Titanic
Kunstmekka Kassel
Documenta X & Caricatura III

 

42 Jahre nach der ersten documenta scheiden sich an der weltweit größten Ausstellung für zeitgenössische Kunst auch heute noch die Geister. Was die einen unter ärztliche Kontrolle stellen möchten, ist für die anderen ein ästhetisches Urerlebnis und nachgerade der Inbegriff geistiger und kultureller Innovation. Und so werden auch 1997 wieder Hunderttausende nach Kassel pilgern, um dort das zu erleben, was Catherine David, die künstlerische Leiterin der X. documenta, als „manifestation culturelle“ ange-kündigt hat. Kein Programm für einfache Gemüter und schwache Fußgänger, denn der diesjährige Ausstellungsparcours führt quer durch Kassel, vom alten Hauptbahnhof über Treppenstraße, Fridericianum und Ottoneum bis hin zur documenta-Halle, der Orangerie und schließlich zum Ufer der Fulda.
In der documenta-Halle finden überdies Theateraufführungen und die Großveranstaltung "„100 Tage -–100 Gäste“ statt, die als „Forum für Akteure und Vordenker aus aller Welt“ konzipiert ist. Darüber hinaus gibt es ein umfangreiches Buch zur letzten documenta vor der Jahrtausendwende, ein eigenes Filmprogramm mit sechs Eigenproduktionen und ein Website, (http://www.documenta.de) , auf der u.a. speziell für das Internet konzipierte Kunstprojekte betrachtet werden können.

Bleibt nur noch die Frage, wie der Normalbürger die tiefere Bedeutung des geheimnisvollen Tuns und Treibens ergründen kann. Ganz einfach, er/sie fährt nach Kassel, besucht die Tempelstätten moderner Kunst und wirft einen Blick in den dX-Kurzführer, den Ausstellungsleiterin David mit einem leicht- und allgemeinverständlichen Vorwort über Sinn und Zweck der documenta versehen hat:
„Die letzte documenta des Jahrhunderts mußte sich – ohne dem modischen Trend zur Jubiläumsfeier zu verfallen – die Aufgabe stellen, einen kritischen Blick auf die Geschichte, die jüngste Nachkriegsvergangenheit zu werfen und auf das, was davon die Kultur und die zeitgenössische Kunst umtreibt: die geschichtlichen Ereignisse, das Gedächtnis, die Dekolonisierugsbewegungen, die „Enteuropäisierung“ der Welt (Wolfgang Lepenies), aber auch die komplexen – postarchaischen, posttraditionellen und postnationalen – Identifikationsbemühungen in den „fraktalen Gesellschaften“ (Serge Gruzinski), die aus dem Zusammenbruch des Kommunismus und der Brutalisierung des Markts entstanden sind.“
Wen dieses Konzept nicht überzeugt, der sollte den Tag vielleicht doch mit einem Abstecher zur Caricatura III beschließen, die im KulturBahnhof und in Ausstellungscontainern auf dem Bahnhofsvorplatz das Beste versammelt hat, was Deutschlands komische Kunst derzeit zu bieten vermag. Hier hagelt es puren Nonsens neben ausgesprochenen Boshaftigkeiten, denn hier finden sich Karikaturen und Cartoons von F.K. Waechter, Gerhard Haderer, F.W: Bernstein, Robert Gernhardt und natürlich Walter Moers. Schließlich gibt es auch zur Caricatura ein Begleitbuch mit vielen Abbildungen und Hintergrundinformationen, das den schönen Titel „Die komische Kunst“ trägt und für 49,80 DM zu erwerben ist.

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