Münchner Stadtmagazin
Comix & cartoons
DIE KOMISCHE KUNST

 

Es gibt ja Leute, die Zeitschriften grundsätzlich von hinten nach vorne lesen. Wer das mit dem Blatt, das er gerade in Händen hält, genauso macht, der kennt auch Gunter Hansen. Oder zumindest seine idiosynkratischen Küken. Bei diesem unverschämt schön gestalteten Ausstellungskatalog zur Caricatura III in Kassel, einer Art Olympiade der besten deutschen Zeichner, muß man vorne mit dem Lesen (wahlweise: Staunen / Wundern / Sich-Weg-scheißen) anfangen, dann weiß man auch recht bald, wie Hansen aussieht (tolle Fotos: Britta Frenz). Er, und all die anderen Erste-Liga-Zeichner, bekommen mit diesem Band eine längst überfällige Ehrung (kompetente Texte: Achim Frenz, Gudrun Hölz). Ehrung insofern, als daß in Deutschland Cartoonseiten immer noch bedenkenlos eher zum Fischeinwickeln mißbraucht werden als zur Krönung des Bücherregals. Unmöglich, sie mir alle einzeln vorzuknöpfen: Da ist Michael Sowa, vertreten mit einem Gemälde, so großflächig, wie er´s nun mal verdient – „Halbfinale: Bulgarien gegen Rhodos“. Dicke Männer mit nacktem Oberkörper, sie spielen Tischtennis. Zeitlos, tolle Farben ... scheußlich. Oder, locker aufs Blatt gespien, die immer THC-verdächtigen Nebenkriegsschauplätze von Rattelschneck („Jean Saul Parterre“). Gleich davor ruht Hurzlmeier in sich, bekanntlich der andere gute süddeutsche Zeichner (gell, Fredi?). Man sieht: F.W. Bernstein (mit einem schönen Essay über Komik in Zeichnerei), F.K: Waechter, Robert Gernhardt und andere von der alten Titanic-Garde sind in bester Gesellschaft. Auf charmante Art super-bekloppt ist nur das Grußwort des Ministerpräsidenten Hans Eichel, der in einem Absatz locker alle verbotenen Wörter unterbringt: „einen Zerrspiegel vorhalten“, „spitzfindige Beobachter“, „mit oft beißendem Humor“.

Mein persönlicher Liebling , neben Eugen Egners „Déjà-vu“, ist dann doch Til Mettes Urlaubsgruß aus New York, in dem ein Deutscher im Soz.-Päd.-Outfit einen schwarzen Skater mit den Worten anspricht: „Darf ich Sie mal was fragen, oder soll ich mich erstmal selber ficken?“

P.S.: In Kassel gibt es alle fünf Jahre parallel zur „Caricatura“ noch eine andere große Kunstausstellung. Heißt „documenta“. Soll sich auch lohnen.

Caricatura (Hrsg.): Die komische Kunst, Caricatura Edition, 160 Seiten, HC, farbig, 49 Mark 80

Die Ausstellung „Die komische Kunst“ ist noch bis 5.10. in Kassel in der Caricatura, Bahnhofsplatz I, zu sehen.
Zurück

Startseite