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Über den im Sommer 2004 verstorbenen Zeichner und Maler Bernd Pfarr ist viel
Huldigendes gesagt worden. F.W. Bernstein, Bernd Eilert, Robert Gernhardt,
Elke Heidenreich. Andreas Platthaus, Volker Reiche und viele andere
schrieben ihm Hymnen, und auch ich konnte - erfreulicherweise auch schon zu
seinen Lebzeiten - meiner Begeisterung für die Arbeiten von Bernd Pfarr
mehrfach Ausdruck verleihen. Die Groß- und Dickmedien geizten ebenso wenig
mit Lob und Hudel wie die kleinen Blätter und die Fanzines; Bernd Pfarr ist
einer der ganz wenigen Künstler, die wirklich jeder zu lieben scheint.
Menschen, die sich sonst über gar nichts einig werden können, sind sich doch
einig in ihrer Bewunderung für das Werk von Bernd Pfarr. Durchsetzen muss
man diesen Künstler bei so gut wie niemandem mehr. Ganz besonders seine
Figur Sondermann, die jetzt mit der Ausstellung "Sondermann kommt!" in der
Caricatura Kassel geehrt wird, erfreut sich einer Popularität, von der
sämtliche Politiker weltweit nachts nur schluchzend träumen können.
SWarum ist das so? Wer ist Sondermann, und was macht ihn so
einzigartig
beliebt? Ursprünglich war Sondermann der Name eines glücklosen und wohl auch
nicht ganz koscheren 'Titanic'-Verlegers; Bernd Pfarr, der für 'Titanic'
arbeitete, machte aus ihm seine berühmteste Figur, die noch mehr Anhänger
fand als sein "Dulle" und sein "Alex der Rabe", die von Pfarr ja nicht
weniger liebe- und phantasievoll gestaltet waren. Aber Sondermann wurde eine
kultisch verehrte und angebetete Figur; wenn am Monatsende das neue
'Titanic'-Heft erschien, wollte man zuallerst wissen: Was macht Sondermann
diesmal? Frönt er dem Negerschrubben, einer Tätigkeit, die Bernd Pfarr für
das Sondermann-Universum ersann? Wird er wütend? Oder misstrauisch? Einmal
streikte er - und ließ die Protesttransparente preisgünstig bei "Mbwala
Shildemala" anfertigen. Sie waren entsprechend: "Sdraik! Shef is krume Hunt!
Wolle meh Gelt! Unt wenige Ahbeit!"
"Sdraik! Shef is krume Hunt!" wurde als Wort quasi Geflügel - ein Synonym
für die Erfahrung, dass die Chefsorte Mensch nichts taugt, der Widerstand
gegen sie aber eben auch seine ganz eigenen Tücken hat. So ergeht es
Sondermann eigentlich immer: Alles missrät ihm auf die prachtvollste Weise.
Es gibt beinahe keinen Unbill, der ihm nicht widerführe: Man drangsaliert
und tritt ihn, er wird in die Luft gesprengt und im Kochtopf gesotten, er
muss seinen Bürochef windeln, sein Mickey Mouse-Kostüm hängt nass auf der
Leine, wenn er es ganz dringend anziehen möchte, und das Schlimmste: Man
weist seine Liebe zurück. Als Fußball verkleidet gesteht er: "Negerradio,
ich liebe dich!" und bekommt die Antwort: "Weiche von mir, schwuler
Fußball!"
Als ich dieses Blatt zum ersten Mal sah, war ich fassungslos vor Glück und
Wonne - und auch hundertmaliges Wiederbetrachten schmälert die Wirkung
nicht. "Negerradio, ich liebe dich!" - "Weiche von mir, schwuler Fußball!":
Dieser Dialog schlägt in seiner Präzision des Vergeblichen ganz locker
alles, was die komplette Gruppe 47 zusammenschwindelte (die ohnehin in"Gruppe 4711" umbenannt werden sollte, um der Wahrheit zu ihrem Recht zu
verhelfen).
Ohne Literatur ist Bernd Pfarr ohnehin nicht zu begreifen; seine Arbeit
ist
geprägt von großer bibliophiler Kenntnis. "Music doesn't come from music",
sagt der Jazzpianist Keith Jarrett - ein wahrer Künstler schöpft eben nicht
aus dem eigenen Genre, sondern aus anderen Inspirationsquellen. Der Maler
und Zeichner Bernd Pfarr ließ sich von Literatur befeuern und war Kenner,
ohne jemals damit zu prahlen; schließlich weigerte er sich entschieden,
seine Leser zu langweilen. Seine Leser? Ja, Leser - zwar war Bernd Pfarr
bildender Künstler, aber sein Publikum war und ist ein lesendes. Pfarr schuf
sich sein ganz eigenes Reich - das der gezeichneten und gemalten Literatur.
Und weil er das gleichermaßen meisterhaft und kunstverständig wie
unaufdringlich und bescheiden tat, verfielen ihm und seinen Geschöpfen buchstäblich alle.
Selbst die Sondermann zur Seite gestellte Figur des explosiomanen
TNT-Schulze ist, nicht nur in den geistfernen Zeiten der
Terrorismushysterie, extrem trostreich. Der zwanghaft immerzu alles in die
Luft sprengende Schulze verkörpert den Humor des Zerstörerischen. Hier
waltet liebevolle Kindlichkeit: Puttmachen prima! Bernd Pfarr hat das Genre
des Sprengstoffwitzes nicht erfunden - aber er hat es zur Blüte geführt.
Auch für unsere Terroristen sollte Sondermann deshalb Pflichtlektüre werden;
wer sich einmal am Wirken von TNT-Schulze erfreut hat, wird vom humorlosen
Geschäft des Mordens für immer die unegalen Finger lassen. Und wenn
Sondermann auf diese nonchalante Weise dann auch noch den Terrorismus vom
langweiligen Antlitz der Welt getilgt hat, gilt ohne Ausnahme: Alle lieben
Sondermann!
"Alle lieben Sondermann!" ist auch der Titel eines Sondermann-Sammelbandes,
der 1993 bei Eichborn erschien. Vorn auf dem Einband sieht man schon, wie
das gemeint ist: Sondermann schmort gefesselt und in stummer, resignierter
Verzweiflung im Kochtopf; fünf Zuschauer schwingen euphorisch Salzstreuer,
Rührbesen, Kochlöffel und Senftube und jubilieren in Vorfreude auf ihren
kannibalischen Schmaus. So ist das: Alle lieben Sondermann, weil über ihm
die Katastrophen der Welt zusammenschlagen. Man liebt ihn, aber niemand
möchte mit ihm tauschen.
Die Widmung im Buch lautet: "Meiner geliebten Frau zur geistigen Erbauung."
Wer das liest, ahnt schon: Hier ist nichts so, wie wir es kennen oder wie es
zu sein scheint. Hier begeben wir uns in einen Kosmos, dessen einziger
Herrscher Bernd Pfarr ist. Der Mitlaber-Unfug der Pro-forma-Demokratie, in
der alles auf den kleinsten und schäbigsten gemeinsamen Nenner
heruntergekonferenzt und herabgebrabbelt wird, ist hier ausgesperrt. Bernd
Pfarrs Welt ist ein Königreich, absolutistisch und entsprechend frei von
Dummheit, Hässlichkeit und Ödnis.
"Die Realität ist lebensfeindlich und phantasielos. Ich würde gerne der Welt
die Realität austreiben", sagte Bernd Pfarr in einem Interview. Diesem
Diktum möchte ich mich vorbehaltlos anschließen - zumal die Welt, die Bernd
Pfarr der Realität entgegensetzte, dieser Realität in allen Belangen hochüberlegen ist. Pfarrs Welt ist niemals langweilig, sie ist beseelt und mit
einem Personal bevölkert, das mit dem, was hienieden so unter "Mensch"
firmieren darf, erfreulich wenig gemein hat.
Und deshalb lieben alle Sondermann: weil er nicht von dieser Welt ist. Er
ist ein komischer Heiliger - wie Jesus, nur viel besser, und vor allem viel
komischer. Etwas Bräsiges wie "Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht,
was sie tun", würde Sondermann niemals sagen. Er hatte ja auch den besseren
Drehbuchautor. Und deswegen kann man mit allem Fug und allem Recht sagen:
Mehr als 2000 Jahre christliches Abendland sind genug. Jesus hat als
Schmerzensmann und Erdulder ausgespielt und seinen Meister gefunden:
Sondermann.
Jesus-Schnesus möge endlich nach Hause gehen. Niemand bedarf seiner
Existenz, denn die Welt hat Sondermann. Der erduldet und erträgt alles, und
er flennt nicht herum dabei, wird nicht salbungsvoll und nervt nie. Sondernüberrascht uns, immer noch und immer wieder.
Wer durch die Sondermann-Ausstellung geht, wird mehr Wunder erleben, als
Jesus je angedichtet wurden. Verneigen wir uns vor Sondermann - und vor
seinem Schöpfer, Bernd Pfarr.
Wiglaf Droste
Bernd Pfarr: Sondermann kommt!, Caricatura, Galerie für Komische Kunst
Kassel, bis 5.11. 2006, Do / Fr 14 - 20 Uhr, Sa / So / Feiertage 12 - 20 Uhr
Das gleichnamige Buch erscheint zur Buchmesse im Steidl Verlag Göttingen
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