"ganz die mutter "
»Die Retrospektive«
F.K. Waechter
  Ort: CARICATURA Galerie für Komische Kunst
    Bahnhofsplatz 1, 34117 Kassel
  Eröffnung: Fr. 17. Oktober, 19.30 Uhr
Der Künstler ist anwesend
  Ausstellungsdauer: 18. Oktober bis 7. Dezember 1997,
Di. bis So. 12.00 bis 21.00 Uhr
     
Biographie
  Presse zur Ausstellung      
  Laudatio      
 


Nach der CARICATURA III, die parallel zur documenta X im und um den Kultur­Bahnhof für Be­geisterung sorgte, geht es in der Galerie für komische Kunst im Oktober gleich weiter mit hochkarätigem Programm. In einer groß angelegten Retrospektive zeigt die Caricatura mit Bildergeschichten, Cartoons, Collagen, Federzeichnungen, Malerei, Fotografie und Objekt­kunst das facettenreiche Werk von F.K. Waechter, der als einer der Hauptakteure der Neuen Frankfurter Schule nicht nur zu den besten deutschen Satiri­kern mit hoher internationaler Reputation gehört, sondern auch zu den eigenwilligsten Komikproduzenten des deut­schen Sprachraums. Mit seiner unerreichten Zeichenkunst löste Waechter in den 70er Jahren eine kleine Revolution aus: seine Zeichnungen hatten nichts mehr gemein mit dem artifiziellen Ohne-Worte-Witz vieler seiner Vorgänger. In seinen Cartoons und Bildergeschichten stellte er das Sprachlich-Erzählerische ins Zentrum; ein stilbildendes Verfahren, mit dem Waechter nicht nur sein Publikum begeisterte, sondern auch zahlreiche jüngere Zeichner inspirierte. Anfang der 80er Jahre lehrte Waechter als Gastdozent an der Hochschule für Bildende Kunst in Kassel. Von daher ist er einer der unmittelbaren Geburtshelfer der Caricatura, die vor zehn Jahren aus dem Umfeld der HbK heraus entstanden ist.
Daß F.K. Waechter ein geborener Zeichner ist, belegt bereits sein Schulabgangszeugnis: Kunst und Leibesübungen ›sehr gut‹. Sein Œuvre ist äußerst vielseitig: mittels Zeichnung, Malerei und Foto­grafie erzählt er lakonische und bodenlose Geschichten, bevorzugt von zwischenmensch­lichen oder ‑tierischen Beziehungen aller Art. Beeindruckend ist die mimi­sche und gestische Ausdruckskraft, mit der seine Protagonisten agieren: ob Rausch, Begei­ste­rung, Wut, Enttäuschung oder Leidenschaft – kein Gefühl ist ihnen fremd. Waechter sei »nicht nur der beste satirische Zeichner«, schreibt die Süddeutsche Zeitung, »sondern auch der lustigste, witzigste, skurrilste; der hintersinnigste deutsche Ge­schichtenerzähler mit den absurdesten Einfällen; ein Meister des schwarzen Humors und ein Spezialist des poeti­schen Nonsenses.«
Seine Laufbahn als komischer Zeichner begann Waechter 1962 als Layouter bei der satirischen Zeitschrift pardon. 1964 kommen F.W. Bernstein und Robert Gernhardt dazu, und fortan erscheint bis 1976 die doppelseitige Rubrik Welt im Spiegel(WimS), mit der das Trio den Grundstein legte für das weitere fruchtbare Schaffen der sogenannten Neuen Frankfurter Schule. Über diesen Kreis satirischer Zeichner und Autoren, der das angestaubte deutsche Witz- und Komikwesen von Grund auf reformierte, schreibt Waechter in seinem Buch Mich wundert, daß ich fröhlich bin (Diogenes): »1964. Herrliche Zeit für Satire! Wir entwickeln mehr und mehr eine spieleri­sche Produzierweise, die sehr davon lebt, daß auch das Dümmste, Banalste, Schrägste, Abseitigste, Rätselhafteste, Abge­droschenste, Geschmackloseste auf den Tisch darf, weil das besonders reizt, um es entweder noch weiterzutreiben oder so zu drehen, daß etwas Erhellendes daraus wird, daß wir unseren Spaß haben.«

1966 erscheint unter dem Titel Die Wahrheit über Arnold Hau das erste Buch der drei Zeichner und Autoren. Die kongeniale Kunstfigur des Arnold Hau parodiert nicht nur aufs Schönste die Marotten des Bildungsbürgertums, sondern leiht auch der Filmgesellschaft Arnold-Hau-Coop ihren Namen, die in den frühen 70er Jahren mehrere komische Kurzfilme produziert – darunter Der Klauer und Hier ist ein Mensch, die beide bei den Filmfestspielen in Oberhausen in die deutsche Auswahl kommen.

1979 erscheint die erste Ausgabe des endgültigen Satiremagazins Titanic, zu dessen Gründungs­mitgliedern F.K. Waechter gehört. Waechter zeichnet nicht nur jahrelang das legendäre ›Stille Blatt‹, sondern auch zahlreiche Titelblätter, die in den 80er Jahren als Poster zur raumgestalterischen Grundausstattung so mancher Wohngemeinschaft zählten.

Die Caricatura zeigt in ihrer aktuellen Ausstellung nicht nur Zeichnungen und Malerei, sondern auch Objektbilder und Collagen. Durch neue Blickwinkel auf Altbekanntes verleiht Waechter alltäglichen Gegenständen die Aura märchenhafter Poesie. Ein Stiefelknecht mutiert zur Teufelsmaske, ein Lederschuh zum Gorillakopf – wie seine Bilder erzählen auch Waechters Objekte immer Geschich­ten: von dem, was sie einst waren, und von dem, was sie geworden sind.

Diese neo-dadaistische Ver­fahrensweise findet Ihre Fortsetzung in Waechters Theaterarbeit. Par­allel zu seiner Tätigkeit als Zeichner ist Waechter seit den 60er Jahren auch als überaus erfolg­reicher Theaterautor und ‑regisseur bekannt. 1975 entstand das Stück Schule mit Clowns, 1979 wird Kiebich und Dutz uraufgeführt – inzwischen gibt es über 70 Miniaturen, Kurzdramen und abendfüllende Theaterstücke. Konsequenterweise verlagerte Waechter den Schwerpunkt seines Schaffens ab 1992 auf den Theaterbereich.

Besonders stolz ist die Caricatura deshalb, daß in der Kasseler Ausstellung nicht nur Zeichnungen und Objekt-Bilder aus der Zeit von 1961 bis 1992 zu sehen sind, sondern auch einige spätere und aktuelle Blätter.

Die Caricatura präsentiert diese Ausstellung in Zusammenarbeit mit dem Ausstellungsbüro Göttingen.

 

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