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Wird dieser Tage nach Kassel reist, um sich die documenta X anzusehen, hat es nicht leicht. Das mag sich zum einen auf das Reisen beziehen – überfüllte Züge, Staus auf den Straßen -, vor allem aber auf das lange herbeigesehnte Kulturereignis in der nordhessischen Metropole. Im Gegensatz zur documenta 9 des Jahres 1992 wird man nicht mit auffälligen, farbigen, spektakulären Außeninstallationen begrüßt, und auch in den einzelnen Hallen, die die documenta bespielt, findet sich schwere, schwierige, theoriebeladene Konzeptkunst, die ohne vorherige Beschäftigung bzw. ohne Führungen nicht ohne weiteres verständlich ist. Ausstellungsmacherin Catherine David verfolgt damit ein sehr eigenwilliges und umstrittenes Konzept, das zudem einem von ihr vorgeschlagenen Parcours durch die Stadt folgt. Dieser Parcours beginnt am KulturBahnhof und endet in den Fuldaauen. Geht man diesen Parcours in der Reihenfolge, kann man am Ende vor Erleichterung die dampfenden Füße ins Wasser hängen. Geht man ihn umgekehrt, wird man mit dem belohnt, was die documenta selbst gar nicht zu bieten hat: mit zugänglicher, verständlicher, komischer, leicht-sinniger Kunst.
Am KulturBahnhof angekommen, lockt die Galerie für komische Kunst mit ihren 300 qm Ausstellungsfläche, ihrem tollen Galerie-Shop, wo es viele witzige Postkarten, Bücher, Grafiken usw. zu kaufen gibt. Außerdem bietet die Caricatura Café-Bar kühle Biere und andere Freuden, so daß der trockene Gang durch die Hochkunst bald vergessen ist und die Vorfreude auf die komische Kunst von einem Besitz ergreift. Gesteigert wird diese Vorfreude noch, wird man der sechs Industriecontainer auf dem Bahnhofsvorplatz ansichtig, die weitere One-Man-Shows der komischen Zeichner, Maler und Plastiker beinhalten. Die Künstler, die an der CARICATURA III teilnehmen, sind Bernd Pfarr, Eugen Egner, Ernst Kahl, F.K. Waechter, F.W. Bernstein, Gerhard Haderer, Gerhard Glück, Achim Greser und Heribert Lenz, Gunter Hansen, Michael Sowa, Rattelschneck, Robert Gernhardt, Rudi Hurzlmeier, Sebastian Krüger, Til Mette und Walter Moers.
Nach den zwei Themenausstellungen von 1987 und 1992, jeweils zur documenta 8 bzw. zur documenta 9, wo es – im ersten Fall – um einen damals einmaligen Überblick über die bundesdeutsche Szene in Sachen Karikatur ging, und – im zweiten Fall – um das Thema Tod und Sterben, zeigt die Caricatura heuer eine höchst subjektive Auswahl von >nur< 17 komischen Künstlern. Der Grund dafür: diese Schau will eine Hommage an die beteiligten Künstler sein. Manche von ihnen, wie F.K: Waechter, Robert Gernhardt und F.W: Bernstein, gehören seit fast 30 Jahren, seit Gründung der Neuen Frankfurter Schule oder seit Gründung von Zeitschriften wie z.B. pardon oder Titanic zur Crème der deutschen Satire und Karikatur. Viele andere sind der Caricatura seit langem eng verbunden, hatten in Kassel zum Teil Einzelausstellungen, waren an diversen Gruppenausstellungen beteiligt und haben in der hauseigenen Caricatura Edition Kataloge verlegt.
Stichwort Katalog: Der Katalog zur CARICATURA III – sein Titel schlicht >Die komische Kunst< - ist ein höchst gelungener Prachtband. Gebunden, 160 Seiten stark, ist er eine wahre Fundgrube für alles, was Herz, Hirn, Bauch und Lachmuskeln begehren. Jeder der beteiligten Künstler wird mit einem Foto vorgestellt und ausführlich beschrieben: Werdegang, Ausstellungen, Preise, Charakteristika, Publikationen. Diese Buch zeigt die schier unerschöpfliche Vielfalt und Phantasie, die die komische Kunst so sehr lebendig machen. Zum Beispiel einen Zyklus von kleinformatigen Aquarellen von Achim Greser mit dem Titel >Hitler privat<, oder die Gipsplastiken des Linzer Künstlers Gerhard Haderer, der sonst eher durch bitterböse gesellschaftskritische Malereien aufgefallen ist. Überhaupt gibt es im Bereich der komischen Kunst, ganz im Gegensatz zur documenta, sehr viel Malerei. Von Ernst Kahl natürlich; dann sind in Kassel die 100 X 70 cm großen Acryl-Potraits von Sebastian Küger zu sehen, unter anderem von den Rolling Stones, von Gérhard Dépardieu und Rainer Werner Fassbinder, oder, schön altmeisterlich in Öl, die Coverversion der Kunstgeschichte von Walter Moers. Sein >Kleines Arschloch< hat sich in die Bilder von Warhol, Haring, Picasso und Roy Lichtenstein eingeschmuggelt. Eine wunderbare Arbeit ist das perfekt gemalte Bild >Mit Marx im Baumarkt< von Gerhard Glück, das Karl Marx mit Einkaufswagen und blauer Latzhose vor einer Auswahl von Sicheln zeigt – das ist großartig. Rudi Hurzlmeier, ebenfalls ein begnadeter Maler, stellt sich unter anderem auch als ideenreicher Skulpteur vor: herausragend seine >Weiche Flöte< eine Gummiwärmflasche mit Löchern, und eine Zahnbürste, deren Kopf allerdings nicht mit Haaren oder Borsten, sondern mit Zähnen bestückt ist. Neben den Stars wie Rattelschneck, Bernstein, Waechter, Pfarr und Eugen Egner findet sich ein herausragendes Blatt des seit vier Jahren in New York lebenden Til Mette: Ein Touristenpaar kommt in eine PKW an einem Zebrastreifen mit Schild vorbei. Das Schild – wir alle kennen es – zeigt einen Mann mit Hut, der ein Kind an der Hand führt. Die Frau im Auto sagt: >Den Schildern nach sind wir in Belgien.<
Eingeleitet wir der Band von diversen Vor- und Grußworten, den sich ein zwölfseitiger Aufsatz von F.W: Bernstein mit dem Titel >Komik in Zeichnerei und Gemälden< anschließt. Am Ende schreibt Robert Gernhardt zum Thema, und es findet sich ein komplettes Verzeichnis der abgebildeten Werke, das Künstler, Titel, Technik, Entstehungsjahr und Format angibt. Eine Standardpublikation zu einem Thema, das mittlerweile im heute journal und auf ARTE ernstgenommen und gewürdigt wird. Der Band kostet 48,90, ist in der Caricatura Edition erschienen und im Buchhandel über den Lappan Verlag erhältlich.
Wem diese Buchbesprechung, diese Katalog- und Ausstellungsbesprechung nicht gereicht hat – und das darf einfach nicht reichen -, alle diese Fans der komischen Kunst müssen unbedingt nach Kassel fahren! Die CARICATURA dauert noch – länger als die documenta übrigens – bis 5. Oktober und ist täglich geöffnet von 10.00 bis 21.00 Uhr. Der Eintritt kostet acht Mark, sechs Mark ermäßigt. Also: unbedingt hinfahren und sich die CARICATURA von vorne bis hinten und zurück ankucken! |