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Porträtmalerei hat einen neuen Namen und sieht auch anders aus: Sebastian Krüger (34) zerknautscht mit seinem Zeichenstift die prominenten Gesichter der Stars und verbindet Charakter und Physiognomie der Porträtierten auf unnachahmliche Weise. Und nicht nur die Rolling Stones sind begeistert.
?Was schätzen andere Menschen an dir?
Das kommt darauf an, welche Menschen das sind. In dem Dorf, in dem ich lebe, bin ich für die Leute ein ziemlich bunter Hund. Wahrscheinlich, weil ich nicht in Jogginghosen und Birkenstock-Latschen herumrenne. Treffe ich wiederum auf richtige Punks, bin ich für die wahrscheinlich ein kompletter Durchschnitts-Spießer, weil meine Haare nicht gefärbt sind.
?Wer oder was ist dein Regulativ im alltäglichen Leben?
Mich muß man nicht runterholen. Da wo ich lebe, bin ich’ ne Nullnummer. Ich habe keinen Grund, hier auf den roten Teppichen rumzumarschieren. Wenn ich ein paar Ausstellungseröffnungen im Jahr erlebe, merke ich erst wieder, daß ich für einige Leute interessant bin. Ansonsten male ich einfach nur Bilder.
?Deine Bilder zeichnen sich durch einen Blick für die Details der jeweiligen Porträtierten aus. Hast du diesen Sinn für’s Detail auch im täglichen Leben?
Meinen Eltern haben mir erzählt, daß ich schon als Säugling in der Lage war, Fliegen zu fangen. Ich habe mit dem Finger ganz langsam so eine Fliege verfolgt und dann einfach draufgepatscht.
?Dein Stil ist oft kopiert worden, zum Teil erschreckend schlecht. Wie kommst du damit klar, „nachgemacht“ zu werden?
Es stört mich eigentlich nicht. Es gibt natürlich Dreistigkeiten, wenn von mir wirklich brutal abgemalt wird. Andererseits habe ich dadurch irgendwann einmal beschlossen, mich immer schneller weiterzuentwickeln. So lasse ich alle Plagiatoren so weit wie möglich zurück, werde wieder künstlerischer oder expressionistischer; räume mir einfach noch mehr Freiheiten ein.
?Was versuchst du an deinem Stil weiterzuentwickeln?
Die Art und Weise, wie man Leute porträtierten kann. Dazu zählt die Technik. Ich habe mit Acrylfarbe angefangen zu malen. Eine dankbare Sache, weil diese Farbe absolut flexibel zu handhaben ist. Man kann alles mit ihr machen, sogar Ölfarbe vortäuschen. Ich würde mich nie so festlegen, daß man bei meinen Bildern jeden Pickel erkennt...
? Du bist also kein Fotorealist?
Auf keinen Fall. Das ist immer ein großer Irrtum. Fotorealismus unterliegt ganz harten Bedingungen. Um sich Fotorealist nennen zu dürfen, muß man auch so arbeiten. Die haben einen richtigen Ehrenkodex. Für mich eine ziemlich unkünstlerische Arbeit.
?Wie funktioniert deine Arbeitsweise?
Ich fange einfach an. Sehr spontan. Eine Idee kann mir überall kommen. An jedem Platz, bei jeder unmöglichen Gelegenheit. Da ich mit Acryl male, bin ich auch in der Lage, zu jeder Zeit zuzuschauen.
?Hast du dich schon mal selbst gemalt?
Klar. Es ist komischerweise nicht so viel anders, als wenn ich andere Leute porträtiere. Ich habe festgestellt, wenn ich mich Keith Richards beschäftige oder mit Burroughs, daß das immer etwas von einem Selbstporträt hat. Ich denke mich in die Person rein. Wenn ich dann in den Spiegel sehe, wundere ich mich, wie ich plötzlich aussehe. Ich habe gerade eine Woche lang an John Wayne rumgepinselt. Davon muß ich mich erst mal zwei Tage erholen. Du muß dir vorstellen, ich habe eine Woche lang auf diese große Fresse gekuckt und bin John Wayne geworden, obwohl ich mich mit dem überhaupt nicht identifizieren kann.
?Das ist ja fast „method acting“ in der Malerei?
Genau. Wenn ich jemanden male, der ganz wild lacht, ertappe ich mich oft dabei, daß ich selber die ganze Zeit über genau diese Grimasse ziehe. Beim Malen.
?Kannst du dir vorstellen, auch in anderen künstlerischen Bereichen tätig zu werden?
Man sagt mir gewisse schauspielerische Talente nach. Ich kann so kucken wie Helge Schneider. Im Ernst: Ich würde mich sehr gern an Plastiken versuchen. Wenn mal die Zeit kommt, wo ich von Zweit- und Drittverwertungen meiner Bilder leben kann, könnte ich mir vorstellen, ein halbes Jahr abzutauchen und loszulegen. Das geht momentan leider nicht. In der Werbebranche wird gespart, so daß ich sehr auf den Zeitungs- und Zeitschriftenmarkt angewiesen bin. Insofern arbeite ich ständig an Bildern.
?Gibt es Promis, die du nicht zeichnen würdest?
Für Michael Schumacher müßte man mir ziemlich mit Geld drohen. Er ist einer von den Leuten, die mich absolut abtörnen. Ich beschäftige mich sehr intensiv mit den Charaktern, an denen ich male. Bei Schumacher würde mir das schwerfallen. Er ist ein absoluter Langweiler für mich. Aber am schlimmsten ist, daß jetzt noch seine kleiner Bruder nachkommt, der noch langweiliger ist.
?Das Dauerthema Rolling Stones. Die spielt in deinem künstlerischen Schaffen eine herausragende Rolle. Mittlerweile bestehen auch sehr intensive persönliche Kontakte. Wie kam es dazu?
Mein Agent war damals in London und hat eine Mappe mit meinen Stones-Arbeiten zusammengestellt und ist straight zu Prince Rupert Lowensteen ins Stones Office vorgedrungen. Lowensteen nannte meine Arbeiten „pretty afwul“ und peanuts“. Im selben Raum war ein Typ namens Pierre, der gerade zu einem Date mit Keith Richards gehen wollte. Der nahm die Mappe mit. Mein Agent fuhr nach Hause, rief mich an und sagte, daß das Ganze ein Flop war und daß es unwahrscheinlich ist, daß wir die Mappe jemals wiedersehen. Später klingelte das Telefon, und dieser Pierre sagte, daß Keith die Sachen gesehen hätte, begeistert sei und mir einen Brief schreiben würde. Der Brief kam, und drin stand ein New Yorker Telefonnummer. Ich habe ihn bzw. seine Managerin angerufen, den Kontakt gehalten, und bei der nächsten Tour haben wir uns dann getroffen und sofort gut verstanden. Ron Wood hat sich rührend um mich gekümmert, mich allen Bandmitgliedern vorgestellt. Er ist ein großer Fan von mir. Mit ihm bin ich ernstlich befreundet. Es gibt regen Kontakt, und wir haben auch noch einige gemeinsame Projekte vor.
?Bist du auch Fan von seinen Arbeiten?
Von seinen Zeichnungen – ja. Bei seinen Gemälden – da muß ich noch ein bißchen mit ihm arbeiten. Ihm ein paar Kniffe beibringen. Seine Frau ist ganz begeistert, daß er jetzt endlich mal nem Kumpel hat, der ihm ernsthaft etwas sagt.
?Leben die Stones wirklich so, wie man denkt, oder sind das Vegetarier, die jeden Morgen joggen gehen?
Sie sind sicherlich alle etwas vorsichtiger geworden. Ron Wood aber lebt so, wie es ihm paßt. Wenn wir zusammen sind, gibt es schon den einen oder anderen Absturz bei Guiness und Cognac.
?Kollege Westernhagen wollte Bilder von dir kaufen?
Ich sage ihm, daß käme drauf an. Ich habe ihm nicht abgesagt. Daraufhin hat er sich nie wieder gemeldet.
?Dachte er, du fällst auf die Knie und schenkst ihm alles?
Keine Ahnung. Ich habe es nicht mehr mit Westernhagen. Nicht mehr, seit ich ihn bei der Voodoo Lounge-Tour der Stones erleben durfte. Mit seinen Agenten, seinen Handys. Er hat flehentlich gebeten, in der Voodoo Lounge Keith Richards zu Gesicht zu kriegen. Das war leider nix. Keith hatte keine Lust. Westerhagen machte in seinem Armani-Anzug tierischen Wind. Das war schon ein kleiner Triumph. Tja, Westernhagen, das nützt dir jetzt auch nichts, habe ich gedacht.
?Wer sind deine nächsten Opfer?
Ich arbeite gerade an meinen nächsten Buch, „Stars by Krüger“. Da sind Bette Davis, Fassbinder, John Wayne, James Dean Ich will aber auch wieder ein bißchen back to the roots. Möchte mehr Handlung malen, mehr erzählerische Elemente. Es müssen nicht immer Promis sein.
Vielen Dank für das Gespräch |