Waldeckische Landeszeitung
Ausstellung im und am Kasseler Kulturbahnhof:
„Die komische Kunst“ in Containern

 

KASSEL. Der Bestand ist groß, die Aufnahme gelungen: „Die komische Kunst“ als Bestandsaufnahme zeigt noch bis zum 5 .Oktober die Caricatura Galerie im und vor dem Kasseler Kulturbahnhof. Die Auswahl der Werke von 16 Genre-Größen ist ein freiwillig komischer documenta-Beitrag.
Der Galerieraum reichte nicht aus. Also wurden weiße Baucontainer auf den Bahnhofsvorplatz gestellt und mit Cartoons, Karikaturen und Farbzeichnungen bestückt. Die nötige Infrastruktur (Cafeteria, Biertische, Souvenirshop) verwandelt den Kulturbahnhof mit dem Wahrzeichen der documenta 9, dem „Man walking in the Sky“, in den Ausgangspunkt der documenta 10. Und die Gefahr ist groß, daß man gar nicht weiter will in Richtung Fridericianum.
Einen Meister der gezeichneten Pointe entdeckt der Besucher im ersten Container. Der gebürtige Bielefelder Til Mette, bekannt aus taz, Süddeutscher Zeitung und Stern, stellt hier aus. Seine meist skizzenhaft erscheinenden Zeichnungen bilden den Hintergrund für Situationen mit absurdem wie sarkastischem Ausgang. Die Texte des 41jährigen verbinden Kulisse und Szene, der Witz wird beim Lesen geboren.
Eine Baubox weiter hängen Gunter Hansens Werke. Hier rührt „die kleine Kirsche...Millionen von Herzen mit ihrem Lied ,Spuck meinen Kern nicht weg´“ und wird die „quälende Angst des Jongleurs, auch noch den letzten Ball fallenzulassen“, im Bild sichtbar. Die Kunst des 37 Jahre alten Münchners besteht oft im skurrilen Kommentieren eines seltsamen Bildes, ist also gewöhnungsbedürftig.
Beim Duo Achim Greser und Heribert Lenz wird es dann wieder schrankenlos satirisch. Mit der Bilderserie „Der Führer privat“, regelmäßig in der Titanic zu finden, reißen sie Witze auf Kosten politischer Korrektheit und Mauern zwischen Pietät und Pointensucht ein. Einfach genial und unbedingt sehenswert auch die anderen Werke der Franken.
F.W. Bernstein: Dem Nestor, manche meinen auch Nestroy, der komischen Kunst ist ebenfalls ein Stahlkasten gewidmet. An dessen Kopfseite: 160 Skizzen in Postkartenformat des Professors für Karikatur und Bildergeschichte an der Berliner Hochschule für Künste. Einem Abstrusitätenkabinett gleicht der Container von Eugen Egner. Die Bilder des 1951 im württembergischen Ingelfingen geborenen Zeichners, dem die Caricatura 1996 eine ganze Ausstellung bereitete, sind kunterbunt, chaotisch und kafkaesk, erinnern an die Comics der „Clever and Smart“-Serie.
Die nichtgenannten Künstler der komischen Bestandsaufnahme in Stichworten: Rudi Hurzlmeier, Jahrgang 1952, fiese Farbbilder mit teils abgrundtiefen Assoziationen; Rattelschneck alias Marcus Weimer und Olav Westphalen, Jahrgang 1963 komische Kritzeleien mit (wahn-) witzigen Wortspielereien; Michael Sowa, Jahrgang 1945, malt Hintersinn mit Deckfarben, verleiht Szenen mit Acrylfarben seltsame Aussagen; Bernd Pfarr, Jahrgang 1958, Schöpfer Sondermanns und anderer skurriler Alltagsverlierer; Robert Gernhardt, Jahrgang 1937, über ihn ist alles gesagt, von ihm alles gezeichnet; Ernst Kahl, Jahrgang 1949, erschreckende Bildkompositionen aus dem toten (Blick-) Winkel; Walter Moers, Jahrgang 1957, amüsante Adaptionen, „Little Asshole meets Pop-Art“; F.K. Waechter, Jahrgang 1937, strichgezeichnete Minimal-Satire des Caricatura-Patenonkels; Gerhard Glück, Jahrgang 1944, der da Vinci unter den komischen Malern; Sebastian Krüger, Jahrgang 1963, verfremdet Promi-Porträts so sehr, daß jeder sie sofort erkennt; Gerhard Haderer, Jahrgang 1951, illustriert mit Farbstiften Austrophobie und beklemmendes Biedermeier im ausgehenden 20. Jahrhundert.
Zur Ausstellung ist ein empfehlenswerter Katalog erschienen. Auf 160 Seiten finden sich Künstler-Biographien, grundlegende Texte und viel komische Kunst. Der Katalog kostet in der Ausstellung 39, ansonsten 49,80 Mark.
Im Begleitprogramm gibt es am Donnerstag, 11. September einen Ernst-Kahl-Abend mit Lesung, Kurzfilmen, Dia-Show und Konzert der Partycombo „Ernst Kahl und Kayser“ im Bali-Kino im Kulturbahnhof. Wer nicht solange auf das Hamburger Multitalent warten will, kann ich heute nachmittag ab 17 Uhr auf dem Vorplatz erleben. Kahl und der Kasseler Kabarettist Bernd Gieseking enthüllten ihre beiden Skulpturen (Die Braut des Maurers, Skizzenbuch für Schmiede) und vielleicht auch, ob das unfreiwillig ernsthafte documenta-Beiträge sein sollen.

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