|
Der Karikaturist Sebastian Krüger ist der derzeit bekannteste und höchstbezahlte seiner Zunft in Europa. Grund genug für die Kasseler Caricatura, eine Krüger-Werkschau zu inszenieren. Der Mensch ist ein Augentier und neugrieg noch dazu, erst recht, wenn’s um berühmte Gesichter geht. O-Ton Dietmar Wischmeyer: »Ja, jetzt werden wir ernst, jetzt ist Schluß mir lustig. Ich kenne nur zwei Menschen, die dem Kopf als Ort der Identität eine so große Bedeutung beimessen, wie wir sie hier sehen. Der eine ist Eduard Zimmermann: in seiner Galerie vorwiegend südeuropäischer Straffälliger spricht aus jedem hängenden Mundwinkel, jedem Schatten unter den Augen eine Straftat. Der andere ist Sebastian Krüger. Ganze Biographien werden einfach nur Gesicht.« Mick Jagger, ein markantes Beispiel. Sebastian Krüger kam mit den Porträts der Rolling Stones nicht nur zu Weltrum, sondern sogar zu Freunden: Keith Richards war begeistert von Krügers kühnem Strich.- Diese Rundung gehört zu keiner Geringeren als Tina Turner, bravourös getroffen. Von Almsick bis Zappa, Krüger will bei aller Übertreibung kein Karikaturist sein, sondern immer porträtieren. O-Ton Sebastian Krüger: »Ich denke, daß die Gesichter das einfach mitbringen. Wenn man was von Gesichtern versteht- und das tu ich, glaub ich, schon-, wo sehr viel Leben drin zu sehen ist und auch Gelebtes, bereits Vergangenes: was Besseres kann einem als Zeichner ja gar nicht passieren, oder als Maler. Gesichter sind für mich auch wie Landschaften – eigentlich kann man mich auch Landschaftsmaler nennen. Und ich denke, einfach nur irgendein Kornfeld in Ohio, das bringt nicht so viel rüber, sagen wir mal Marke Patrick Lindner oder sowas. Also nehm ich mir lieber die Schweizer Alpen vor sage wir mal: Keith Richards.« Filme und Fotografien werden lange studiert, ehe dann das Bild entsteht. Hier eine von zahllosen Auftragsarbeiten für internationale Zeitschriften, Michael Jackson. Etiketten erleichtern das Erkennen der verrutschten Visagen, die die Schaulust der Caricatura-Besucher geradezu anstacheln. Ein Abend voller »Ach, der ist das!« und »Kuck mal da!«, bei dem das Lachen leider draußen warten muß, so bissig ist manche Satire in Acryl. Grönemeyer und Freunde: Zwerge, dem neuen deutschen Heimatlied verpflichtet. Fast jede Berühmtheit starrt uns direkt an, abgewrackt und jämmerlich, stolz und spröde. Nur einer schläft, ein Kanzler namens Kohl. O-Ton Sebastian Krüger: »Ich hab manchmal das Gefühl, daß die Situation in Deutschland wieder ist wie in den 50er Jahren. Jeder hat Angst, man darf nicht mehr ein bißchen frivol sein- und mal ein bißchen auf die sogenannte Kacke hauen.« Der wohl bekannteste documenta-Künstler Joseph Beuys. Krügers Hommage an den Mann mit Hut gerät zum perfekt inszenierten, handwerklich brillanten Porträt mit Hintersinn. Die Caricatura gilt derzeit als Mekka der Satire-Suchenden. Zuletzt kamen sechseinhalbtausend Besucher in die Galerie für komische Kunst in den Kasseler Kulturbahnhof.
|