F. K. Waechter - Retrospektive

Rede zur Eröffnung der Waechter-Retrospektive in der Caricatura Galerie für komische Kunst am 17.10.1997; Michael Börgerding
(Dramaturg, Staatstheater Hannover)
 

 

Ein Erzähler
Friedrich Karl Waechter wird sechzig Jahre alt

Der Professor für Karikatur und Bildgeschichte an der Hochschule für Bildende Künste in Berlin, Fritz Weigle, hat zu Friedrich Karl Waechters Zeichnungen geschrieben: ,,Im genaueren literarischen Sinne betrachte ich Waechter als Dramatiker. Als Theatermacher. Seine Blätter sind Inszenierungen. Mit allen dramatischen Mitteln sind das Vorher, das drumrum und, sofern nicht grade eine Pointe explodiert, auch das Nachher gegenwärtig."
Wenn man einen Blick auf die Figuren und Geschichten seiner Zeichnungen wirft, auf die mimische und gestische Ausdruckskraft seiner gezeichneten Protagonisten - eine Kraft, von der man als Theatermensch nur träumen kann - mag man diesem Urteil kaum widersprechen. Ich zitiere Weigle auch deshalb, weil ich als Dramaturg am Theater arbeite und seit 1989 acht Theaterproduktionen gemeinsam mit Fritz Waechter gemacht habe und ich zudem weiß, daß der Gewährsmann für den Dramatiker Waechter, F.W.Bernstein, also Fritz Weigle, Waechter nicht gerne am Theater sieht mit der Begründung: Theater machen können viele, aber Zeichnen wie Waechter im Augenblick kein anderer. Das letztere können Sie gleich überprüfen, das erstere - ob das so ist, ich weiß es nicht.
Widersprechen möchte ich nicht, aber gerne würde ich einen anderen Begriff einführen. Mein Vorschlag ist, Friedrich Karl Waechter versuchsweise als einen Erzähler zu begreifen. Was will das heißen? Walter Benjamin schreibt: ,,Die Ausrichtung auf das praktische Interesse ist ein charakteristischer Zug bei vielen geborenen Erzählern. Jede wahre Erzählung führt, offen oder versteckt, ihren Nutzen mit sich. Dieser Nutzen mag einmal in einer Moral bestehen, ein andermal in einer praktischen Anweisung, ein drittes in einem Sprichwort oder in einer Lebensregel - in jedem Falle ist der Erzähler ein Man, der Rat weiß."
Praktisches Interesse und Rat wissen: das möchte ich ganz wörtlich verstanden wissen. Es geht keineswegs um einen etwaigen Sinn des Lebens, gar um eine Lebensphilosophie. Die letzten Dinge selbst sind Waechters Thema, nicht ihre Erklärungen. Es geht um das Einfache, das so schwierig geworden ist. Es geht um das Vergnügen und die Kunst, morgens, wenn die Sonne aufsteigt, vom Floß ins Meer zu springen, zu schwimmen, sich trocken zu schütteln und weiter der Sonne entgegen zu fahren, allein fü·r sich und mit einem wilden Lachen; es geht um die Kunst der Verstellung und des Rollentausches -,,Ich ist ein anderer, eine andere"-, um die schöne Eisprinzessin aus dem hohen Norden aufiutauen vielleicht Waechters schönste Erzählung, nahezu ein Lehrstück der Liebe mit geradezu erzieherischen Lektionen der Liebeskunst -; es geht um den Schnaps, der vom Brett rutscht, wen die Schlampe grazil, unmöglich und schmerzhaft zugleich auf eben diesem ihren Mann trägt, und der, wenn er rutscht, allem Unglück ein Ende macht; es geht um die alles andere als friedliche Gemeinschaft der ,,Elenden Vier" auf dem Weg nach Bremen, es geht um Adele, die ihren Brüsten die Männer zeigt, und so herum betrachtet nimmt sich der Geschlechterkampf doch wieder ganz anders aus; es geht darum, daß, wenn einem einmal etwas geiingt, natürlich keiner zuschaut - daß das aber nichts macht. Kurz, es geht darum, sich durchs Leben zu schlagen, sich selbst und den anderen Mut zu machen.
Es geht nicht zuletzt darum, den Tod zu überlisten - und wenn man dabei unter einem Tisch über einer offen Grube hängen muß und dem Tod ein Puppenspiel spielt. Es geht - um es (versuchsweise) pathetisch zu formulieren - um eine Komplizenschaft, eine spitzbubenhafte Komplizenschaft mit dem befreiten Menschen. Walter Benjamin:,,Diese Komplizität empfindet der reife Mensch nur bisweilen, nämlich im G1ück; dem Kind aber tritt sie zuerst im Märchen entgegen und stimmt es glücklich." Es geht um das Glück.
Nicht zufällig also erzählt Waechter Märchen. Er erzählt sie nach oder neu, für Kinder und Erwachsene gleichennaßen. ,,Das Ratsamste, so hat das Märchen vor Zeiten die Menschheit gelehrt, und so lehrt es noch heute die Kinder, ist, den Gewalten der mythischen Welt mit List und Übennut zu begegnen." (wiederum Walter Benjamin). List und Übermut: nur damit kommt man an die drei goldenen I-Iaare des Teufels (und natürlich an die Prinzessin), nur damit schlägt im Clownsspiel ,,IXYPSILONZETT" der schüchterne Zett den starken Ix (und erobert natürlich das Herz der schönen Ypsilon), nur damit rettet (und erobert - natürlich!) der Schweinehirte Hans (der eigentlich Fritz heißt und dessen Schweine irgendwo oben im Norddeutschen nach dem Krieg grasen) im Märchen ,,Der S chweinehirtentraum" die zur Gans verzauberte Dschamila in Afrika. Das G1ück, wir merken es, ist bei Waechter nicht allgemein, sondern konkret. Es meint natürlich schöne Frauen, aber auch das schöne Tor in der letzten Minute, den Wurf der Boule-Kugel, das erkämpfte gewonnene Tiebreak im Tennis. Jungensträume, sicher. Aber kann man dagegen etwas haben? Und zuletzt hat er ja auch Mädchenträume geträurnt und erzählt. Im ,,Pferdeauge", seiner letzten Produktion in Hannover, macht sich ein kleines Germanenmädchen, eine Waechtersche Käthchen auf, ihre Liebe in Rom zu finden. Natürlich muß ein solches Vorhaben scheitern: der schöne Römer - ein Künstler! - ist fett und grau geworden.
~Voher nimmt der Erzähler, nimmt Waechter all das? ,,Der Erzähler nimmt, was er erzählt, aus der Erfahrung; aus der eigenen oder berichteten." schreibt Benjamin und weiter ,,Die Langeweile ist der Traumvogel, der das Ei der Erfahrung ausbrütet." Langeweile meint eine Zeit außer, neben der unseren. In den Lücken dazwischen, da wo das Tempo unserer Theaterarbeiten und Produktionen vieles nur noch gleichzeitig geschehen Iäßt, die Dinge und Vorgänge wechselseitig entwertet. Und wenn ich einen Menschen kenne, der die Langeweile für sich in Anspruch nimmt und produktiv machen kann, der sich weigert,'just in time' zu arbeiten, dann ist es Waechter. Dieses Beharren auf den besonderen und genauen Blick, auf das Eine und nicht auf das Viele, zeichnet ihn aus. Diese Störrigkeit, Dickköpfigkeit ist, um das auch gesagt zu haben, oft nicht unanstrengend. Ein Grund, warum Theater und Theatermenschen bisweilen so viel Schwierigkeiten mit dem Regisseur Waechter haben. Und vielleicht eine Begründung, warum sie ihn weiter und wieder nötig hätten. Wenn Friedrich Karl Waechter nach jeder Premiere schwört, nie wieder zu inszenieren ( und es doch hoffentlich wieder tut), spricht er auch von der Unmöglichkeit, das System Theater und das System Waechter kompatibel zu machen.
Erfahrungen also. Eigene und andere. Natürlich erfährt man in jeder Zeichnung, in jedem Theaterstück, in jeder Inszenierung etwas von Waechters Biographie. Was ich über die 50er und 60er Jahre meine zu wissen, lebt auch von den Gerüchen, den Pantoffeln und Hüten, den Tapeten und dem Mobliar seiner Zeichnungen. Und es ist ein Irrtum zu glauben, der Theaterregisseur Waechter dirigiere seine Schauspieler wie mit dem Zeichenstift. Lieber erzählt er Geschichten aus seiner Kindheit und Jugend und schaut ihnen dann bei der Arbeit zu - ein leicht zu begeisternder, bisweilen schiichterner und respektvoller Begleiter, Zuschauer und Zuhörer. Jemand, der erzählt auch mit anderen Erfahrungen.
,,Die Quellen aller Komik sind tiefe, leidvolle Eriahrungen" - ein solcher Gedanke liegt nahe, fast hätte ich diese Rede altfi-ankfurterisch und folkloristisch damit angefangen. Eine Zeichnung hat mich vor dieser Plattheit gerettet: ein Redner - die Ähnlichkeit mit ,,Teddy" Adorno ist sicher nicht zufällig, sondern aus tiefer Verehrung und großer geistiger Freiheit - vor dem Mikrophon mit eben diesem Satz im Mund/in einer Spruchblase, ohne Hosen allerdings, die sind ihm heruntergerutscht bis auf die Schuhe, ohne daß er es bemerkt hätte. Das will ich mir nicht antun und so achte ich auf meinen Gürtel und lasse den Meister selber erklären, was er unter Erzählen versteht. Und siehe, alles ist ganz einfach und klar. Waechter in seinem Vorwort seines neuen Bandes ,,Erzähltheater" (!): Erzählen ist,, was wir alle kennen, wenn einer am Kneipentisch oder all der Straßenecke hingerissen von dem, was er erlebt hat oder gerne erlebt hätte, loslegt und Talent, G1ück, Gnade, manchmal sogar Alkohol ihm dabei die Flügel leihen, so daß er das, was er sagen will, auf eine wunderbar stimmige Weise tut."
In wenigen Tagen wird Friedrich Karl Waechter 60 Jahre alt. Das ist kaum glaublich. Als ich ihn kennenlernte, war ich noch keine dreißig und er für mich der typische Achtundsechziger, bis er mir erzählte, daß er 1968 viel zu alt für die Revolution war, zudem schon drei Kinder hatte. Das zu erzählen, war ihm sichtlich eine große Freude. Vermutlich macht ihm es ihm heute noch genauso Spaß, mit Lebensalter und Biographie erzählend und erhellend zu spielen. Mögen Friedrich Karl Waechter weiter Glück und Gnade die Flügel leihen. Ich hatte es, als ich ihn kennenlernte und mit ihm als Theatermacher zusammenarbeiteten konnte: Glück und Gnade, manchmal sogar Alkohol.
Zum Schluß ein letzter Satz von Waller Benjamin:,,So betrachtet geht der Erzähler unter die Lehrer und Weisen ein. Er weiß Rat - nicht wie das Sprichwort: für manche Fälle, sondern wie der Weise: für viele."

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