|
Ich kenne nur zwei Menschen, die dem Kopf als Ort der Identität eine so große Bedeutung beimessen. Der eine ist Eduard Zimmermann. In seiner Galerie vorwiegend südeuropäischer Straffälliger spricht aus jedem hängenden Mundwinkel, jedem Schatten unter den Augen ein Straftat. Der andere ist Sebastian Krüger. Ganze Biographien werden einfach nur Gesicht. Die Visagen bei Ede Zimmermann sind eindeutig Verbrecher, daß muß mir keiner erklären. Die von Sebastian Krüger eindeutig nicht, hauptsächlich weil sie in Farbe sind. Sollten Mick Jagger oder Marcel Reich-Ranicki mal zur Fahndung ausgeschrieben werden, mit einem Bild von Krüger ginge es nicht – obwohl man sie ja sehr gut drauf wiedererkennt. Eigentlich merkwürdig! Was lösen diese Bilder also in uns aus, welche Identitäten vermuten wir hinter den grotesken Visagen? Dies ist meine erste These: Er malt eigentlich nur Sympathen, jedenfalls keine ausgewiesenen Drecksäcke. Der Betrachter reagiert mit einer Sympathie-Unterstellung auf die Porträts. Da erschiene selbst Adolf Eichmann als lustiger Bursche. Damit will ich sagen: Krügers Porträts entlarven nicht den Menschen hinter dem Gesicht. Sie sind in dem Sinne keine politische Kunst, wie sie gerne hat in Deutschland, sondern Pop, Entertainment. Der Grund ist ganz schlicht: Über wen man lacht, dem kann man nicht böse sein. Und das ist meine zweite These: Darum malt Sebastian Krüger Leute, die man tausendfach schon anderswo gesehen hat. Seine Bilder leben vom Vergleich mit dem abgespeicherten Bild des Dargestellten im Kopf. Und dieser Vergleich fällt immer zugunsten Krügers aus. Gefangen genommen wird der Betrachter durch den angetäuschten Fotorealismus. Man kann gar nicht anders – so sind wir gestrickt – als dieser Technik Abbildungstreue zu unterstellen. Eigentlich ist Sebastian Krüger ein Gesichtsfälscher. Unterstützt wird diese Realismus-Unterstellung auch noch dadurch, daß uns die Grimassen meistens anstarren, man nimmt Blickkontakt mit ihnen auf. Irgendwie glotze sie aber auch angriffslustig auf uns herab, und wir sind froh, daß diese Freaks im Acryl gefangen bleiben. Was könnte unsere Schaulust mehr befriedigen als das ungenierte porentiefe Starren in die Promifresse, wie sie Krügers Bilder ermöglichen. Gleichsam ertappt bei einer unbeobachtet gewähnten Grimassierung liegt die Gesichtslandschaft des Promis vor uns da – bereit von den gierigen Augen verschlungen zu werden. Nach dem überwältigenden Erfolg am Eröffnungsabend gibt es zum Abschluß der Ausstellung eine weitere Signieraktion mit Sebastian Krüger: am Sonntag, 1.Juni, 16Uhr in der Galerie für komische Kunst
|