Bericht: Volkhard App
Der Kunst der Karikatur hat sich nicht nur das Deutsche Museum für Karikatur und Kritische Graphik, das Wilhelm Busch-Museum in Hannover, verschrieben, sondern auch ein engagierter Kreis von Ausstellungsmachern in Kassel, der noch bis zum
5 .Oktober in der Caricatura-Galerie – im und am KulturBahnhof Kassel – zwar komische, aber manchmal durchaus auch ernstgemeinte >Kunststücke< zeigt – und das bereits zum dritten Mal. >CARICATURA III – Die komische Kunst< ist denn auch das humoristische Spektakel überschrieben. Umgesehen und unter den Karikaturisten und Cartoonisten ungehört hat sich dort, in dieser, nun ja, eigenwilligen <documenta-Konkurrenz<, Volkhard App:
Mitten in der Wüste stehen drei Buchhalter mit Aktentaschen, ordentlich gekleidet sind sie, mit Ärmelschonern. Was haben die drei ausgerechnet in der Wüste zu schaffen? Um die absurde Situation weiter zuzuspitzen, hat Zeichner Gerhard Haderer in den goldgelben Sand auch noch eine Ampel gestellt – die zeigt rot. Und siehe da, die drei Buchhalter verhalten sich korrekt, sie warten erst einmal.
An skurrilen Einfällen mangelt es den Cartoonisten nicht. Verstärkt hat sich ein künstlerischer Trend. Zwar bringen die Künstler ihre Ideen auch mal mit ein paar lockeren Federstrichen zu Papier, vor allem aber malen sie ihre Pointen, sie tragen dick auf, pinseln penibel jedes Detail. Warum eigentlich? Ernst Kahl, ein Virtuose der schrägen Ideen:
O-Ton Ernst Kahl: >Die Malerei macht Inhalte schwerer und Brüche stärker, würd´ ich mal so sagen. Also, wenn ich meinetwegen ein Bild aus dem Sozialistischen Realismus zitiere, in dem ich Lenin male und wie er auf die Wundmale von Jesus schaut, die dieser ihm sehr, sehr stolz zeigt, also ihm sozusagen beweisen möchte, daß die Geistlichkeit in dieser Zeit über das materialistische Denken gesiegt habe, dann kann ich wirklich nur so arbeiten. Wenn es ne kleine Skizze wäre oder ne kleine Zeichnung, würde es als Zitat nicht erkennbar sein und würde auch längst nicht so eine Wirkung erzielt haben.<
Und es hat wohl auch kommerzielle Aspekte, denn für die farbstarken Arbeiten finden sich Galeristen und Sammler, die Preise ziehen kräftig an – und sind es nicht gerade die gut zahlenden Illustrierten, die solche farbopulenten Werke wünschen? Cartoonist Gerhard Glück:
O-Ton Gerhard Glück: >Das ist natürlich der Fall. Seitdem nun die Medien zunehmend die Farbe entdeckt haben, auch eben für diesen Bereich der Illustration, sind wir auch genötigt, Farbe mit einzusetzen. Aber das dürfte nicht allein das Kriterium sein. Ich für meine Person hab schon sehr lange mit Farbe gearbeitet, auch als es in Magazinen noch relativ rar war. Aber jetzt macht’s natürlich um so mehr Spaß, je mehr man diese Dinge einsetzen kann – soweit es Sinn macht. Es sollte also nicht unbedingt Farbe sein, wenn nicht notwendig, aber wenn mans sich einrichten kann, daß man mit Inhalten vertraut und betraut wird, die Farbe verlangen, ist es schon von Wichtigkeit, die dementsprechend, wie ich meine, einzusetzen.<
Glück zeigt einen stämmigen Karl Marx in Latzhose, der sich im Baumarkt Handwerkszeug besorgt. Richtig: es sind Hammer und Sichel. Dieser Witz, der unter anderen Händen als Kalauer gestandet wäre, wird durch Glücks Handwerk zur glaubwürdigen Behauptung – massiv ins bilde gesetzt, strapaziert er das Zwerchfell. Wie lange sitzt Glück an seinen gemalten Cartoons?
O-Ton Gerhard Glück: >Unterschiedlich – man könnte es nach Quadratmetern zählen ... Es gibt natürlich Situationen, wo einem die Farbe im Raum Probleme bereitet, wo man eben nicht gleich so rankommt, wie man will, aber erfahrungsgemäß läuft die Sache nach einer groben Vorzeichnung an und für dich schon sehr schnell über Farbe weg. Auch aufgrund der Nötigung, die man von den Medien hat, daß man nicht allzuviel Zeit hat, darüber zu brüten.<
Glück zeigt auch den Verpackungskünstler Christo, wie er stilgerecht mit seiner Frau das Frühstück einnimmt – sorgfältig verhüllt, wie es sich für beide gehört.
Politische Attacken siedeln in dieser Schau eher am Rande, ansonsten läßt das Spektrum kaum zu wünschen übrig: Walter Moers parodiert mit seinem >Kleinen Arschloch< die Kunstgeschichte malt den vorlauten Zwerg mal in kubistischer Manier, dann á la Warhol, und wenn das >Kleine Arschloch< kopfsteht. Fällt einem dazu ein deutscher Maler ein.
Sebastian Krüger wiederum porträtiert die Prominenz, entstellt sie zur Kenntlichkeit, die Gesichter der Film- und Rockstars explodieren förmlich. Joseph Beuys wirkt unter seinem riesigen Hut wie ein Zombie.
Unappetitliches gibt es in dieser Schau zuweilen auch, kleine Gemetzel – einen Köter, der das dicke Frauchen als Beute in seine Hütte gezogen hat. Auch Ernst Kahl liebt das Anstößige: so hat er für Kassel ein Hitler-Denkmal entworfen, eines mit bös verzerrten Proportionen. Gibt es in unserer schrillen Zeit eigentlich noch Geschmacksgrenzen?
O-Ton Ernst Kahl: >Es gibt Geschmacksgrenzen, aber die ziehe ich nicht. Es gibt Geschmacksgrenzen, die in Redaktionen gezogen werden, da heißt es dann: >Das können wir nicht veröffentlichen!<. Im Feinschmecker, das ist ein Gourmet-Magazin, wenn man da ein bißchen zu grobschmäcklerisch arbeitet ... die haben ja ein Klientel, die, naja, doch ein bißchen feinsinniger ist, da gibt es dann Grenzen. Ja gut, bevor ich ein Bild umsonst male, sag ich mir: >Laß es lieber sein, mal lieber für die Titanic, aber für den Feinschmecker geht es nicht.<
Die meisten der hier versammelten Künstler sind ganz ordentlich im Geschäft. Aber das Zeichnen und Malen ist ihnen offenbar auch ein inneres Bedürfnis. Multitalent Robert Gernhardt.
O-Ton Robert Gernhardt: >Es hat auch was vom Theater, man kann ein ganzes Personal ohne große Schwierigkeiten herbeizaubern, auf das Papier bringen. Wilhelm Busch sprach von seinem >Taschentheater<, das er da hatte. Ich selber fühle mich dann also auch wie ein Regisseur, wenn ich mehrere Figuren versammle und Ihnen die Worte in den Mund lege, als Sprechblase, und wenn ich sie animiere, also wenn ich ihnen Seele einhauche. Ich erlebe das, was jeder komische Zeichner auch erlebt: wenn man diese Figuren zeichnet, dann sieht man auf einmal selbst so aus – wenn man verkniffene Männchen zeichnet, verkneift sich das Gesicht, wenn man gelassene zeichnet, dann ist man selber gelassen. Also, man erlebt selber auch so eine kleine Gefühlsreise, wenn man zeichnet, und andere Leute werden von dieser komischen Kraft zehren können, die man da reingesteckt hat.<
Von der zarten Nonsens-Poesie bis zum grellen Effekt reicht die Palette in Kassel. Wer aus dem intellektuellen Labyrinth der documenta hier am KulturBahnhof in die Cartoon-Ausstellung gerät, kommt in eine andere Welt. Können sich denn die Cartoons neben Madame Davids Mega-Ereignis behaupten? Gudrun Hölz, die die CARICATURA betreut:
O-Ton Gudrun Hölz: >DA hab ich überhaupt kein Bedenken. Wir sehen uns als Ergänzung zur documenta, und wir haben schon immer wieder die Rückmeldung von Seiten der Presse und von Seiten des Publikums bekommen, daß Leute bei uns in der Ausstellung stehen und sagen: >Oh, wie toll, hier gibt es Bilder, hier gibt es Leinwände, Malerei, das sehen wir hier auf der documenta kaum – wie schön!<. Und das freut uns natürlich besonders zu hören.< |