deshalb auf einem Wortspiel, einem Wortwitz oder einer Wörtlichnahme.
Andererseits: Raffinierte Rekursivität und postmodernes Ebenenspiel beherrscht er natürlich ebenfalls. Einer meiner ewigen Lieblingscartoons von ihm zeigt einen Mann mit Hut und Kamera im Museum, wie er angesichts eines an der Wand hängenden Bildes nörgelt: »Das kann ich auch!« Auf dem Bild aber steht in großen Lettern: »KANNST DU NICHT«.

Auch ich möchte gern das Rohe und Skizzenhafte meiner Bemühungen unterstreichen und breche deshalb an dieser Stelle einfach ab. Ich ahne auch, daß Stephan Rürup die ausgedehnte und lobende Beschäftigung mit ihm inzwischen schon ganz schön peinlich ist.
Ich wünsche Ihnen also viel Vergnügen beim Gang durch die Ausstellung. Schauen Sie sich die breit gefächerte Auswahl aus dem Werk dieses enorm produktiven Riesen und vortrefflichen Kollegen nun bitte mit offenen und vorurteilsfreien Augen an, so wie Rürup selber es auch tun würde. Immerhin ist er einzige Cartoonist, den ich kenne, der gleichzeitig für Titanic, die Welt am Sonntag und die Mitgliederzeitschrift der IG Metall arbeitet.

Herzlichen Dank fürs Zuhören und viel Spaß!

MARK-STEFAN TIETZE

11.4.2006

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