Neues Deutschland
Karikiert die documenta? Oder dokumentiert die caricatura?
Kasseler Verwirrspiele mit Unterhaltungswert

 

Der Kunstbetrieb an sich ist schon ein Kuriosum. In ernstgemeinte Künstlerschauen gehen wir mit tiefschürfenden Verständnisblicken, und bei Karikaturistenproduktionen fühlen wir uns zu lauter Jux und Tollerei veranlaßt. Was mich betrifft – die so problemgeladene >documenta< konnte ich nur mit einem lachenden Auge ertragen, um nicht ins Heulen zu verfallen ob der Unvollkommenheit. Immerhin machten die Aktfotostudien (nur echt mit Stuhl) von Edgar Honetschläger oder das Riesenradmodell von Catherine Beaugrand oder die idyllischen Kleinstwohnwagen von Andrea Zittel doch sehr lachen. Anschließend besuchte ich die als flankierende Maßnahme zur >documenta< gleich neben dem Kulturbahnhof veranstaltete >caricatura<. Und mußte da soviel ernsthafte Kunstbemühung um den kleinen Spaß herum beobachten, daß ich glatt ins Grübeln kam.
Ja, denn nun haben wir es nicht mehr mit Karikaturen und auch nicht mehr mit Cartoons (wußten die Leut eh nicht, was das ist) zu tun, sondern mit komischer Zeichenkunst. Mit Betonung auf der allerletzten Silbe: Kunst. Vor Tische hörten wir es anders – höchstes Glück der Cartoonblumenkinder war die Vergänglichkeit der Pressezeichnerei. Je salopper. Desto mehr ein Klopper. Jetzt ist das Ölfarbbilder unter den komischen Gesellen und Gesellinnen ausgebrochen. Je länger die Farbe aus dem Pinsel tropft, fließt, verschwebt, je zarter sie verrieben und vertrieben wird, desto romantischer, also besser. Die >documenta< verschmäht, verteufelt, verurteilt die Ölmalekunst. Es lebe die >caricatura< in Öl und Aspik! Robert Gerbhardt schreibt dazu extra einen Artikel in den Katalog, um eine vor 15 Jahren gemeinte Meinung zu revidieren. Damals war er noch fürs schnell und knapp Pointierte, heut singt er das Lob des langen Atems. Zum Glück kommt es in der Kunstpraxis immer anders, als Kunsttheorie wahrhaben will. Kaum etwas gerät tatsächlich langatmig, selbst wenn Rudi Hurzlmeier nun mehr Sitzfleisch beweist, als er statt zu malen nur mehr zeichnete. Malerisch der Beste ist ohnehin Bernd Pfarr. Das nützt ihm dennoch nicht viel, denn die Art und Weise des Gags wiederholt sich gar zu oft. Dafür obsiegt bei Ernst Kahl regelmäßig die Prachtidee über die sich in Grenzen haltende Malkultur.
Und so fort. Die komischen Zeichenkünstler sind gottlob verschieden. Til Mette ist nach wie vor ein blitzgescheiter Improvisierer – seine Öle sind überflüssig. Dafür kann es bei dem düsteren Niedersachsen Sebastian Krüger gar nicht hochdramatisch genug zugehen: Bette Davis und R.W. Fassbinder sind malerisch durchgestylte Psychogramme von Freudscher Dimension. Jede >documenta< könnte damit brillieren. Gerhard Glück und Michael Sowa machen sowieso immer ganz selbstverständlich etwas Gutes – gewiß ist das gemalt, aber so auf die Pointe hin, da ist man hin. W.K. Waechter zeigt wieder mal Zeichnerisches, hat sich aber im Grunde aus der Zeichnerszene verabschiedet. Zum Theater hin. Leider. Ja, und leider brillieren Greser & Lenz, die starken Pointemacher, immer noch mit der Mauerzeichnung >Kleine Witzchen mit Trabbi gen Westen, große Pointen mit Lastauto gen Osten<...
Tja, und da packt unsereins der ganze Jammer des Wiedervereinigten. Vor fünf Jahren war >documenta IX< und >caricatura II<. Letztere mit starker Ostbeteiligung. Jetzt bei >caricatura III< sind 16 West-Asse unter sich. Fortschritt? Normalität? Niveau? Gewiß, >caricatura< dokumentiert. Komische Zeichenkunst West auf teilweise hohem Niveau. Im Schnitt besser als nebenan bei >documenta<. Unvollständig ist die eine wie die andere. Die selektierende Schizophrenie der Deutschen – ein lächerliches Kapitel innerhalb der europäischen Einigung. Was könnte besser die Europaunreife westgermanischer Stämme illustrieren, als ihre Bezogenheit ausschließlich auf das Eigene? Diese kritischen Einschränkungen ändern nichts am Ergebnis, das in einer höchst erfreulichen Ergänzung zum hochgejubelten tiefgestapelten >documenta<-Ereignis kontrastiert. Der Katalog, genannt wie die Ausstellung >die komsiche Kunst<, ist in bewährter Koproduktion mit dem Lappan Verlag Oldenburg eine rechte Augenweide. Vor allem die doppelseitigen >Künstler-Portraitfotografien<von Britta Frenz machen mehr her, als sonst übliche Info-Fotos. Sie sind großzügig aufgemachte Bildessays über das Komische im und am Künstler. Regie und Ausstellungsgestaltung durch die Macher der Dauereinrichtung CARICATURA, Galerie für Komische Kunst, Achim Frenz und Andreas Sandmann – nichts dran auszusetzen. Vor allem die Zweiteilung der Schau in zwei Raumerlebnisse bietet reizvolle Kontraste. Drinnen sozusagen der klassische Teil mit den >großen< Namen, draußen die jüngeren >Wilden< in den Containern mitten in einer kleinen Freßmeile.

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