Krüger - Backstage

Dietmar Wischmeyer über Sebastian Krüger
 

 

Ich kenne nur zwei Menschen, die dem Kopf als Ort der Identität eine so große Bedeutung beimessen. Der eine ist Eduard Zimmermann. In seiner Galerie vorwiegend südeuropäischer Straffälliger spricht aus jedem hängenden Mundwinkel, jedem Schatten unter den Augen eine Straftat. Der andere ist Sebastian Krüger. Ganze Biographien werden einfach nur Gesicht.

Wobei dieses schöne deutsche Wort eben zugleich das Ding vorne am Kopf bezeichnet als auch den Vorgang des Betrachtens – man kennt den Begriff heute hauptsächlich noch vom »zweiten Gesicht«. Wenn wir also den Krügerschen Porträts Wahrheit unterstellen, dann deshalb, weil wir gelernt haben, im Betrachten von Gesichtern Identitätsvermutungen anzustellen. Die Visagen bei Ede Zimmermann sind eindeutig Verbrecher, das muß mir keiner erklären. Die von Sebastian Krüger eindeutig nicht, hauptsächlich weil sie in Farbe sind. Sollten Mick Jagger oder Marcel Reich-Ranicki mal zur Fahndung ausgeschrieben werden, mit einem Bild von Krüger ginge es nicht – obwohl man sie ja sehr gut darauf wiedererkennt. Eigentlich merkwürdig! Was lösen diese Bilder also in uns aus, welche Identitäten vermuten wir hinter den grotesken Visagen? Soviel ist bisher klar: nicht den restjugoslawischen Exilfliesenleger Dragomi Bogdanovich, der bei XY gesucht wird. Was sind das dann für Menschen hinter den Krügerschen Porträts? – Ich denke dabei immer: das sind alles lustige Typen. Wenn sie aus der Erstarrung eines Krüger-Bildes erwachen würden, dann ginge es weiter mit Grimassenschneiden. Warum denke ich das? Weil ich doof bin! Wie alle Menschen. Wenn ich das Bild von Keith Richards sehe, denke ich »guck mal, das ist ja Keith Richards, sieht der lustig aus«, ich denke nicht »guck mal, das ist ja ein Bild von Sebastian Krüger, kann der aber lustig malen«. – Es findet also eine Übertragung statt. Das, was eigentlich Krüger als Verdienst zukäme, unterstelle ich als Betrachter dem Porträtierten.

Das mag Ihnen sophistisch erscheinen, es erklärt aber – wie ich finde – eine Eigenart des Krügerschen Werkes.

Dies ist meine erste These: Er malt eigentlich nur Smpathen, jedenfalls keine ausgewiesenen Drecksäcke. Und zwar aus genau diesem Grund. Der Betrachter reagiert mit einer Sympathie-Unterstellung auf die Porträts. Da erschiene selbst Adolf Eichmann als lustiger Bursche. Damit will ich sagen: Krügers Porträts entlarven nicht den Menschen hinter dem Gesicht. Sie sind in dem Sinne keine politische Kunst, wie man sie gerne hat in Deutschland, sondern Pop, Entertainment. Der Grund ist ganz schlicht: Über wen man lacht, dem kann man nicht böse sein. Warum lacht man denn überhaupt, wenn man in die verzerrten Gesichter schaut?

Der Ursprung allen Lachens ist die Verzerrung der Wirklichkeit. Es ist noch gar nicht so lange her, da hat man über Behinderte gelacht, weil sie genau das Quentchen anders aussahen als die normierte Visage. Die Sublimierung des Lachens über entstellte Gesichter ist das Lachen über die Fratze in der Karikatur, hier darf man’s, hier soll man’s. Hinzu kommt die Häme, jemanden bloßgestellt zu sehen, den man sonst nur aus Glamour und Machtzusammenhängen kennt.

Und das ist meine zweite These: Darum malt Sebastian Krüger Leute, die man tausendfach schon anderswo gesehen hat. Seine Bilder leben vom Vergleich mit dem abgespeicherten Bild des Dargestellten im Kopf. Und dieser Vergleich fällt immer zugunsten Krügers aus. Gefangen genommen wird der Betrachter durch den angetäuschten Fotorealismus. Man kann gar nicht anders – so sind wir gestrickt – als dieser Technik Abbildungstreue zu unterstellen. Eigentlich ist Sebastian Krüger ein Gesichtsfälscher. Unterstützt wird diese Realismus-Unterstellung auch noch dadurch, daß uns die Grimassen meistens anstarren, man nimmt Blickkontakt mit ihnen auf. Irgendwie glotzen sie aber auch angriffslustig auf uns herab, und wir sind froh, daß diese Freaks im Acryl gefangen bleiben.

Meine dritte These: Krüger malt Bilder nach Bildern. Sein Thema ist die Bildergeilheit unserer Zeit: Die Frontfressen überall auf den Plakaten, die Anchormen und -women, sieben Tage – sieben Köpfe, neue Gesichter in alten Schläuchen. Dem Ewiggleichen dieser Welt neue Anmsicxhten abzugewinnen ist das tägliche Brot der Illustrierten, der TV-Magazine. Da gibt es die grobkörnigen Fotos von sogenannten Erlkönigen, auf denen man den neuen Golf zu sehen glaubt, das Paparazzi-Foto von Royals, denen von Reitlehrern am Zeh rumgesabbert wird. Unsere Augen werden immer gieriger, unersättlicher. Sie suchen den neuen Blickwinkel, das Ungesehene, aber nichts wirklich Neues. Was könnte diese Schaulust mehr befriedigen als das ungenierte porentiefe Starren in die Promifresse, wie sie Krügers Bilder ermöglichen. Gleichsam ertappt bei einer unbeobachtet gewähnten Grimassioerung liegt die Gesichtslandschaft des Promis vor uns da – bereit von den gierigen Augen verschlungen zu werden. Das kann kein Paparazzi bieten.

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